Filmkritik: „Twentynine Palms“ (2003)

Weites Land, oberflächliche Menschen * 1/10 „männlicher“ Vergewaltigungen

In natürliches Licht getaucht und mit einer teils entsprechend immensen Nüchternheit ausgestattet, erzählt der Film von einem scheinbar gleichgesinnten Liebespaar in einer denkbar verdörrten, durchgängig heruntergekommen anmutenden Wüste von Amerika. „Armut schändet nicht“, scheint der Film als „realistisches“ Roadmovie zunächst sagen zu wollen – in seinen besten Momenten mittels entwaffnender Poesie und einer nicht nur negativ wirkenden Sprachlosigkeit. Sehr gefehlt, denn schnell wird deutlich dass das Paar überhaupt nicht zusammenpasst, seine Beziehung in einem dysfunktional-pathologisierenden Sinne äußerst „gestört“ ist – eigentlich als grundfalsch rüberkommen soll, und der Film ist demzufolge ein weiterer der Gattung „eingebildeter Realismus trifft verdeckt moralisierenden, vorgeblich offenen Idealismus“: gleichzeitig wird der dünkelhafte Kulturpessimismus immer deutlicher, die immensen Vorurteile gegen Sexualität und den Sexualakt als tendenziell gewalttätiger Handlung betreffend – vor allem auch bezüglich deren zumindest vermeintlich „männlicher“ Ausprägung als Reduktion von Gefühlen,  sowie die ureigentlichen Anlagen der Charaktere, ihre Motivation, persönlichen und ökonomischen Hintergründe: „er“ ist prinzipiell ein Verlierer in seiner Welt, der sich „sie“ als Migrantin erkauft hat, eine die bis vor kurzem an das Glück in Amerika (noch) geglaubt hat, deren Naivität zugunsten des idealer Weise als „mitdenkend“ gedachten Publikums sichtbar bröckelt und durch eine Depression ersetzt wird. Auftritt des anderen Parade-Stereotyps in diesem Geschlechterdualismus, denn „er“ kann nicht nur nicht zuhören, sondern seine Empathie wird bestenfalls von einer brutalen Impulsivität unterdrückt. „Er“ ist prinzipiell das „Tier im Manne“ – als Objekt die Versächlichung eines Menschen. Und „sie“ kann wohl nicht nur schlecht einparken, sondern „ihr“ scheint jegliches Technikverständnis zu fehlen – das deutliche Manko in einer motorisierten Welt. „Sie“ ist die Duldsame, die trotz zwischenzeitlich weiterer Beziehungsbrüche und Konfrontationen sogar noch nach seiner Vergewaltigung Fürsorgliche – das ewige, perfekte, geborene Opfer, das „er“ nur praktisch wie ein zusätzliches Haustier auf seiner Reise hält (zusätzlich zu seiner eigenen, bestialischen Animalität), als Sexspielzeug benutzt. Natürlich meint der Film das alles als „Kritik“ am „Mann“, er stellt sich mit der „Frau“ zusammen gegen den „Mann“ – wie misogyn diese Solidaritätserklärung als Konstruktion ist würde selbstverständlich schnell klar werden, wenn nur die Rollen der beiden mal vertauscht wären, aber genau das ist in diesem „Realismus“ ja nicht vorgesehen, einem „Realismus“ der prinzipiell nichts anders als reiner Biologismus ist. Wie reaktionär und regelrecht anachronistisch diese strikt moderne, teleologische Betonung vordefinierter Kategorien ist, fällt vor allem auf, wenn der Film direkt mit Produktionen von Breillat, Von Trier oder Campion aus der Zeit verglichen wird, denn hier ist Ambiguität eine Finte, bestimmte Zuordnungen von Menschen werden eben nicht zurückgedrängt, Ambivalenz kommt zugunsten eines gestrengen Dogmas von Gesellschaftlichkeit grundsätzlich nicht vor, „Gewalt“ wird beständig versucht zu diffamieren und mittels Repräsentation zu überbieten – nur nicht die ungeheuerliche eigene, denn die wird „selbstkritisch“ nicht einmal erkannt. So kanns gehen, dürfte Dumont einem „uns“ sagen wollen – wenn es keinen traditionell familiären Rückhalt (mehr) gibt, wenn die konservative Geborgenheit eines geordneten, bürgerlichen Lebens absent ist, bleibt nur mehr jene Barbarei übrig welche dieser Film vorstellt – perfider Weise scheint der Film am Schicksal der Frauenfigur am Ende aber gar nicht so interessiert zu sein. Der Film ist, vermutlich weil der Regisseur sich auch als solcher versteht, deutlich näher am letztlich immer aggressiven Mann dran – ohne für dessen Situation auch nur irgendein Mitgefühl zu empfinden. Und darüber wird schließlich noch die weibliche Viktimisierung überboten, in Form der männlichen Vergewaltigung. Als  Vergewaltigter wurde er nur um eine weitere Vorstufe seiner Täterschaft gewissermaßen „bereichert“, die Vergewaltigung kehrte bloß das um worin für Dumont das Wesen „männlicher“ Sexualität offenbar bestünde, in der Vergewaltigung an der Tagesordnung wäre – genauso erscheinen mir wenigstens sämtliche Sexszenen in „Twentynine Palms“ inszeniert.

Rating 1.5

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