Ein deutlicher Mangel an PsychologInnen

Sasha hat eindeutig schon zuviel gesehen, als dass sie das Gute einfach akzeptieren könnte. Und „The Walking Dead“ ist in der fünften Staffel tatsächlich viel besser geworden als ich es je erwartet hätte – ähnlich wie „Homeland“ in der vierten, nach Brody’s Tod.
Wie die (ehemalige) Gruppe das Misstrauen gegenüber der vermeintlichen Endzeit-Idylle, welche in der Serie auf einmal eingekehrt ist, nicht zu verarbeiten gedenkt und folgerichtig Widerstand gegen Nichts leisten will, ist mehr als toll geschrieben worden: selten wurde in einem Mainstream-Elaborat das Vorhandensein von Zivilisation stärker in Frage gestellt. Die frischen, wilden, starken Menschen verhalten sich als Neuankömmlinge im relativen Paradies wie wilde Tiere auf einer Farm – in beständiger Gefahr zu verweichlichen und für doch immer mögliches Unheil dann nicht mehr ausreichend gerüstet zu sein. Im ständigen Training für den Ernstfall – nur ohne dass ihre neue Umwelt davon irgendetwas merken würde, oder hat diese doch noch was mit ihnen vor – jedenfalls: was für ein Alptraum, nach allem was ihnen diese Postapokalypse bereits beschert hat – beinahe Sehnsucht nach den Zombies.
Und dieses in der Fiktion real existierende Utopia namens „Alexandria“ lässt vorerst noch dazu keine begründeten Zweifel aufkommen, jedenfalls außerhalb der mangelhaften geistigen Gesundheit in der Gruppe. Schlimmer gehts kaum mehr.
Fast wie weiland bei De Sade wären diese „Überlebenden“ ohne Konfrontation beinahe uninteressant, müsste sich die Serie von ihnen als Gegenstand gewissermaßen verabschieden – vor allem das, diese bessere Trennungsoption – den Fernseher/Stream abstellen und gut -, machte die letzten beiden Episoden überdeutlich: es fehlt beim „Überleben“ nunmal ziemlich an Sinn – jenseits aller Einbildungskraft. Und diese Spannung hat einen Grund, denn „Alexandria“ mag zwar eine gute Politik aufweisen, ein geordnetes Gemeinwesen wenn alles in seinen „normalen“ Bahnen läuft, hat in Sachen Gesundheit ansonsten aber vielleicht höchstens einen potentiell eifersüchtigen Arzt, der nicht nur als Serien-Randfigur langweilig-blass sein dürfte, und vor allem keine psychologische Betreuung in Richtung Gesprächstherapie und Co. Außer Beteuerungen und Versicherungen kennt „Alexandria“ keine professionelle Hilfe, die etwa Sasha dringend bräuchte um sich ihrer Situation bewusst zu werden. Vielleicht ist es dafür wirklich einfach zu „gut“.
Während die in der Wildnis vormalig Mitleidenden ihre eigenen starren Wege gehen, erste Zivilisationsschritte wieder machen. Selbst die Figur der Carol, welche ich letztes Jahr massiv kritisierte: ihre Rolle hat sich von einer in der Narration mangels Alternativen wohl oder übel affirmativ zu interpretierenden, sozialdarwinistisch motivierten und innerhalb der rationalistischen Serienlogik deshalb positiv besetzten Kindermörderin ziemlich gewandelt – als ob die AutorInnen sich meine damalige Verurteilung zu Herzen genommen hätten: die Serie macht aus ihrem schäbigen, manipulativen und missbrauchenden Charakter durchaus keinen Hehl mehr – da kann sie mich oberflächlich noch so sehr an Beatrice Arthur erinnern, Carol ist einfach keine Gute nicht.
Highlight der zweiten Staffelhälfte ist bislang allerdings zweifellos das Casting von Tova Feldshuh (Holocaust): Feldshu’s Deanne, der Serien-Douglas Monroe, ist wahrhaftig sowas wie ein fleischgewordener „guter“ Governor – nett auch der Gastauftritt, welchen David Morrissey vor ein paar Folgen gab. Ihre Hillary Clinton-artige Performance, nur scheinbar frei von jeglichen Opportunismen und im krassen Gegensatz zur ehemaligen First Lady (vor allem nachdem ich deren abscheuliche Autobiografie gelesen hatte) aufrichtig-integer wirkend, kommentiert „The Walking Dead“ nun die Perzeption einer vermeintlich „guten“, zentristischen Weltpolitik dieser Tage. Und unverhofft entwickelt sich „The Walking Dead“ aus postmoderner Sicht auch sonst zu einer Erfreulichkeit: sowohl Hautfarben, als auch sexuelle Orientierung und Geschlechterkonstruktionen spielen immer weniger eine Rolle – die Serie ist mittlerweile sogar weit weg von Repräsentationsdünkeln nach dem vorbeugenden und letztlich oft genug doch keineswegs erfüllbaren Gießkannenprinzip, in „Alexandria“ scheinbar bereits dazu übergegangen mit diesbezüglichen Erwartungshaltungen humorvoll zu spielen.

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