Argumente zum „Überleben“

Im VDVC-Forum: ‚Also noch kann ich da keine stichhaltige Argumentation erkennen, weshalb sich mein Verständnis für das Anliegen weiterhin eher in Grenzen hält. Ich sehe das immer noch so, dass die Beschwerde auch glaubhaft begründet sein sollte. Und nicht nur juridische Positionen in Abwägung mit verfassungsmäßigen Grundsatzurteilen vermittelt und vertreten werden sollten, wobei sich da vermutlich immer auch andere finden lassen könnten.
Es ist zwar einerseits gut darauf hinzuweisen was für gewöhnlich als eher unproblematisch betrachtet wird, und wie einseitig oder platt diese Sichtweisen oft sind, andererseits schließt der Hinweis darauf ein anderes Denken über Videospiele und deren Inhalte scheinbar selbst wieder aus und widerspricht sich dadurch. Wobei ich zwar nicht glaube dass das beabsichtigt war, doch der Vorwurf, oder besser die Unterstellung, einer Freude an Gewaltdarstellungen ist zwar einerseits ein Problem, andererseits diese Freude mindestens ebenso ein berechtigtes Interesse (siehe von Neuem meine Diss). Alles andere ein ethisch/moralisch/menschlich widerrechtlicher Eingriff in autonomen Geschmack und individuelles Empfinden: letztlich ein gedankenpolizeiliches Vorhaben, die richtige Reaktion, ein sittlich wünschenswertes Verhalten in einem Gegenüber und an dessen privaten, wenn schon nicht intimen, Gedanken normativ teil haben-wollen auszudrücken (zu manipulieren, euphemistisch – wie Ian Bogost – politisch „überzeugen“ zu wollen).

Und die Idee einer Diffamierung von Gewalt, wie sie Haneke hat, setzt dabei einen ganz bestimmten Gewaltbegriff voraus, einen der sich künstlerisch an einen Realismus orientiert der betroffen machen will und zum „Nachdenken“ anregen – zumal der Begriff kulturpessimistisch unterstellt, dass das sonst nicht getan werden würde… Es stimmt zwar, dass Games diesbezüglich auch unterschätzt werden, aber von ihnen geht auch eine energetische Kraft aus die einen Shooter eben nicht unbedingt minderwertig macht – im Sinne der mittlerweile oft vorgebrachten „ludonarrativen Differenz“ oder von angeblich „lazy design“, wenn sich Games partout (immer noch) nicht irgendwelchen Vorgaben anpassen wollten: „BioShock“ wäre ohne seine Identität als Shooter nicht „BioShock“, sondern würden darin umso mehr Opferrollen (die betroffen machen) eingenommen werden ein ganz anderes Spiel/Medium/Werk. Ja vielleicht gerade ein repräsentableres, besser herzeigbares, „familien“freundlicheres usw.
Nur davon spricht ein Christian Stöcker natürlich keineswegs. Aber: große Kohle mit Videospielen machen schließt diese Ablehnung eines anderweitigen „Konsums“ von Vornherein schonmal gewissermaßen aus. Ebenso Genrekonventionen – denn „Genre ist Lüge“ wäre gleich ein anderes, nicht weniger autoritäres Zitat.

Dass sich Konzerne lieber weiterhin anpassen anstatt bei solchen Beschwerden mitzumachen, sollte demnach auch nicht verwundern. Also wie das alles Games und gewaltdarstellenden Medien in Deutschland helfen soll, wüsste ich beim besten Willen nicht: die Konsequenz für Videospiele wäre in etwa, dass diese keinen Spaß mehr machen dürften, sondern ähnlich betroffen. Das hielte ich für in der Sache völlig unglaubwürdig und komplett verfehlt.
Zum Stöcker-Zitat noch im Detail: es finden sich bei ihm sicher auch genügend Beispiele, wo er mal den Erklärbären spielte, zwischen „Gut“ und „Böse“ relativierte und für Games (scheinbar) in die Bresche sprang – schließlich wurde das Zitat mit der ‚guten Shooter-Tradition seit „Castle Wolfenstein“‚ hier jetzt auch (bewusst?) ausgelassen, doch – ob es einem in den Kram passt oder nicht – auch Nazis sind Menschen. Und nur weil der Rassismus bei diesen (oder) anderen (wie dem notorisch unliebsamen Ami John Wayne) ausgemacht wurde, gibt das noch niemand irgendein Recht, diese reihenweise niederzumähen.
Im Gegenteil: dass das scheinbar doch so gedacht und verstanden wird, bestärkt doch nur dieses „Argument“ in dem Gewalt in Videospielen immer gutgeheißen werden würde, weil halt auch diese (antifaschistische) Gewalt gegen Nazis eher unterstützt wird.
Das Stöcker-Zitat erinnert so auch wiederum an seinen titelgebenden „Sager“ von der „Romantisierung“ der Weltkriege durch „Killzone 2“ (erneut in meiner Diss zu finden). Wieder: als ob Weltkrieg nicht romantisch sein könnte!
Genauso könnte auch einem Terrence Malick Ähnliches vorgeworfen werden, weil er Krieg poetische Facetten abgewonnen hat. Auch Kubrick und dessen satirisch-dissonanter Poesie in einem Atompilz am Ende von „Dr. Strangelove“: Kunst kennt diese politischen oder rechtlichen Hickhacks glücklicher Weise nicht. Wovon sie, anstatt dieser starren Dialektik von Pro und Contra, dafür eindeutig mehr hat ist Ambiguität und Ambivalenz. Und über genau deren Bedeutung gelte es aus meiner Sicht auch zu sprechen.

Denn es gibt auch groteske Darstellungen (aktuell etwa in „Mortal Kombat“) und (dunkleren) Humor, ansonsten wären etwa schon Monty Python mit ihrer Splatterszene in „Die Ritter der Kokosnuss“ verdächtig.
Und „Manhunt“ ist so ungefähr das unlustigste Rockstar-Spiel, das was am meisten betroffen machen könnte – würde es entsprechend wahrgenommen werden und nicht nur auf seine BDSM-Klischees und Videologik reduziert -, was wieder die Stöckersche Idee von „Satire“ oder vielleicht auch nur „Kritik“, eines Ein- oder Widerspruchs gegen Stereotype, nur halt nicht die eigenen, unterläuft.
Schließlich drückt am Ende auf „Überleben“ als (womöglich wesentlichen) Gemeinplatz hinzuweisen auch nur jenen Darwinismus aus, der Fähigkeiten und effiziente Anpassung über alles schätzt. Und mit Verlaub: der muss mit Eurer oder irgendeiner Werteordnung keineswegs in Einklang zu bringen sein. Es gibt, als empirisch schwache Äußerung, nämlich auch Menschen oder Tiere die dazu nicht imstande sind und, entgegen allen Regeln der Vernunft, vielleicht trotzdem am Leben bleiben wollen.‘

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