Diesseits von Gut und Böse

Exklusive Ergänzung: wie seltsam sich Debatten über „Unmoral in Videospielen“ trotz strafrechtlicher Darstellungsverbote nunmehr mitunter gestalten können, zeigt aktuell auch der Artikel „Reiz des Bösen“ in der aktuellen „GameStar APRIL 04/2015“ (92f.).
Unter diversen Rückgriffen wird darin gewissermaßen dem unverdächtig Bösen und dessen wohl vermeintlicher Faszination nachgespürt, denn strafrechtlich relevante Titel finden sich bei den vielen Beispielen im achtseitigen Text von Nils Osowski kaum.
Marcus Stiglegger stellt etwa sein Konzept der Verführung vor, natürlich ohne zu fragen wer eigentlich wovon wozu verführt werden solle: sein Beispiel „Knights of the Old Republic“ (2003) passt da gut dazu, zumal nicht erwähnt wird dass der böse Roboter HK-47 tongue-in-cheek-Charakter hat. Was das Böse eigentlich ist oder wäre, bleibt dabei ebenso außen vor wie sein Gegenteil unerwähnt bleibt – im Artikel von Dennis Kogel über „Flüchtlinge in Spielen“ (88f.) und ökonomische Barrieren bei der Videospiele-Themenauswahl unmittelbar vor „Reiz des Bösen“ konnte man sich davon vielleicht aber schon ein Bild machen, oder auch nicht: hieß es dort doch sinngemäß, dass Videospiele vor allem davon handeln was Kreative realistischer Weise kennen würden, oder mit welchen Problemen sie sich auch in ihrem real-life herumschlagen… Nun, dann müssten die alle ganz schön eindimensional Böse sein oder (siehe der Alien-Kollege im Video unten) werden wollen: Hauptsache die Gegensätze bleiben bestehen und werden eben nicht eingerissen, in Frage gestellt.
Bemerkenswert auch der Kasten mit einem der Leute von „Hatred“: das Publikum sollte sich selbst ein Bild davon machen warum das Spiel schon titelgebend Hass ausdrückt – als ob es das transhumane „Deus Ex“ wäre – und ob Videospiele gar „unmoralisch“ sein könnten, wird dort gefragt. Selten so gelacht: komplett vergessen scheint der fast geschlossene redaktionelle Aufschrei vor sechs Jahren zu sein, nur Petra Schmitz hatte sich damals im Hintergrund gehalten, als der Bruch von Genre-Konventionen in „No Russian“ von „Modern Warfare 2“ beim „Call of Duty“ verständnislos blieb: aber dieses „Unmoralische“ war vermutlich gar nicht gemeint – keine Massaker an Unschuldigen, lieber (weiter) stereotype Wichte und gewöhnliche Verbrechen.

Eine differenzierte Ethikdiskussion wäre wahrscheinlich auch zuviel verlangt, aber am mit Abstand fragwürdigsten (98f.) und herausstechend boulevardesk fand ich allerdings schon das Interview mit Lydia Benecke, Autorin diverser Schmöker über „böse“ Menschen und deren Beziehungen zu ihrer (sozialen) Umwelt. Das Interview führt die Diskussion um das Thema zurück auf die Ursache-Wirkung-Ebene. Und gibt einmal mehr den Medien eine Mitschuld am Bösen: die Frage ist nur, ob die Medien oder das Böse eher da war, und ob die Medien als Ideengeber – falls es die zu Untaten anstachelnden bösen Medien nicht schon vor den bösen Menschen gegeben hätte – von eben jenen Finsterlingen nicht erst erfunden werden müssten, so wie es vor hundert Jahren schonmal gewesen sei – vermutlich weil sie damals nicht lesen konnten, oder die literarische Grundlage für den „Sadismus“ über welchen Benecke schreibt, diese zensurtechnisch wirklich nicht kannten. Als gedanklichen Mischmasch aus Inspiration, Korrelation und Kausalität. Wie dem auch sei: was für eine Arbeit für die Bösen wäre das, ihre eigenen Medien erst selbst (wieder) erschaffen zu müssen. Ob es einem da nicht vergeht, böse sein zu wollen…
Doch der Umgang mit diesem Thema ist leider traurig-ernst, denn „der Sadist“ erscheint hier von seinem kulturhistorischen Erbe längst losgelöst als nebulös „kranker“ Mensch mit Persönlichkeitsstörung. Eine eigentliche Wertedebatte findet demnach überhaupt nicht mehr statt – scheint der Naturalismus sogar nicht mehr gelten zu lassen. Stattdessen diese Krankheit auszuloten wird jedenfalls irgendwie als einzige Aufgabe diesbezüglich gesehen, das heißt dem Bösen als Krankheit näher zu kommen. Und dann die Welt, ja, vielleicht davon zu „heilen“?
Es reicht anscheinend die Bösen als „psychisch auffällig“ zu beschreiben um sie von normalen Gesunden zu unterscheiden, und wenigstens potentiell Ordnung in einer davon befreiten Welt wiederherzustellen. Keine Spur gibt es so mehr von jenem unbändigen Willen „Böse“ sein zu wollen, den De Sade und die Seinen ureigentlich verbreiteten, weil sie zumindest vorgaben alles andere nicht mehr zu ertragen: wenn die müssten was aus ihrem Erbe heutzutage gemacht wird – sämtliche Perfidie in ihren Absichten, programmatische Ansagen komplizierter Verbrechen, die bei De Sade an seinem wirren Ende ausgeklügelten Ziele um sich vielleicht auch nur irgendwo entladen zu können – alle, ureigenste Ideologie als Ausdruck einer libertinen Krankheit im Endstadium?
Geht es eigentlich noch bequemer? Doch in einer Welt des übermächtigen Funktionierens und einer alles umfassenden Gesundheitsidee scheint das Böse letzten Endes tatsächlich banal geworden zu sein – oder auch marktgerecht nur eindringlich banalisiert werden zu wollen, damit die erklärungssüchtigen Massen seine Existenz in der Welt besser verkraften und die Trivialität, welche in derlei Behauptungen steckt, nicht durchschauen.

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