Schlecht-Tätigkeit

In den letzten drei Monaten schaute ich mir mit den jeweiligen Ausgaben der GameStar mal wieder an, ob, und falls ja, wie, sich deren Berichterstattung über Videospiele in den letzten Jahren geändert hat: mein Urteil fiel bereits ziemlich ernüchternd aus. Nachlese: so schrieb ich schon wie das Thema „Moral“ in Videospielen jetzt angegangen wurde. Nur um in derselben Aprilausgabe auf einer der beiliegenden DVDs in Übergröße die volle Ladung an Vorurteilen und negativen Gefühlen gegenüber dem skandalisierten „No Russian“-Level aus „Modern Warfare 2“ erneut präsentiert zu bekommen – als Mischung aus überbordender Skepsis gegen derlei Inhalte, Zynismus und schlichten Beschimpfungen. Denn kommerziellen Spielen scheint einfach immer noch nichts zugetraut zu werden, das von der Norm abweicht, kein Bruch von Genre-Konventionen zugestanden: umso bitterer, wenn in einem anderen Video gleich nebenan sich an der Gewalt eines „Strafe“ offen delektiert wird, weil diese ja innerhalb seiner Grenzen und ansatzweisen Abstraktion vermutlich „angemessen“ wäre, und nicht mit realitätsnaher Zivilbevölkerung als Opfer konfrontiert.
Wie überhaupt sämtliche Videos neuerdings mit USK-16-Freigabe offen und unzensiert USK-18-Spiele zeigen, und sogar ungeprüfte Pipelines wie das neue Gratis-„Unreal Tournament“, wo es doch zweifelhaft sein dürfte, dass die in der Form überhaupt ein deutsches Kennzeichen erhalten. Und in der aktuellen Juniausgabe (90f.) nun, ein Beitrag über Spiele-Wohltätigkeit als bunten Mischmasch aus „Child’s Play“-Initiative gegen Jack Thompson und Co., deren steuererklärliche Belastung, und „Serious Games“-Vorstellung: es sei heutzutage schon ein Trend, heißt es da gewissermaßen, dass die Grenzen zwischen diesen „ernsten“ und allen anderen Videospielen doch eingerissen werden möchten.
So wird verschwiegen, dass etwa ein „Papers, Please“ immer noch nicht für Konsolen erschienen ist: mag sein dass eine PC-Zeitschrift nicht über deren eklatante Probleme reden will, trotzdem wäre ein Hinweis auf diese Situation mehr als angebracht gewesen, denn Titel wie „Never Alone“ sind immer noch absolute Ausnahmen auf Konsolen. So gibt es weiterhin kein „Papers, Please“ für irgendeine von deren Plattformen, obwohl wenigstens ein Vita-Port schon im August letzten Jahres angekündigt wurde. Manchmal wird etwas nebulös in Aussicht gestellt, bis es dann von den mobilen oder offeneren PC/Mac-Plattformen rüberschwappt – meistens pompös, das heißt mit viel Marketing-Trara – können aber viele Jahre vergehen, wobei die Vorbehalte welche Nintendo schon gegen ein „The Bindung of Isaac“ inhaltlich hatte, mir immer noch in Erinnerung sind. Da braucht niemand mehr fragen wie die beiden RPG-Maker-Produktionen, die in dem Artikel erwähnt werden (einer über Mobbing mit Tweens als Zielgruppe), einer Öffentlichkeit weiterhin zugänglich gemacht werden sollen.

Grundsätzlich wird nur darüber geredet was entwickelt wird, aber eben nicht über welche Kanäle es letztlich halt (doch nicht) publiziert. Verwundern sollte diese Situation allerdings leider auch nicht.
Denn die aufrüttelnden und letztlich politisch relevanten Inhalte scheinen in Mainstream-Games nur dann verstanden oder, anders als „No Russian“, akzeptiert zu werden, wenn sie wie in GTA als vermeintliche „Satire“ verpackt werden, oder in ein Fantasy-Kleid eskapistisch verklausuliert erscheinen – wie im Fall des aktuellen „Witcher“ viel an die Situation der Roma in Osteuropa erinnert: man beschränkt sich dennoch höchstens darauf anzumerken, dass es „Rassismus thematisiere“ – fast gleichklingend wie bereits seine Werbung.
Und diese Inhalte werden dann nicht einmal weiter angesprochen werden, vermutlich da auch in ein Spiel wie „The Witcher“, aus PR- oder sonstigen Gründen, wieder nicht „zuviel hineininterpretiert“ werden soll. Bloß danach wer alles wo herausinterpretiert, wird gleich wenig gefragt, wie danach, woher diese ganzen Untersexualisierungen eigentlich kommen.

Denn wer schließlich schon davon spricht, dass (manche) Videospiele „mehr“ sein könnten als „Call of Duty“, der hat das Minderwertige im Anderen sowieso längst ausgemacht, und stellt nichts weiter als eigene Überlegenheit vor – gepaart mit dem überheblichen Tonfall in praktisch allen Videos der Zeitschrift: wo es immer wieder nur darum geht mit ausschließlich technischen Mitteln und Fähigkeiten eine „Logik“ von Inhalten, den Wert von Narrationen, ja sogar Ästhetik zu erklären. „Überzeugender“ Weise.
Man kann sich jedes Mal ausmalen was dort goutiert wird: meistens ist es der kleinste gemeinsame Nenner einer veröffentlichten Meinung. In der Maiausgabe etwa, dass in „Skyrim“ – wegen „Enderal“ – die Geschichte angeblich zu klein geraten wäre: man kennt es ja schon von „Mass Effect 3“ – als die „Community“ den Kreativen (teilweise ja leider sogar erfolgreich) noch beibringen wollte wie ein „zufrieden“ stellendes Ende für die Trilogie aussähe. So als ob deren reale Leben auch immer passend verlaufen würden und demzufolge erfüllend(er) wären, und wie ein physikalisches Experiment von entweder „Erfolg“ oder halt Scheitern gekennzeichnet, (nicht) gekrönt.

Dass der nur ein wenig aus der Norm fallende Sprecher in „Dungeons II“ dementsprechend heruntergeputzt wird, konnte man sich auch ausmalen – als ob der eigene Humor um soviel besser wäre. Alles Eindrücke und Debatten die von anderen Ausdrucksformen völlig unbekannt sind.
Gut, Naserümpfen über Michael Bay gibt es auch von selbsternannten „Cineasten“ – ebenso wie in literarischen Zirkeln über diverse Bestseller gespottet wird: dennoch beides garantiert nicht in jener repräsentativen Weise, wie es so eine Zeitschrift bezweckt. Wo anstatt von Rezensionen immer noch wesentlich eher Produkttests stattfinden, diese Tests eine Deutungshoheit erst zementieren: und letztlich werden auch die „gut vernetzten Einzelpersonen“, jene die Spiele von ihren Vorurteilen eigentlich befreien könnten, so immer nur das gleiche (sozial) bewegen und lieber unter sich bleiben wollen, grenzen alle die ihnen nicht zustimmen erfahrungsgemäß aus, oder erklären sie sowieso zu dem wogegen sie ohnehin (schon immer) auftreten wollten, also etwa alle die sich selbst nicht für „normal“ halten. Denn für die gilt das Kredo „Videospiele für alle“ in einer normativen „Gameskultur“ offenbar nicht.

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