Die Teufelsanbeter von der PlayStation – Neues zu „Kritik“ und „Moral“

Kommentar und Replik. Die Replik war wieder mal stundenlang in der Moderation, wurde letztlich aber doch freigeschaltet: ‚Die
Frage ist ebenso suggestiv wie, gerade bei dem Anlassfall, unsinnig: auch „Hatred“ symbolisiert keine grenzenlose „Freiheit“, oder „alles“ zu „dürfen“. So haben sich die Entwickler von Anfang an heftigst dagegen gewehrt, dass ihr Spiel einen rechtslastigen Hintergrund hätte. Aus meiner Sicht nur wenig überzeugend.
Vielmehr versteckten sie sich stattdessen hinter einem vor sich hergetragenen Nihilismus: gehe jedenfalls davon aus, dass wenn dieser „Hass“ einen eindeutige(re)n politischen Hintergrund hätte, dann auch ein Gabe Newell dafür keine Ausnahme gemacht hätte.
Ich würde vielmehr danach fragen wie ernst gemeint das Spiel eigentlich ist. „Satire“, „Krieg“ oder ähnliches als Vorwand zu nehmen halte ich jedenfalls für ähnlich zweifelhaft.
(…)
Anders als der Artikel suggeriert weist auch „Hatred“ gewissermaßen einen Kontext auf: da gibt es einen langhaarigen Mann der zumindest vorgibt alle (?) Menschen zu „hassen“ und diese deshalb über den Jordan schicken will, vielleicht halt noch dazu möglichst brutal – zumindest im Rahmen seiner Schusswaffen, andere häufig inkriminierte Spiele wie der Humor aus „Dead Rising“ haben ja eher auf Alltagsgegenstände gesetzt.
Ansonsten ist eine von Rede von „Kontext“ nur eine Plattitüde. Wobei der Hass beliebig durch etwas anderes ersetzt werden kann, wie eben Krieg: und dort gibt es perfider Weise dann sogar etwa ein „Kriegsrecht“: der Gedanke an Gewalt als Selbstzweck ist deshalb irreführend – der Zweck der Gewalt ist auch hier vielmehr evident.‘

Dahinter schwingen natürlich Ideen, wonach „Kritik“ immer wünschenswert wäre – weil im besten Fall ja auch „konstruktiv“ – und „Moral“ etwas Positives. Doch wenn etwa beim Militär Truppen eine „hohe Moral“ aufweisen, bedeutet das nicht dass sie besonders „moralisch“ handeln würden oder gar „gut“ wären, sondern vielmehr dass sie für die militärische Sache einsatzfähig sind, militärisch funktionieren.
Und ein Nihilismus ist auch nicht (libertin) amoralisch, sondern sich aus Sachen der Moral vielmehr heraushalten wollend: so wie Nietzsche sich auch nicht bewusst – wie etwa De Sade – gegen „die Moral“ gestellt hat, weil das auch immer heißt diese mehr als bloß ein Stück weit als Autorität anzuerkennen, sondern eher an einer dezidierten Umkehrung von Werten interessiert war. Alternativen zum schwach empfundenen Christentum im Rahmen einer Selbstbefreiung anbietend: auch positivistische Politikbegriffe werden diesen Umstand jedoch nur allzu gern nicht berücksichtigen.
Während ein Amoralismus vielmehr gegen das arbeiten wird was einmal als (vorherrschende) Moral ausgemacht wurde, ja sogar auf diese (christliche) Moral (allein) fixiert erscheint: da reicht es nicht seine eigene Moral durchzusetzen, das was selbst für richtig gehalten wird – ob mit Gewalt oder nicht. Ähnlich das begriffliche Verhältnis zwischen „Menschenverachtung“ als abwertenden Begriff im politischen Diskurs, und dessen relativen Euphemismus „Misanthropie“. Jede „Kritik“ an unliebsamen Mitmenschen, deren Verhalten nicht goutiert wird, deutet schon darauf hin diesen und deren Positionen diesbezüglich überdrüssig zu werden, wenn sie als Minderheit gegen die politischen Anliegen einer willkommenen Mehrheit sind.

Was soll dann auch „Spielekultur“ nur sein?

Im aktuellen „Hatred“-Text von Dimitry Halley ist er wieder aufgetaucht: dieser seltsame „Spielekultur“-Begriff. Und dabei geht es nicht um einen „engeren“, oder „erweiterten“, Kulturbegriff, sondern vielmehr um ganz Grundsätzliches. Fragen wie danach, welches autoritäre, normierte, von eigentlichen Inhalten letztlich beständig losgelöste Denken dort eigentlich dahinter steckt.
Einmal mehr wurde so nämlich der Eindruck erweckt, dass ein Spiel sich auf „Spielekultur“ und spielende Menschen (die viel bemühten „Communities“) bloß auswirken könne, aber selbst nicht Teil von alledem wäre – zumindest dann nicht, wenn es sich um keine wünschenswerte Produktion handelt: wohl gemerkt ein „Produkt“ das tief verwurzelt in jeweiligen Genre-Konzepten steckt, auf etablierten Plattformen erscheint usw. Und selbst wenn es sich um ein völlig fernab der traditionellen Games-Industrie und ihrer angestammten Kanäle entstandenes Spiel handelt, ob etwas „unabhängiger“ wie Desura oder nicht, dann macht diese Vorstellung immer noch keinen Sinn, denn selbst ausgewiesene Terrororganisationen würden mit einem solchen „Spiel“ zumindest hoffen ihre Hassparolen entsprechend „spielerisch“ Leuten (positiv) näher zu bringen. Überzeugungsarbeit leisten wollen – bei Leuten die wenigstens des Spielens mächtig sind, das heißt – funktionalistisch gesprochen – über eine entsprechende „Kompetenz“ verfügen.

Und niemand würde danach fragen ob etwa andere Werbung von denen, wie vielleicht irgendwelche Flugblätter, Teil einer „Buchkultur“ wären oder nicht, und deren „Community“, also die lesenden Menschen dieser Welt, betroffen machen könnte (wie nützen oder schaden) – unabhängig davon ob sie Flugblätter nun gelesen haben (und etwa darauf reagieren) oder nicht. Und „Kultur“ ist ebenso wenig etwas das Barbarei auszuschließen vermag, wie „Zivilisation“ oder „Vernunft“: ein hohes Maß an Zivilisation hat die Schrecken (und deren Interessen) im 20. Jahrhundert genauso wenig verhindern können, wie Rationalisierungsüberlegungen. Im Gegenteil: industrielle Vernichtung von Menschenleben hat vielmehr auf Ideen der Rationalität und ein zivilisatorisches Klima der Verfeinerung und Spezialisierung in der dämmernden Moderne basiert, Rückgriffe auf Vorstellungen in Hinblick auf „Nutzen“ und „Nützlichkeit“, „Fähigkeiten“, „Effizienz“ – letztlich dieselben oberflächlich betrachtet rein technizistisch und bürgerlich-zivil verankerten Begriffe, welche unsere „nachhaltig“ naturalisierte Welt von heute bestimmen.
Rationalität und (mitunter bürokratische) Verteilung von Aufgaben usw. Ordnung und Vermögen. Keine humanistische Aufklärung hat das verhindern können.

Was ist überhaupt Kultur?

Ohne sich auf historische Debatten oder eine eigentlich zeitgenössische Begriffswelt bezüglich „Kultur“ einzulassen, wäre eine schöne Möglichkeit danach zu fragen was „Kultur“ nicht ist: und so ist es etwa keine Frage von Kultur eine Notdurft verrichten zu müssen, sondern vielmehr Natur. Wie die Notdurft jeweilig verrichtet wird, das heißt welche Utensilien dafür zum Einsatz kommen, an welchem Ort das geschieht, auch wie der Vorgang vonstatten geht – im Sinne von welches soziale Verhalten dafür zum Einsatz kommt oder wie dahingehend kommuniziert wird – für das alles steht sehr wohl ein Kulturbegriff: die Geschichte der Toilette ist in jedem Fall eine kulturelle Angelegenheit und keine Naturbeobachtung. Und auch Tiere verfügen demnach über Kultur.
Ein domestiziertes Wesen wie eine Katze vermeidet es für gewöhnlich ihre Notdurft überall zu verrichten: sie geht dafür an einen bestimmten Ort. Bei Paarhufern sieht die Sache wiederum ganz anders aus: sie sind, zumindest meistens – wenn man so will -, natürlicher, auch „freier“.
Ja, Kultur ist nicht speziesistisch zu gebrauchen: Kultur ist auch keine Frage von „erlaubt“ oder „verboten“, von „Recht“ oder „Unrecht“, sondern vielmehr von Existenz und Vermeidung, sowie Eigenschaften und Modalitäten. Kultur kann demnach auch nichts „schaden“, ebenso wenig etwas davon „profitieren“, weil es kein Konstrukt ist das von Vornherein auch nur irgendeinen Wert hätte außer jenen der ihm jeweilig zugeschrieben wird. Kultur ist vielmehr etwas das bewahrt und geschützt werden sollte, aber auch nur weil es vergänglich ist – ähnlich wie Natur und unabhängig davon ob es nun etwas „Gutes“ oder „Schlechtes“ wäre, etwas „Gefährliches“ oder „Harmloses“ – die „Gefahr“ besteht bei Kultur vielmehr darin, das sie verschwindet – sie ist etwas das, wie Natur, leicht verloren gehen kann, bedroht wird, und dann ist niemand mehr da ist, der sich daran, an sie, erinnern könnte – das unbestimmte es als Ausdruck, das Werk, Produkt, ein Ergebnis, von Neuem erkennen, bewerten usw.
Selbst dann wenn kulturelle Artefakte etwa in erster Linie Straftaten dokumentieren, wie Hinrichtungsvideos im Internet, ist ihre Existenz kein unbedingter Schaden für andere Videofilme. Das ist ein schlichtes Vorurteil gegenüber jeden anderen Film.
Genauso wenig wie, lange vor diesem Herrn Godwin, bei Ray Bradbury im Film unten eines von „allen Büchern“ das gezeigt wird die Vernichtung aller anderen bedingen könnte. Auch dieser Band braucht keinen Zusammenhang, keine direkte „Auswirkung“ auf andere Bücher zu haben – sowohl jenen nicht die davor kamen, als auch in Hinblick auf allem was etwa später geschrieben wurde. Dasselbe gilt für Musik, andere Tondokumente, oder eben Videospiele die aus meiner Sicht ja vor allem eines sind: eine Mischung aus allen anderen Medien – mit zusätzlichen Optionen.

Beispiel Sony: weder politische Parteien noch Religionsgemeinschaften sind am PSN vertreten. Die eigene Gesinnung lässt sich dort nur eingeschränkt symbolisieren.
Dafür gibt es allerlei Waffen als käufliche PS3-Avatare, die Ansagen um repräsentativere Kraftausdrücke mit diversen Nationalitäten in Form von Flaggen verbinden – ein Schelm wer da an Rassismus denkt. Und bei der Religion gibt es eine einzige Ausnahme, nämlich den Satanismus.

Als Christ habe ich kein verirrtes, mich diesbezüglich repräsentierendes Symbol dort noch entdeckt – als Katholik kann ich mich weder durch ein Konterfrei von Pater Pio, noch den (aktuellen) Papst, bei Sony vertreten lassen. Dafür als „Soldat Luzifers“ ausweisen, oder werde mit der entsprechenden Zahl „666“ und Pentagrammen noch und nöcher konfrontiert.
Und diese seltsame Situation hat zweifellos einen ganz bestimmten Grund, denn der Satanismus wird demnach – anders als andere Religion – offenbar nicht ernst genommen. Seine eigentliche Kunde, der symbolische Inhalt als Mitteilung, vielleicht höchstens nebensächlich – jedenfalls vernachlässigbar: seine Verwendung, übernommen aus Rock’n’Roll und anderer Jugendkultur von einst, als reine Pose begriffen. Sozusagen Provokation um der Provokation Willen.

Seine Symbole nur als solche wahrgenommen. Als Zeichen die mit der eigentlichen Religion, welche ja ohnehin eher eine Verherrlichung des Menschen darstellt, nur wenig zu tun hätten – wer sich auch immer darüber zu erkennen glaubt.
Das Publikum am PSN, das bereit ist für kleine Bildchen mitunter viel Geld auszugeben, wird als dementsprechend ungefestigt in der Weltanschauung begriffen, dass damit vielleicht noch ordentlich Kohle zu machen drin wär. Eine Kommerzialisierung der auch nur angenommen Unreife im eigenen Publikum, nicht hervorgerufen durch irgendwelche unliebsamen Hater-Communities denen Unreife erst journalistisch zugeschrieben wird, sondern das Kalkül verantwortungsloser Konzerne, die letztlich aus ihrem eigenen Antrieb heraus nicht in der Lage sind das Medium als Ausdrucksform zu mehr Anerkennung zu verhelfen, sondern im Rahmen von „Jugendkultur“ und Co. vielmehr daran festhalten wollen es an die Erwachsenenwelt weiterhin nicht angleichen zu brauchen.

Advertisements

Über pyri

PYRI / / (Pyri) / —— pyri. Steiermark/styria
Dieser Beitrag wurde unter "Kritik", Allgemein, Alltäglichkeiten, Almrausch-Urteile, Alternative Lebensweisen, Amerika, Arbeitswelt und Realismen, Ästhetische Belange, Österreich, BärInnendienste, Biologismus, Chauvis, Denkanstöße, Der Mayer ging zur Presse..., Deutschland, Die Welt wird auf der Erde verteidigt, Freiheiten, In eigener Sache, Kapitalistische Verschärfungen, Polen, Post vom Mayer, Retrospektiven, Wirtschaft und Kulturelles, Wort zum Alltag abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s