„Viral“? Neues zu Kojima, Konami, „Realität“ und die Games-Industrie

Kommentar: ‚Hideo Kojima ist der wahrscheinlich größte Künstler den die Videospielindustrie je für sich beanspruchen konnte. Und er ist im besten Sinne des Wortes „zeitgenössisch“, das heißt immer ganz nah am Puls der Zeit gewesen.
Das hat sich in seinen Spielen, bis auf „Boktai“, praktisch immer gezeigt. Schon im eher autobiografischen „Zone of the Enders“.
Wobei „Metal Gear“ im Grunde ein ganzes Sammelsurium an Zitaten darstellt. Seine Spiele sind dahingehend Referenzspiele, so wie Tarantino Referenzkino macht.
Im Unterschied zu Tarantino sind die Kojima-Zitate allerdings nicht „selbstzweckhaft“ in dem Sinne, dass sie einfach „cool“ wirken sollen oder sich ihre bizarreren Eigenschaften daraus ergeben, dass sie in einer bestimmten Situation unpassend und deswegen vielleicht auch humorvoll erscheinen, sondern sie sollen sich (auch) in eine eigene Welt einfügen, das heißt in dieser kohärent sein. So weit so gut, doch Schwierigkeiten könnten beginnen da es sich bei dieser Welt um kein reines Fantasiegebilde handelt. Denn Kojima macht(e) dahingehend zwar vielleicht keine realistischen Spiele, aber seine Spiele orientieren sich zweifellos an nichts anderem als Realität: „Metal Gear“ ist über weite Strecken im Grunde nichts anderes als ein mit jeder Menge Popkultur verbrämtes Zerrbild des 20. Jahrhunderts. Und als solches dürfte es schon mehr Menschen erreicht haben als vielleicht jede realistische Darstellung eines etwa Historikers. Hinzu kommt, dass „Metal Gear“ Geschichte zwar verzerrt und selbst mit vermeintlichen „Verschwörungstheorien“ auflädt, aber dennoch nicht „falsch“ oder politisch-ideologisch allzu eindeutig besetzt ist. Zwischenmenschlich einem Fassbinder-Melodram ähnelt: dahingehend könnte die Presse kritisch auch mal fragen wie „billig“ die viel gelobte „Satire“ eines „GTA“ eigentlich ist, das jeden direkten Bezug zur Realität – bis auf „republikanisch“ und „demokratisch“ – tunlichst vermeidet.

Prinzipiell kann das viel Lob bedeuten, da solche Sachen für gewöhnlich auch als besonders „relevant“ angesehen werden, einem Konzern wie Konami dürfte das aber nicht immer schmecken: mit dem Umstand, dass der Neurochirurg gleich mit rechtlichen Schritten drohte als erstem Hinweis – hinzu kommt, dass sie globalisierend erst kürzlich nach LA expandiert haben und sich die Erfolgsaussichten etwaiger Klagen/Klagschancen dort vielleicht (subjektiv) erhöhten. Wer weiß was oder wer sich noch alles als Inspirationsquelle in dem Spiel befindet, oder während der Entwicklung mal befunden hat. Ein Konzern der zuletzt vor allem auf (die Anerkennung von) Glücksspiel abstellte dürfte keine rechte Freude mit derlei exzentrischen Videospielinhalten haben und womöglich gar kein Interesse deren Freiheit als Kunstform zu verteidigen. In einer zunehmend durchregulierten, von Zertifikaten und Kontrollen geprägten Welt.

Jedenfalls halte ich das immer noch für den wahrscheinlichsten Grund der Trennung. Doch die Industrie sollte aufpassen nicht noch mehr solch kreativer Geister zu verlieren: die teilweise Abwendung von Leuten wie Keita Takahashi, Fumito Ueda oder Lorne Lanning in den letzten zehn Jahren zu denken geben.
Boston Dynamics hat Kojima oder das Konami-Marketing auch nicht erfunden, dennoch sind deren herzzerreißende Roboter mit „Guns of the Patriots“ lange Zeit vor Dokumentarvideos in das Bewusstsein einer (videospielenden) Öffentlichkeit gedrungen, ähnlich hätte es wohl auch hier sein sollen – was in der neuen Medienwelt aber genauso gut schief gegangen sein konnte. Pikantes Detail: der italienische Arzt trat in seinen Schriften offenbar mit ähnlich plakativen Stilmitteln auf, so wie es große Videospiele von heute tun – was natürlich nicht unbedingt für fundierte Wissenschaft, dafür aber Schaumschlägerei als Inspirationsquelle spricht. Alles in allem laufen Videospiele durch den Wegfall dieser Leute nicht nur Gefahr noch unpolitischer zu werden, sondern auch (noch) unmenschlicher.‘

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