In der neuen Videospielwelt wird sich anders empört

Replik: ‚Dass etwa die GameStar den VDVC anfänglich unterstützte hat historische Gründe: der Verband konstituierte sich im Zuge der Medienschelte/Moralpanik/Antigames-Repressalien nach Winnenden. Das war zwar schon eher nach der eigentlichen „Killerspiel“-Debatte, aber immerhin. Damals ging es den „Publikumsmedien“ gewissermaßen noch um „Anerkennung“ (ihres Hobbies – von Spielen – was auch immer), diese glaubt sie (und mit ihr die Industrie) mittlerweile aber schon längst erreicht zu haben. Industriell sind auch vergleichbare Förderungen in Deutschland da, gibt es sogar einen eigenen Preis vom Bund, die Anerkennung als „Kulturgut“ erfolgte zumindest partiell – schließlich werden künstlerische Gesichtspunkte selbst bei der USK berücksichtigt und der E-Sport hat im Vergleich zwar einen schweren Stand, findet aber auch immer mehr Unterstützung – wie zuletzt beim VfL Wolfsburg. Schließlich kann an den freiwilligen Jugendschutzprogrammen auch die ganze Branche verdienen.
Die Zeiten haben sich geändert: Games und ihr Publikum werden zunehmend als Geschäft/Stimmen für alte Medien und PolitikerInnen betrachtet (siehe das Umfeld von LeFloid im SWR oder bei der Merkel), weil das Internet der Ort ist an dem auch sie, und nebenbei die ganze Welt, sind, zunehmend als lukrativer Markt betrachtet wird. Im Gegenteil sind die alten Medien auf einem konstanten Rückzug, kämpfen teilweise ihr letztes Gefecht. Und die Feindbilder/Untersuchungsgegenstände von einst haben sich auch geändert. Nicht einmal die BPjM scheint heute mehr mit der unsicheren Mediengewalt-Wirkungsforschung recht argumentieren zu wollen, darauf nicht mehr zu bauen, oder zu vertrauen – siehe meinen Link hier: http://vdvc.de/forum/viewtopic.php?f=79&p=15809#p15809

Und in dieser Welt versteht man einfach nicht, dass es einen eigenen Verband für Computerspieler geben braucht. Allen voran die Publikumspresse und Videospielindustrie nicht, denn diese will vielmehr „Videospiele für alle“ propagieren, also die Idee dass potentiell jeder Mensch ein Gamer ist, oder das zumindest sein kann. Alle Personen in allen Ländern. Letztere als allererste “neue Märkte erschließen”.
Es geht nicht mehr darum, dass Gamer auch „normal“ sein können, sondern Games sollen vielmehr „normal“ werden – sich anpassen. Weil die Restgesellschaft will sie auch spielen können wollen. Und es geht ebenfalls um ein dialektisches Verständnis von Politik: darin hat nicht (mehr) die Politik eine Bringschuld in Hinblick auf Games (wie vielleicht noch 2009), sondern vielmehr Games sich an diese neuen politischen Verhältnisse mit ihnen selbst als „neuen Leitmedien“ zu richten – zum Beispiel halt als „Kulturgut“ und allem was da begrifflich und normativ dazugehört, all der vorgegebenen Verantwortung.

Im Gegenteil wurden in den vergangenen Jahren vermeintlich eingefleischte Gamer selbst zu einem neuen Feindbild für diese spielende Allgemeinheit – man denke nur an die Hass- und Sexismus-Debatten. Sie werden als rückständig, aggressiv usw. betrachtet, zumindest verschroben, unter Umständen personell von denselben Leuten die in der „Killerspiel“-Debatte sich noch vehement gegen Gewaltvorwürfe gewehrt haben. Jetzt, auf ihrem ureigenen Marsch durch die Institutionen, stimmten diese wie selbstverständlich in womöglich nicht ganz dasselbe, aber annähernd gleiche Lied in einer nur leicht veränderten Tonlage ein – so geht es zwar vielleicht nicht mehr um “Verbote”, aber immer noch um Ausgrenzung, Ablehnung, Verzicht auf unpassend empfundene Inhalte – oder werden diese Inhalte, wie etwa hier unter der Sonne Kaliforniens http://www.gametrailers.com/videos/n59suc/onechanbara-z2–chaos-what-s-the-deal-with-onechanbara- der Lächerlichkeit preisgegeben.
Da gibt es viele Taktiken und Strategien, wie damit am besten negativ umgegangen wird – regelmässig nachzulesen auf meinem Blog, so unverständlich der auch immer sein mag: gerade bei meinen Sexthemen oft ist es da manchmal erstaunlich wie sich schon Greenlight-Prozesse kleiner Projekte auf Steam um Konzepte der Zensur bemühen. Das erinnert mich teilweise sehr an die Zeit in Deutschland mit der USK vor 2003. Wobei Gabe Newell indirekt gewissermaßen Elke Monssen-Engberding spielt…

Überspitzt formuliert: problematisiert wird nicht mehr der Akt der Gewalt, wie das sich gegenseitig Umbringen der “Killerspiel”-Debatte, sondern “alle” wollen “gleichberechtigt” umbringen dürfen – zumindest angeblich, ist das die repräsentative Vorgabe. Und “gleichberechtigt” bedeutet in dem Fall, dass sie “angemessen” in Spielen repräsentiert werden wollen – zumindest legt das ein Journalismus/Aktivismus in diese Richtung nahe. Um welche Gruppen es dabei auch immer geht – “gleichberechtigt” bedeutet nicht, dass es verständlich wäre wenn Leute daran gehindert werden, dass in Nischen mal nicht vorgesehen ist, alle Fünfe gerade sein gelassen werden, manche damit nicht einverstanden sind, mit Computerspielfiguren als Objekte lieber weiterhin ihre Fantasien ausleben oder sich in Trashtalk ergehen – nein, das wird heutzutage als das Problem erachtet. Weil es, im Unterschied zum früher problematisierten Umbringen, nicht zu Repräsentationszwecken taugt. Parallel dazu ist der Grundtenor einer Inklusion dementsprechend einseitig: Teilhabe (an Gesellschaft) oder gar Respekt für ihre eigenen Lebenswelten können jene Unreifen, vermeintlich Zurückgebliebenen, sexuell Benachteiligten, sozialen Störenfriede und Bürgerschecks mit ihren Interessen am allerwenigsten erwarten.

Ebenfalls ähnlich fallen die Pathologisierungen dabei aus. Auch diese Computerspieler, deren Körper und Geist werden mit ihren Interessen, Emotionen, Libido oder Humor als Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden betrachtet – teilweise begründet und verständlich, wenn man etwa an Swatting denkt – meistens aber eher doch nicht, hat es auch nur jene politisch-ideologischen Gründe der gemeinsamen (Familien-)Werte und des „guten Geschmacks“ den schon ein Jack Thompson dereinst begleitete.
Während das aber genau diese “Computerspieler” als Gruppe wären, die noch als solche wahrgenommen werden. Ob über einen Verband, auf der Wikipedia oder im alltäglichen Leben.

Und wer etwa mal hinter diverse Doppelmoral und/oder Maßnahmen auf Steam geblickt hat, wie wir sie ja kennen und die teilweise – ich kenn mich da nicht so gut aus – noch VPN erkennen können und aushebeln, wird auch schnell jede eitel Wonne über die neu gewonnene “Liberalität” der USK und “Diversität” der Publisher in Zweifel ziehen, eine USK welche heutzutage unter Umständen schon während der Entwicklung in unliebsame Inhalte eingreift und an Marktchancen beratend euphemistisch “anpasst”. Man denke nur an “Borderlands 2” oder den Eindruck, welchen Ubisoft mit “South Park” letztes Jahr vermittelte.

Hinzu kommt, dass “Videospiele für alle” Technik, Systeme, Praktiken und Plattformen enorm diversifiziert hat. Es stimmt auch, dass es kaum mehr einen gemeinsamen Nenner gibt. Früher konnte man noch teilweise sagen, dass Games eine gemeinsame, ähnliche Ästhetik aufweisen.
Gerade bei “Indie”-Spielen wird heute in Abgrenzung jedoch auf den exakt kopierten Minimalismus und Reduktionismus, die Abstraktionen arrivierter Kunstwerke gesetzt. Wer nur solche spielt, der findet in “Call of Duty” und “Mortal Kombat” natürlich keine Gemeinsamkeiten.

Und andere haben der „Szene“ , wegen dem DRM, DLC, Konsolen oder was weiß ich, sowieso längst den Rücken gekehrt, sind „erwachsen“ geworden, in einem anderen „level“ oder haben Familien gegründet, einen ausfüllenden Job und deshalb keine Zeit mehr für Games, kamen kompetitiv mit dem Alter vielleicht auch nur nicht mehr so gut mit.
Doch genau das war das Ergebnis einer Verbreiterung des Games-Publikums, und so geht auch das Selbstverständnis in der Branche (bei Industrie und Presse) von heute: dass es eine eigene Interessenvertretung für Gamer braucht, versteht da niemand. So wie es auch keine Bücherleser- oder Musikhörer-Interessensgemeinschaften gibt, sondern wenn dann nur einzelne Fanclubs von speziellen Sachen, spezifischen Inhalten. „Fan“ darf man dabei ja noch sein, aber da kommt es auch darauf an: wovon.
Gestern hörte ich etwa kurz in ein Podcast-Interview mit Jörg Luibl von 2009 rein: wenn ich das mit Äußerungen desselben Redakteurs nur ein paar Jahre später vergleiche, ist das kaum zu glauben was er damals noch gesagt hat. Das waren 180° – der wird das vermutlich abstreiten und vielleicht meinen, dass er auch damals schon für “Reife” plädiert hätte etc.‘

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