Deutschland: wird das Gewaltdarstellungsverbot einfach aufgeweicht?

In einem Video das ich mittlerweile bereits mehrmals erwähnt habe gibt es nicht nur den Hinweis darauf, dass die Nutzung- und Wirkungsforschung bei Verboten und Entscheidungen in Hinblick auf Jugendschutzbestimmungen und das Strafrecht keine allzu große Rolle mehr spielt – es fehlt auch komplett der Verweis auf das Gewaltdarstellungsverbot, also den eigentlichen Grund weshalb ein „Mortal Kombat“ früher pönalisiert worden war: Hakenkreuze und sexuell „pornografische“ Darstellungen spielten in der Franchise nie eine Rolle. So wird in dem Video zwar auf Hakenkreuze und Kinderpornografie als nach wie vor vorhandene Ausschlussgründe hingewiesen, die „Gewalt“ an sich bleibt dabei jedoch außen vor: natürlich spricht ein Blick ins Detail nicht unbedingt für die Ausführungen in diesem Video, so wird die Rede von „Gewaltverharmlosung“ eher gegenteilig zu ihrer Bedeutung im Rahmen dieses Verbots, nämlich als einer der drei Gründe für ein Verbot – neben „Gewaltverherrlichung“ und der Verletzung einer im Grundgesetz bestimmten Menschenwürde – verwendet. „Gewaltverharmlosung“ ist – oder besser war – nur halt jener Teil, der am meisten für „uferlos“ gehalten wurde und dahingehend eher gleich als Tatbestand ungeachtet, vor allem verworfen, blieb. Und sicher sind in unserer Naturalismen-liebenden, vom Gedanke an „Recht“, Ordnung und Sicherheit geprägten, rationalistischen Welt, derlei Überlegungen nach wie vor interessant. Hinzu kommt jedoch immer noch eine andere Größe, die nicht zu vergessen ist und in diesem Video für BPjM-Entscheidungen, oder solche im Zusammenspiel mit der USK und dann in Hinblick auf das was von den Gerichten zurück kam bezüglich Indizierungskriterien, Bedeutung erlangt: der Vergleich. Denn „Mortal Kombat X“ wäre demnach mutmaßlich nicht (nur) nicht indiziert worden, weil es nicht „realistisch“ wäre, sondern die BPjM auf frühere Entscheidungen Rücksicht nehmen musste. Entscheidungen mit denen sich, oder halt im Zusammenspiel mit der USK oder den Gerichten, das ganze System zwischen Jugendschutz und Strafrecht bei Gewaltdarstellungen gewissermaßen selbst ein Ei gelegt hat. Dahingehend, dass Entscheidungen alsbald immer wieder nur auf andere (eigene) Bezug nehmen könnten, zumindest dann wenn es – wenig transparent – hinter vorgehaltenen Erklärungen ums Eingemachte geht: so könnten die meisten Entscheidungen einen selbstreferentiellen Charakter aufweisen, der ja eigentlich verhindert werden soll wenn Spiele sich jeweils einzeln angesehen werden – was im Ansatz so womöglich schon verschleiert wird. Prinzipiell war diese Entwicklung wohl auch zwangsläufig: entweder so „liberal“, oder – bei rigider Handhabe – hätte es immer weniger Kennzeichen gegeben. Und eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Gewaltdarstellungen findet sozusagen trotzdem nicht statt. Wenn etwa keine Überhöhung angenommen wird, die „Gewalt“ im Spiel auch nicht mit ihren grotesken Überzeichnungen angesprochen, scheint sie weiterhin eher positivistisch gesehen worden zu sein: also etwa immer noch als das was umgangssprachlich für gewöhnlich zwar als „hart“ wahrgenommen wird, bleibt auch nur so erhalten – nur wäre es nicht unbedingt realitätsnah. Das vermeidet eine inhaltliche Auseinandersetzung praktisch völlig, denn „Mortal Kombat“ will weder betroffen machen, noch dürften seine verstörenden Bilder ästhetische Zerrüttungen hervorrufen sollen: vielmehr hat es mit Belustigung und Humor zu tun – eher den Schauwerten von Schaustellungen als der Dramaturgie von Darstellungen, das heißt ganz anderen Affekten und damit Gefühlen, mit denen sich wahrscheinlich lieber erst gar nicht beschäftigt wird – nicht nur weil es dafür auch kaum „empirische“ Untersuchungen gibt, kaum eine Fragestellung bei Sex & Gewalt je auf eine Eruierung von Humor abzielte. Wie dem auch sei: eine Jugendschutz-Beurteilung beurteilt nun nicht mehr individuell das eigentliche Spiel, sondern wägt diese Beurteilung mit anderen – früher getroffenen – so sehr ab, dass der eigentlich einzustufende Titel unter Umständen schon in den Hintergrund tritt. In der Praxis würde das bedeuten, dass sich die Kreativen in Deutschland zwar weiterhin nicht selbst regulieren könnten, die OLJB dies im Zusammenspiel mit dem industriellen Output und der USK gewissermaßen dennoch tun dürften – zumindest gemeinsam mit den Major Playern der Branche, und deren ästhetisch-inhaltlich normierten Vorgaben (die auf Brüche von Genre-Konventionen wie bei „No Russian“ in „Modern Warfare 2“ ohnehin verzichten): eine Situation die bei einer zweiten „Killerspiel“-Debatte und keiner demnach fortgeschrittenen Normalisierung von Mediengewalt irgendwann fatale Folgen für die Stellung der USK haben kann, denn dann – wenn die (für die VerbotsbefürworterInnen „Fehl-„)Entscheidungen gegebenenfalls mal offenkundig werden, wird mit dem (früher) vielzitierten „Wertewandel“ allein sich nicht mehr zu behelfen sein. Dann werden die gebührenpflichtigen Zwänge und Willkür-Praxen offenkundig werden, die USK mit – auch statistisch eindeutig belegbar – immer weniger Verweigerungen von Kennzeichen in einen Erklärungsnotstand geraten und die industriellen Erzeugnisse der kommerziellen Spiele verstärkt unter die Lupe genommen werden, jene Mechanismen welche diese höchst subjektiven Entscheidungen seit jeher begleitet haben: zwischen „jugendbeeinträchtigend“ und „jugendgefährdend“, „gewaltbeherrscht“ und „gewaltverherrlichend“. Im unteren Bereich, etwa ganz unten zwischen USK-0 und USK-6, wären sie ja oft noch viel strittiger, interessanter und absurder – spielen in Hinblick auf den Markt zugegebenermaßen aber auch keine Rolle. Ein Rückblick auf die „Killerspiel“-Debatte vor zehn Jahren – die Weltsichten haben sich seitdem nicht grundlegend geändert – legt diese potentiellen Probleme jedenfalls nahe, Schwierigkeiten welche im Falle einer neuerlichen Gewaltdiskussion die gesamte USK betreffen könnten: denn eine USK-Entscheidung wurde damals, vor allem nach 2003, wie ein Fels in der Brandung gesehen. Der deutsche Markt konnte darüber so reguliert werden wie kein anderer: in vielen Kommentaren die mir damals medial begegnet sind, hieß es, dass die USK das was nicht nach Deutschland dürfe schon ausschließen würde. Und so wurde auch ihre Existenz, selbst im Besitz der Industrie, verteidigt – zum Beispiel gegenüber einem Christian Pfeiffer damals: was „Killerspiel“ wäre, gäbe es sowieso nicht in Deutschland. Und viele pflegen dieses Denken immer noch: zum Beispiel die „M!Games“, die ich bis nächstes Jahr noch beziehen werde und welche in ihrer aktuellen Ausgabe beim Test von „Mortal Kombat X“ etwa kein Wort darüber verliert weshalb sie es nicht schon früher rezensiert hat, die Jugendschutzgesetz-konforme Absenz einer Berichterstattung nach der Vor-Berichterstattung keineswegs thematisiert…

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