Weiterer Text zu Justin Trudeau

Nachlese. Neuer Kommentar: ‚Mir hat als Feminist bis dato noch niemand erklären können was „Gamergate“ überhaupt sein soll. Einen Twitter-Hashtag erkenne ich nicht als soziale Bewegung an, sondern halte ich bestenfalls für eine ebensolche Illusion.
Dem allem liegen aus meiner Sicht äußerst fragwürdige Vorstellungen von Sozialität zugrunde: daran kann sich schließlich jeder beteiligen, völlig unverbindlich und vermeintlich anonym. Das einzige was war, ist, dass es irgendwo im Umfeld dieses Hashtags rassistische und sexistische Sammlungen gab, die dann bis herauf ins Heute als Beleg oder gar Beweis für dessen sexistischen Charakter aufgewendet wurden, ich würde eher sagen: unredlich missbraucht – denn so ist das nunmal mit der Öffentlichkeit.

Das Internet ist voll damit. Aber anscheinend ist es zuviel verlangt das allein anzuprangern, reicht das nicht (mehr), sondern es braucht immer irgendwelche konkreteren Feindbilder.
Gruppen die dementsprechend zusammengefasst werde können und als „Gegner“ ausgemacht. Das „Andere“ dem alle möglichen negativen Eigenschaften zugeschrieben werden.

Sicher gab es Morddrohungen und Hass, das hat aber mit „Gamergate“ nicht unbedingt etwas zu tun, jedenfalls solange nicht, solange es keine Statuten einer Organisation gibt die das auch belegen würden. Dessen Unterstützung.
Ich kann etwa behaupten, dass PEGIDA rassistisch ist, weil es eine nachvollziehbare Organisation unter diesem Namen gibt und darin mit eindeutig belasteten Begriffen wie dem „Abendland“ gearbeitet wird – über Gamergate kann ich nicht sagen dass es sexistisch wäre, solange dessen Organisation nicht nachvollziehbar ist. Und das ist sie ganz einfach nicht, egal was Wikipedia sagt.

Die einzige Repräsentation bei Gamergate wäre der die „Bewegung“ begleitende Bandwagon, das heißt der Umstand dass ein, zwei notorisch bekannte Neocons auf den Zug aufgesprungen sind und ihre Unterstützung bekundet haben – also ein US-amerikanisches Problem transportiert, die Spaltung der dortigen Gesellschaft.
Das war alles. Dennoch würde ich deshalb Gamergate auch nicht als „konservativ“, „libertär“ oder gar „objektivistisch“ beschreiben.

Ich kann PEGIDA aber auch nicht für Brandanschläge verantwortlich machen, ganz einfach weil deren Organisation das nicht (mehr) hergibt: ich kann auch nicht über die Hamas reden ohne zu wissen was die Hamas eigentlich wäre – etwa wenn ich mich auf enzyklopädische Sammlungen berufe, die sie als „soziale Bewegung“ ausweist (vergleiche etwa Judith Butler).
Auch ist die Rede von „Widerstand“ höchst irreführend, wenn die Mehrheit der Videospielpresse dem Vernehmen nach Positionen die von Feminist Frequency vertreten werden inbrünstig unterstützt, und insgesamt 99% zumindest nichts dagegen zu haben scheint.

Das ist schlichte Hetze gegen Minderheiten, in diesem Zusammenhang von „Widerstand“ zu sprechen kannte ich bislang nur aus rechtsextremen Kreisen. Genauso wie Realismus nicht Realität bedeutet, oder Feminismus Feminität, sondern nur deren Behauptung.
Ich finde zum Beispiel den Biologismus dabei sehr interessant und möchte weit eher dagegen „Widerstand“ leisten: so scheint in den Talking Head-Videos eines Feminist Frequency biologisches Geschlecht das einzige Mittel der Repräsentation und Interpretation zu sein, das einzige womit dort gearbeitet wird. Und das würde dann eine glatte Opfer-Umkehrung bedeuten: denn bei alldem wie dort mit „Männern“ (als Täter die Frauen symbolisch missbrauchen), „Frauen“, „echten Menschen“ und „Realität“ umgegangen wird, kann ich nur davon ausgehen dass alles andere verachtet oder verurteilt werden soll – jegliches Leben (oder aus deren Sicht Nicht-Leben) und Fantasie die nicht in deren normative Schemata passen. Und dann gibt es noch „Männer“ die sich ebenso biologisch dem solidarisch erklärt haben, „gegen“ ihre hasserfüllten „Geschlechtsgenossen“. Von Tim Schafer wie Adam Sessler. Und als Beweis ihre „Männlichkeit“ ins Kameraobjektiv gehalten, zwar nicht ihre Geschlechtsorgane aber dafür ihre vorgeblich „männlichen“ Köpfe. Zumindest teilweise mit Bart – so wie Sarkeesian traditionell geschminkt auftritt.
Ein biologistischer Zirkus. Regelrecht antiemanzipatorisch: Videospiele sollen sich gefälligst dem Mehrheitsempfinden anpassen. Und als Mensch mit Behinderung empfinde ich das gleich doppelt menschenverachtend und fremdenfeindlich, denn berücksichtigt werden sollen offenbar ausschließlich funktionierende Körper, oder zumindest solche die in anerkannten Beziehungen leben, die eben als egalitär oder ausgeglichen gelten. Jene „Inklusion“. Alles andere, Fremde, soll sukzessive ausgespart werden, „überdacht“ oder gleich verworfen. Das ist die Vorstellung dieser „Kritik“.
Allein der Vorwurf der „Objektifizierung“ der Frau, eines einheitlichen „Frauenbilds“, ist erkenntnistheoretisch absurd. Diese Episteme weiter gedacht, würde etwa bedeuten, dass sich über Verstorbene nicht mehr unterhalten werden sollte, weil diese keinen Subjektstatus mehr inne hätten und das deren „Würde“ verletzen würde, weil sie sich gegen Ausbeutung usw. nicht mehr wehren könnten. Als historische Objekte. Vorerst wird aber bei der Kategorie Geschlecht stehen geblieben.
Das ist so ähnlich wie es Schulze von Glaßer auf dessen unsäglichen „GamePoltics“-YouTube-Kanal ausdrückt, wo man keine Nazis spielen dürfen sollte: zunächst dürfen keine Nazis gespielt werden und am Ende keine Kriminellen, weil auch deren malevolente Identitäten ausschließlich affirmativ interpretiert werden. Alles soll immer „für“ oder „gegen“ etwas sein, eine Dialektik zum Ausdruck bringen – bloß keine Ambiguität oder Ambivalenz. Genauso wie früher bei Jack Thompson, oder den „Verbrechensspielen“ eines Rudolf H. Weiß. Die „Killerspiel“-Debatte gesellschaftlich angepasst.

Und das einzige was da geschieht, ist, dass Menschen – egal of „Männer“ oder „Frauen“ – vereinnahmt werden sollen und auf gleiche Linie gebracht werden, weil diese das was „politisch korrekt“ wäre (wie Slavoj Zizek meint) vertreten, besser wüssten was gut für alle wäre. Besser als jeder Einzelne. Und „alle“ kommunitaristisch-kollektivistisch mit dem Einzelnen gleichgesetzt wird – als „gewillte“ Aufgabe jeglicher Individualität und durchaus schon totalitärem Muster.
Doch wenn etwa auf einer Gewerkschaftsdemonstration zu Gewalt gegen Manager oder „Superreiche“ aufgerufen werden würde, wüsste ich als Gewerkschafter auch wie ich darauf reagiere – ohne dass in der Folge die gesamte Gewerkschaft in Mitleidenschaft gezogen werden würde und folglich als Hort des Hasses, der Hetze und Gewalt gilt. Von diesen Leuten gilt es sich zu distanzieren!
Und dass „Gamergate“ offenbar nicht zum Antisexismus in der Lage ist, ist keine Bestätigung für dessen Hass, zeugt nicht von deren Misogynität, sondern im Gegenteil vom Charakter dessen Nicht-Existenz als Organisation: es gibt niemanden der Gamergate eindeutig repräsentieren könnte. Diese Rede über Gamergate ist nichts weiter als eine linksautoritär-populistische Verschwörungstheorie.

Deshalb nehme ich aus diesen Artikeln in erster Linie mit, dass nunmehr auch der neue kanadische Premierminister anfällig für populistische Verschwörungstheorien ist. Und auch dessen „Feminismus“ kann ich nur in Frage stellen, es damit meiner Meinung nach nicht weit her sein: oder wo transportiert er eigentlich feministische Positionen, bis auf eine Gleichberechtigung die doch alle Menschen betreffen würde? Ich lese bürgerliche Familienbilder und affirmative Rollenideen über „Väter“.
Nichts weiter. Nichts das eine Idee, Stellung, Positionierung von Frauen betreffen würde.

Ich sage als Feminist etwa: kein Kind braucht einen „Vater“.
So what? Wer ist da der „Sexist“?

Darüber hinaus kenne ich nur manche Foren, die wohl dazuzuzählen sind, aber in denen habe ich höchstens in Ansätzen je misogyne Tiraden vernommen – meistens geht es um Korruptionsvorwürfe gegen Journalisten. Größtenteils Männer, aber dass sich das mal ändern würde, darum wird sich von diesen „Feministen“ ja gerade nicht gekümmert.
Und worum geht es dann? Um teilweise haarsträubende, aber leider sehr glaubhafte Berichte über die Günstlingswirtschaft innerhalb der Branche – wofür ich „Gamergate“ dann, wenn das denn „Gamergate“ sein soll, äußerst dankbar bin.
Und am Ende ist es doch so, dass all jene keinen Job in der Branche mehr bekommen sollen, wenn sie dem allgemeinen „Konsens“ (im Sinne von Habermas und Co.) in diesen Fragen nicht zustimmen. Von „gesellschaftlicher“ Beteiligung ausgeschlossen werden sollen, vielleicht höchstens auf Almosen angewiesen wären – mit welchen angeblichen Werten da auch die „Rechte anderer“ zynisch respektiert werden würden… Exklusion vermittelt als „Inklusion“: „progressiver Widerstand“ gegen Diversitiät und regelrecht „Kritik“ an „Vielfalt“, einer tatsächlich bunten Gesellschaft.‘

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