Filmkritik: „The Dark Side of Our Inner Space“ (2003)

Der vielleicht ergiebigste Film des Duos Gittner/Reber **** 8/10 Einkasernierungen

Das bemerkenswerteste an den wtp-Produktionen ist, dass sie sich alle einem ganz bestimmten, grundlegenden Thema widmen. Von „Das Zimmer“ (2001) angefangen – das hat seinerzeit nicht einmal ein Fassbinder zu Wege gebracht. Und alle sind sie dementsprechend auch sehenswert.
Dass sie nicht auf Dialektik, ein Schwarz/Weiß-Denken oder Publikumswünschen, bauen, sondern stattdessen auf Ambivalenz und sinnliche Wahrnehmung setzen, beinah eine notwendige Voraussetzung um gegen den Strom der heutigen Zeit und deren zynischer Gleichförmigkeit zu schwimmen. Doch „The Dark Side of Our Inner Space“ lag mir immer schon am meisten am Herzen, wahrscheinlich weil auch mich das Verhältnis zwischen „Spiel“ und „Realität“, das Thema dieses Films, Zeit meines Lebens beschäftigt hat: doch worum geht es?
Drei Frauen und zwei Männer verabreden sich in eine leer stehende Kaserne und wollen dort Rollenspiele veranstalten. Ohne Fiktion oder Extra-Kostüme zu tragen, nur für sich selbst und auch zwangsläufig keineswegs sexuell gemeint. Das sind weder „Nerds“ oder sonstig normiert gedachte Verrückte, die jungen Leute entstammen vielmehr der „Mitte der Gesellschaft“ – ein bißchen so wie bei den „Idioten“ (1998), aber ohne jegliche historische oder sonstige Schuldzuschreibungen zu üben, oder Referenzen an Kommunen-Experimente aufzuweisen. Vielmehr soll ein Sich-Ausprobieren geübt werden, Freiheit in einer abgesicherten Umgebung ohne Hemmungen oder Repressalien fürchten zu brauchen. Ein Leben ohne Angst gewissermaßen, aber wie ein privater Vergnügungspark organisiert und wissentlich zeitlich begrenzt – doch das alles geht gründlich schief. Vor allem die Organisation.
Einer der Männer will eher nur den Richter und Veranstalter spielen, er verkörpert den Drang nach Ordnung – samt Gerichtsbarkeit, eine perfide Form experimenteller Rechtssoziologie: wie immer wunderbar interpretiert vom Reber-Regular Christoph Baumann (christophbaumann.net). Vor allem wegen Baumann kann der Film als ein Prequel zu „Die Wahrheit der Lüge“ (2011) gesehen werden: auch dort spielt er einen urhebenden Bestimmer, der trotz aller Vorsicht manipuliert wird, darin geht es allerdings um kein „Spiel“ wie hier, sondern Auslieferung und vorgefertigtem Zwang. Und das zwanghafte Verhalten in „The Dark Side of Our Inner Space“ ergibt sich weniger aus der Anlage der „Spiel“-Situation, sondern der unmittelbaren Situation – also dem Affekt.
Eine Frau spielt Mia Gittner: diese steht eher im Abseits und kommentiert das Geschehen aus der Außenperspektive, mischt sich als Bestandteil der Gruppe aber immer wieder ein: zu ihr stößt (auf einer Metaebene) am Ende auch Reber selbst hinzu. Die beiden anderen Frauen werden von Marina Anna Eich und Sabine Krappweis verkörpert. Eich tritt als eindeutige Vertreterin der Schlampenmoral auf: sie scheint das Leben und ihre Rolle darin, bis hin zum Zusammenbruch, außerhalb ihrer eigenen, oberflächlichen Interessen nicht unbedingt ernst zu nehmen. Zuversicht als Selbstbetrug. Während Krappweis eher den passiven Part übernimmt, darin eine gewisse Teilnahmslosigkeit ausdrückt: zwischen beiden Frauen wird dennoch eine mörderische Sozialität deutlich, auch wenn die homoerotischen Spannungen irgendwann bloß gespielt erscheinen: Spiel und Nicht-Spiel wiegen sich bei ihnen sozusagen auf. Und diese beiden Frauen spielen eine Schlüsselrolle für den zweiten Mann, den eigentlichen (stereotypen) „Spieler“: eine Art „Killerspieler“ mit einem Faible für Paintball und Waffen. Naiv und schwach. Im „Tatort“ oder sonstig denunzierendem, pseudosolidarischem Mainstream-Schwachsinn wäre er der prototypische „Täter“ und die Frauenfiguren seine geborenen Opfer. Hier ist die vorgeworfene Vergewaltigung jedoch eine theatralische Inszenierung und der Spieler das ultimative Opfer der „Realität“: kein deutscher Film seit „Palermo oder Wolfsburg“ war wohl mehr gegen die öffentliche Meinung gerichtet als dieser hier, und das obwohl er zum Höhepunkt der „Killerspiel“-Debatte in Deutschland entstanden ist. Eine politische Großtat.
Um etwas bewusst gegen die (andere) Rezension auf Amazon.de und deren Zustimmung zu sagen: ein höheres „Niveau“ kann sich für einen Film deshalb kaum erträumt werden. Die einzige Schwachstelle ist einer der Schauspieler für diese vielleicht wichtigste Männerfigur im Film: sie soll zweifellos betroffen und enttäuscht wirken, vom Betrug regelrecht erschüttert werden, nur wird das leider überhaupt nicht vermittelt. Manfred Gebauer überzeugt zwar noch als „Killerspieler“, aber nicht mehr dann wenn es darum geht die Verwerfungen welche sich aus den sozialen Beziehungen ergaben, glaubhaft wiederzugeben – da mir die Figur am Herzen liegt gebe ich leider einen Punktabzug.

Rating 8.5

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