Filmkritik: „Zeitgeist“ (2007)

Etwas das das Internet geboten hat? ** 4/10 eingestürzter Hochhäuser

Ich glaube es gibt prinzipiell zwei Formen von Gefahren: die gute Gefahr ist nicht daran interessiert Wirklichkeit zu zementieren und macht stattdessen lieber auf etwas anderes aufmerksam, ob fiktiv oder virtuell ist dabei egal. Sie behauptet jedenfalls nicht wirklich (!) die Wahrheit zu sagen – auch wenn ihr das, etwa von ideologisch realistischer Seite, oft unterstellt wird. Die gute Gefahr provoziert trotzdem und ist, im besten Sinne des Wortes, subversiv, kann tatsächlich etwas über die Welt erzählen – oder zumindest jene in der sie entstanden ist. Um ein deutsches Beispiel zu nennen: Achternbusch und sein blöder „Bierkampf“ – ein sehr guter Film.
Die schlechte Gefahr gibt jedoch wenigstens vor „Wahrheiten“ zu verbreiten, ist realistisch – auch wenn sie diesen Ansprüchen oft keineswegs kritisch genügen kann -, arbeitet dafür praktisch ausschließlich mit „Realität“ (beziehungsweise deren Behauptung), und schränkt die Möglichkeiten der Wirklichkeit dementsprechend ein – sie „relativiert“ das Weltgeschehen indem sie es auf bestimmte Gruppen lenkt, unerwünschte Einstellungen, eine normierte Moral, die Ablehnung vermeintlicher Verfallserscheinungen, andere Gefahren – weitergeleitet an den (einseitigen) Vorwurf der „Lüge“, Verschwörungstheorien, angeblich gemeinsame Interessen usw.
Diese schlechte Gefahr stellt so Beziehungen her, die es ohne sie vielleicht nicht einmal gegeben hätte. Und Peter Joseph sowie seine Epigonen zählen eindeutig zu dieser zweiten, schlechten Gefahr – zusammengefasst liefern ihre Werke Megaverschwörungstheorien in Buch- oder Filmform, naturalistisch verpackt und mit einer Art „Geschichte von oben“ garniert. Traditionell auf vorhandene Strukturen wie den herkömmlichen Antisemitismus aufbauend und tendenziell immer höchst konservativ ausgerichtet: Unterschiede zwischen den Menschen aus der Welt schaffen wollend, oder diese gleich leugnen – zugunsten gemeinsamer Werte.
YouTube von Google wird bei Microsoft aktuell mit folgendem Spruch beworben: „alles was das Internet zu bieten hat“. Das gehört dann (leider) wohl auch dazu, denn die Menschen sind offenbar einfach gestrickt und in erster Linie an einer Erklärung der sie umgebenden, immer komplexer werdenden Welt interessiert. Ein Gefühl etwas gemeinsam erkannt zu haben stärkt sie dabei. Für ein anderes Geistesleben als den oberflächlichen (Video-)K(l)ick, der jeweils ausschließlich nach „Fakten“ sucht und die Meinungen davor oder dahinter eher ausblendet, scheint da vielfach kein Platz mehr zu sein. Und diesbezüglich ist das Video – im Sinne eines Hanekes über Tarantino – auch „gut gemacht“, eine Art „The Birth of a Nation“ für das 21. Jahrhundert, zumindest nach Amateur-Standards: ausgestattet mit sämtlichen Mitteln des Reality-TV spürt es vermeintlichen Geheimnissen nach. Selbstverständlich mit Erfolg. Zudem ist es musikalisch suggestiv und wirkt in seiner Dramaturgie regelrecht hypnotisierend – bis hin zur totalen Vereinnahmung: „Zeitgeist“ ist wie ein Sog, der einem in sich hineinzuziehen versucht. Antidiskursiv und letztlich auch antiintellektuell.
Es verbindet auf diesem Wege Bildung mit Berieselung, transportiert das als „spannende Unterhaltung“, ja sogar eben Vermittlung von Wissen (!). Und vermittelt am Ende (darüber hinaus) jede Menge Gemeinschaftsgefühl – in bester sektiererischer Absicht, gar nicht böse gemeint: „die Wahrheit“ als Religion.
Nichtsdestotrotz liefert es inhaltlich trotzdem nur eine pseudodemokratische Kommerzialisierung von Halbwahrheiten, natürlich vorgeblich streng ohne jegliches Profitinteresse. Aber auch ohne jedweden grundsätzlichen Widerspruch, oder klaren Einwand: die „Dokumentation“ tradiert diesbezüglich gewissermaßen einen neuen Gründungsmythos, den zum 11. September 2001, und verbindet ihn mit einer extrem christlich geprägten Weltanschauung, welche gewissermaßen zu einer Revolte im Wasserglas aufruft – für den vermeintlich „richtigen“ Durchblick, als Extra sogar noch spirituell verbrämt – und wer dementsprechend geprägt ist wird über den eigenen, vorgetragenen Horizont vermutlich tatsächlich nicht hinaus blicken können. Schade.

Rating 4.0

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