Filmkritik: „Der Blaue“ (1994)

„Ich bin Brandenburger.“ ***** 9/10 Decknamen

Meisterhafte Satire – wer kein Vertrauen in das deutsche Kino der Neunziger (mehr) hat, kann versuchen es mit diesem teilweise zum Schreien komischen Film wenigstens etwas (zurück) zu gewinnen: der charmante Wendehals Otto „Scotty“ Skrodt (Manfred Krug) sitzt Anfang des Jahrzehnts im Bundestag und will noch weiter hoch hinaus, schließlich kann der Mann aus dem Osten gut mit Menschen und hat eine vermeintlich saubere Weste. Was augenscheinlich niemand weiß: früher war der Veterinär Informant für die Stasi, noch dazu wohl einer der schlimmsten – hat ausgerechnet seinen „besten Freund“ Karl „Kalle“ Kaminski ins Gefängnis gebracht. Doch dieser (Ulrich Mühe) kehrt eines Tages zurück und will sich offenbar rächen: also nimmt Skrodt wieder Kontakt zu seinem früheren „Vernehmer“ auf, dem Führungsoffizier Werner (herrlich: Klaus Manchen), der mittlerweile als Heizer in einem Krematorium arbeitet – sich aber selbständig machen will. Da Skrodt weiterhin Einfluss hat, heißt es auch da: eine Hand wäscht die andere (in einer Nebenrolle ist zudem Meret Becker als schwimmende Tochter zu sehen, mit welcher Kaminski eine Affäre hatte, ein Verhältnis von dem Skrodt aber nichts zu ahnen schien).
Manches bleibt zwischen vielerlei Skrupellosigkeiten wahrscheinlich ganz bewusst im Dunkeln: so etwa wer den ersten Mordanschlag auf Kaminski nach dessen Rückkehr verübt hat (das Opfer sollte den Kältetod finden). Oder was wer tatsächlich aus der Vergangenheit (noch) wusste: der Film bemüht sich vor allem darum, kleine Gefälligkeiten und Vergünstigungen, welches ein mit der Stasi und den Interessen des DDR-Staates verbandeltes Leben so mit sich brachte, darzustellen, wirkt deshalb vor allem aufgrund seines frühen Entstehungsjahres (1994), sowie trotzdem äußerst offenherzigen Sprachwahl unglaublich mutig und im historischen Sinn zeitgenössisch. Auf Anhieb fällt mir kein Film ein, der die Mechanismen des Opportunismus besser zeigen würde: am Ende ist es sogar fraglich weshalb Skrodt eigentlich für die Stasi arbeitete, da es ihm um Geld eindeutig nicht ging und er irgendwo auch nicht erpresst werden konnte. Womöglich wollte er wirklich wie Judas, wie es an einer Stelle heißt, in einem negativen Sinn die eigene kleine Welt sabotieren, oder redete sich zusammen mit der Staatsideologie ernsthaft ein, sein Opfer nur zu „schützen“, damit es sich mit seinem unangepassten Verhalten keinen eigenen Schaden zufügt – Kaminski der Logik zufolge im Gefängnis besser aufgehoben war. Seine Karriere scheint Skrodt in jedem Fall Recht zu geben, auch wenn er dafür in brüchigen Beziehungen lebt.
Und deshalb ist es mir auch völlig unverständlich, weshalb diesen Film von absolut internationalem Format – durchaus vergleichbar mit dem besten bei Chabrol oder Altman -, im Gegensatz zu relativem Schwachsinn wie „Schtonk!“, keiner kennt. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, dass er aus politischen Gründen unterschlagen wurde.
Ein Hinweis für die Brisanz des Filmstoffes findet sich derweil im SPIEGEL-Archiv: so wollte laut Henryk M. Broder 1998 Manfred Stolpe 1993, immerhin seit 1990 Ministerpräsident Brandenburgs und noch bis 2002 im Amt, zumindest Passagen aus einem SPIEGEL-Artikel über die Dreharbeiten zum Film verbieten lassen… Ein Grund könnte auch sein, dass die „Gauck-Behörde“ in diesem Film, namentlich so genannt, indirekt nicht sonderlich gut wegkommt.

Rating 9.0

Nachlese SPIEGEL-Archiv: „PROZESSE: Ein starkes Stück…“

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