Ein Tor, der an Gamer glaubt? Kommentar eines überzeugten, aber verärgerten Europäers…

Beim VDVC: ‚Die Welt kann nicht unbedingt immer naturalistisch erklärt werden. Das Gehirn „funktioniert“ nur bedingt wie ein Schwamm.
Es „funktioniert“ überhaupt nicht unbedingt: wer glaubt Gedanken könnten wie Keimzellen aufgenommen werden, der geht davon aus dass alle Menschen ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Dem ist aber nicht so.
Und Emotionen sind auch nicht rationalistisch erklärbar. Begehren kann in keine Chart gepresst werden, oder auch nur mit Symbolen vermittelt: deswegen wird sich darüber vermutlich auch nicht unterhalten werden (wollen) – vielleicht ist das alles ja auch unverständlich, aber nicht jeder ist so gestrickt, dass die Welt dermaßen gesehen werden würde.

Mir sagen solche Videos deshalb nichts. Abgesehen davon, dass sie ästhetisch unerträglich sind – eine Empfindung bei der es egal ist was darin zu formulieren probiert wird. Mit Anita Sarkeesian und deren Stil kann ich da schon wesentlich mehr anfangen – den empfinde ich im Vergleich sogar als angenehm.
Dennoch will ich im Folgenden darauf eingehen, denn mir hat jedoch noch niemand glaubhaft versichern können, dass es „GamerGate“ überhaupt gibt. Solange das nicht geschieht halte ich dessen Existenz weiterhin für die Verschwörungstheorie eines vorgeblich „progressiven“ Populismus.
„Feminist Frequency“ hingegen kann ich festmachen, das ist ein YouTube-Kanal, da gibt es eine nachvollziehbare Organisation – nicht irgendwelche dubiosen Internetportale mit angeschlossenen Foren, wo ich mir die „Meinungen“ vielleicht mühsam zusammenklauben kann, anstatt dass ich die Positionen jeweils eindeutig vertreten sehen würde. „Feminist Frequency“ ist politische Wirklichkeit.

„GamerGate“ hingegen wurde, falls es das in der Form eben überhaupt je gab, höchstens politisch missbraucht: instrumentalisiert von ein, zwei Neocons – die sich vorher teilweise ähnlich negativ und abfällig über Videospiele geäußert haben wie manch Konservative das viel früher schon taten. Ein Jack Thompson etwa.
Im Unterschied zu Deutschland existiert in den USA nämlich eine eindeutig konservative Medienöffentlichkeit die überregional ist und auch über neue Internetzirkel und „soziale“ Medien hinausgeht. Da gibt es dann sowohl rechte als auch linke IdeologInnen, angeblich Libertäre und vermeintlich Liberale, die sich gegenseitig beschimpfen – mit ihren jeweils eigenen Radio- und Fernsehsendungen, bundesweit ausgestrahlt Konflikte austragen – meist in Monologform, ohne direkten Widerspruch erdulden zu brauchen. Und „GamerGate“ hat für mich dahingehend wesentlich mehr mit dem Zwei-Parteien-System der USA zu tun, einer zutiefst gespaltenen und medikamentierten Gesellschaft deren Strukturen sich in Traumwelten äußern, als mit Videospielen. Die Nazis, Sexisten, sonstigen Rassisten und misogyne Morddrohungen Ausstoßenden darin ebenfalls: sie sind kein Beleg für die Verderblichkeit „des Gamers an sich“, der sich seine „Subkultur“ vor der Öffnung und dem Fortschritt bewahren will, sondern zeugen vielmehr davon dass es diese „Subkultur“ ohnehin nie gab – wenn auch andere Leute spielen (wollen).
Das worauf „GamerGate“ – in welcher Erscheinungsform auch immer – jedoch hingewiesen hat, ist leider schon (auch) bittere Realität: es betrifft die teils enorme Dominanz des Marketings in der Branche, wie die sogenannten „Unabhängigen“ damit in Eigenregie dann umgehen, dessen Verbandelung mit dem Journalismus, den wiederum damit verbundenen Ansatz von Korruption, sowie den medienhistorisch relativ einmaligen Versuch Inhalte einseitig zu politisieren. Denn Letzteres hat eine autoritäre Linke durchaus geschafft, wobei – nachdem sie Hollywood schon verloren haben – die Rechte mit „GamerGate“ da eine Art Nebenschauplatz aufmachte: die rechte Hetze geht in der Filmbranche übrigens ähnlich, nur ist die Linke dort wesentlich fragmentierter und tritt längst nicht so bestimmend auf wie im Gaming, das es – im Sinne von „Videospiele für alle“ – scheinbar allen recht machen will. Nur nicht denen die nicht zu ihnen selbst zu zählen sind. Passen tut der Rechten aber beides nicht: wobei es da so manch eine linke Illusion gibt – nicht zuletzt dürfte sogar diese kleine Umfrage das Konstrukt zerschmettern können, wonach es im Core-Bereich annähernd zumindest sowas ähnliches wie Geschlechterparität gäbe, sich die Branche danach ausrichten sollte. Und wo es so viele männliche Wesen gibt, werden sich bestimmt auch manch Heterosexuelle dazwischengedrängt haben, die es zu versorgen gilt.
Nun kann progressiv gesagt werden: so soll sich das halt ändern – ja, aber auch das konservative Anliegen ist legitim. Schließlich weiß jedes Filmstudio, dass eine Romantic Comedy mit stereotyp weiblicher Kundschaft wesentlich billiger herzustellen ist als ein Klischee-beladener Testosteron-Blockbuster. Ansonsten sind ökonomisch alle unehrlich zu sich selbst.
Doch mit „Ethik“ hat „GamerGate“ genauso wenig was zu tun wie „Feminist Frequency“: ich bezweifle auch ernsthaft, dass Anita Sarkeesian tatsächlich feministisch agiert. So wie Andrea Dworkin verlängert sie eher die Vorstellungen der Männer, darüber zu bestimmen wie Frauen zu sein und sich zu verhalten hätten – den freizügigen Geist der Simone de Beauvoir sehe ich bei ihrem Feminismus jedenfalls abgängig. Zugunsten von weiblicher Zucht statt Hilfe für bedürftige Männer, und geschminkter Ordnung samt vorherrschender Schönheitsideale und Oberflächlichkeiten die mich eher an manch eine Sitcom erinnern, ich nicht einmal Ernst nehmen kann: Unterhaltungsprogramm. Das beginnt auch beim zwar nicht ausgesprochenen, aber scheinbar doch stets irgendwo vorhandenen, biologistischen Verständnis für Geschlecht, das ihre Unterstützung darüber definiert was wer (nicht) zwischen den Beinen hat, und Gemeinsamkeiten diesbezüglich, sowie endet bei der ganzen Frauenverachtung für all jene, die sich in das die Sendungen begleitende Konzept „vollwertiger Leben“ und Anteilnahme moralisch nicht einordnen lassen würden. Wir hier in Europa wären mit unserer Errungenschaft des Gender Mainstreaming eigentlich schon wesentlich weiter, würden unsere Pressefritzen nicht ständig von den Amis abschreiben, die damit eigentlich ganz andere Konzepte verfolgen, würde dieser nordamerikanische Konflikt – irgendwo zwischen Toronto und Albuquerque – nicht andauernd importiert werden. Eher schon glaube ich, dass Regine Pfeiffer eine Computerspielexpertin ist, auch wenn sie sich neuerdings ebenfalls mehr mit den Gefahren der Sexualität für Kinder beschäftigt, statt Gamer eher Päderasten beanstandet http://www.regine-pfeiffer.de/wp/wp-content/uploads/2015/10/FAS-Artikel-F1510042.004.pdf

Replik vom 29. November: ‚(…)
Es war auch keineswegs meine Absicht diesen empörten Artikel als leuchtendes Vorbild hinzustellen. Vielmehr sollte er illustrativ zeigen, dass sich die Interessen im Diskurs ähnlich verschoben haben – weg von der „Gewalt“, hin zur Sexualität.
Geblieben ist jedoch derselbe moralisierende Duktus, dieselbe Autorität von „Anstand“, derselbe Missbrauch von (Natur-)Wissenschaft und/oder politischer Ordnung.
Auch bei Sarkeesian ist die zugehörige Ablehnung der Psychoanalyse etwa leicht zu erkennen. Vergleiche Laura Kipnis über Catharine MacKinnon.
Das meinte ich im Übrigen auch mit meiner Kritik am Naturalismus: im Hirn gibt es keinen Ort, wieder so ein Gemeinplatz, an dem – nach „Konsum“ – etwa der Western sitzt – wie ein Manfred Spitzer suggerierte. Sind keine Windungen feststellbar, in denen John Wayne zum Vorschein käme – das wäre ja sogar wiederum ähnlich einer Eingeweidenschau ^^ Wenn der Übeltäter so leicht auszumachen wäre.

„Du sagst die Welt kann nicht immer naturalistisch erklärt werden? Wie wäre es wenn wir sie wissenschaftlich erklären? Was denn sonst? (…)“ Pfeiffer scheiterte nachweislich schon an klassischer Textinterpretation. Die Absicht von „Satire“ und ästhetische Kategorien wurden einfach übergangen, mehr oder weniger vollständig ignoriert – im Sinne von „Nutzung“ und „Wirkung“ eines Gegenstands.
Darüber hinaus meinten andere, dass auch diese Form der Interpretation oft nicht einmal ausreichen würde um Inhalte zu verstehen, da auch die Inhalte selbst in gewisser Hinsicht nicht (nur) das sagen was sie (vermeintlich) ausdrücken wollen. Menschliche Erzeugnisse sind nur indirekt natürlichen Ursprungs, das heißt nicht nur Naturprodukte. Eigentlich erfüllen ihre Werke sogar den Zweck, abgesehen von Ergebnissen der Landwirtschaft, über die Natur hinauszugehen – sei es spirituell oder vernunftbegabt.

Der Buchdruck zum Beispiel. Und Menschen können sich zwar reproduzieren, aber sonst – sieht man mal von jüngster Zeit ab – nur ihren eigenen Abfall auf natürliche Weise herstellen.
In diesem Sinne werden sie mit (empirischen) Mitteln der Naturforschung allein, wie im Video, auch nicht zu ergründen sein. Nicht einmal „sozial“ – über Statistiken wie hier – das meinte ich.‘

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