Furcht bestätigt: „Xtreme 3“ erscheint aus politischen Gründen nicht im Westen (DOAX3)

Via Facebook. Replik bei Webedia: ‚(…) nichtsdestotrotz wird sich der Mehrheitsmeinung, welche sich für ihre „Geschlechtsgenossen“ diesbezüglich (fremd)schämt – die meisten Journalisten welche sich darüber aufregen agieren immer noch in ihrem Selbstverständnis als Männer vermeintlich „solidarisch“ gegenüber Frauen -, klein beigegeben und eindeutig gegen die Interessen von Minderheiten gestellt, sollen diese (zumindest im Westen) weiter ausgegrenzt und noch mehr an den Rand gedrängt werden, denn es ist und bleibt eine Nische. Und bestimmt wird darüber was opportun ist zu zeigen, was Spiele sein dürften und Spielen wäre.

Das zeigt schon die redaktionelle Semantik in diesem Artikel wieder – mit ihrem ureigenen, beständig wiederholt vorgetragenem Wording: 4x kommt darin „sexualisiert“ vor, als Beschreibung des unliebsamen Inhalts. Demnach gäbe es gar keinen sexuellen Ausdruck (in Videospielen), sondern müsste dieser absurder Weise erst „sexualisiert“ werden – Bilder, Figuren, Darstellungen. Genau so wird die Öffentlichkeit gefügig gemacht, entsexualisiert, und werden negative Gefühle gegenüber allem anderen (an Inhalt), allen anderen (an potentiell interessierter Personengruppen), verbreitet: dabei ist die „Xtreme/Paradise“-Reihe eigentlich eine Feier des Lebens wie sie in Videospielen sehr sehr selten ist. Sie ist auch eine Feier des Konsums und der Verschwendung, des Wegwerfens und der Klarheit im Sinne von „aus den Augen, aus dem Sinn“, das wurde interessanter Weise bei den Spielen aber noch nie thematisiert, „kritisiert“.
Ebenso wie es darin im Grunde um etwas ganz Anderes, nämlich das Konzept „Urlaub“, geht. Und wie monoton das eigentlich ist…
Und die Kleidung ist im Grunde auch keine andere als in den Prügelspielen der Hauptspiel-Serie – noch dazu wo sie dort mit, zugegebenermaßen blutleerer, Gewalt kombiniert wird. Höchstens in der Inszenierung liegen Unterschiede, aber welche: die „Xtreme“-Spiele sind wesentlich sinnlicher, zärtlicher und verträumter als die Prügelspiele. Und dass gerade das indirekt erfolgreich verhindert wird, und kein „Hotline Miami“, kein „Mortal Kombat“, kein trotz vor sich hergetragener „Satire“ heteronormatives „GTA“, spricht Bände. Sogar widerliche Gewaltverherrlichung wie „Hatred“ durfte auf Steam erscheinen, bei animierter Erotik gibt es dort aber regelmäßig „R12“- statt „R18“-Versionen. So sieht leider die Gegenwart im Westen aus.

(…)

Akzeptiert wird Sexualität nur dann, wenn sie fähige Körper gleichermaßen betrifft – sogar in eigentlich „Fantasy“: wie beim heteronormativen „Witcher“, oder den stets „kompetenten“ Leuten aus „Dragon Age“. Als Mensch mit Behinderung werde ich dadurch im Mainstream etwa gezwungen, mir das anzusehen was „alle“ können oder wollen würden, während mir gleichzeitig andere Körper zu zeigen, abseits dessen, verwehrt werden soll, allen die „nicht dazugehören“ – in Reportagen und Kolumnen werde ich von Talking Heads redaktionell indirekt als „Sexist“ oder sonst was beschimpft, wenn einzig und allein diese relativ akzeptierten Darstellungen im Mainstream eine Existenzberechtigung hätten. Manchmal ja nicht einmal das. Wie dem auch sei – ich betrachte das als eine ungemein brutale und überhebliche Einstellung gegenüber normabweichenden Körpern und Sexualitäten: ich will in „Metal Gear“ vielleicht keinen arroganten Snake bei der Verrichtung seiner sexuellen Arbeit sehen, aber dafür einer Quiet zuschauen, denn ich habe vielleicht eine andere Vorstellung von „Leben“, oder „Ausleben“, als die Mehrheitsbevölkerung. Ich bin nicht daran interessiert Videospiele als Sport zu betreiben, verstehe unter Flow und Immersion vermutlich etwas ganz anderes als es die Begriffe der meisten nahelegen, obwohl ich auch gerne Sportspiele wie „FIFA“ spiele: eine „gute“ Geschichte braucht für mich nicht „episch“ sein, was auch immer das sein soll, sie kann auch so lyrisch wie in einem „Xtreme“ transportiert werden, impressionistisch erfolgen und keineswegs auf die üblichen Rache- oder Verrat-Plots ausgelegt sein: ich bevorzuge „Destiny“ mit Peter Dinklage statt Nolan North und halte „No Russian“ weit eher für gewalt“kritisch“ oder ein „Antikriegsspiel“ als brutalisierten, Genre-konformen Betroffenheitskitsch wie „The Last of Us“ oder „This War of Mine“. Ich vertrete diese Meinungen, betrachte sie nicht als Schande.

In Japan werden die divergenten Körper des angenommenen Publikums berücksichtigt, vor allem weil dort eine ganz andere Beziehung zu „Realität“ und Fantasie(n) besteht, während der Westen zunehmend auf „angemessene“ Repräsentation aus ist. Die Ideologie des Realismus – das fällt leider immer mehr auf.
Nur ist das eben nicht unbedingt inklusiv, sondern auch ausgrenzend – verhindert Vielfalt eher als dass es sie fördert, macht Ideen über Körper und Fähigkeiten eintöniger als sich das jede Repräsentationsbewegung so je vorstellen könnte. Und ist auch keineswegs emanzipatorisch, sondern zutiefst diskriminierend – eben gegenüber allen anderen die nicht berücksichtigt werden sollen, jene gegenüber diese Ressentiments gehegt werden und die von „Sexualisierung“ demnach unmittelbar betroffen sind, nicht jenen die ihre geistige und körperliche Gewalt daran zünden was ihnen nicht gefällt, sie ganze Gruppen kollektivistisch, oder ihr konstruiertes Geschlecht vereinnehmen. Als Gemeinschaft der „Kritik“, die aber letztlich auch nur ein weiterer Hass ist – und damit meine ich nicht einmal Verschwörungstheorien wie über GamerGate, sondern die ganz alltägliche Ausgrenzung wie sie hier oder in anderen Medien vermittelt erfahren werden kann, dahingehend worüber etwa schon berichtet wird, und worüber (alles) nicht.

Akzeptiert wird auch noch die Female Domination einer „Bayonetta“, weil sie vorgeblich „starke Frauen“ enthält – wo jede dieser Annahmen indirekt suggeriert, dass eigentlich doch „Männer“ patriarchal „stärker“ wären und vor allem die „Gewalt gegen Männer“ als Auflehnung darin opportun erscheint. Also das Ergebnis kann auch aus feministischer Sicht eigentlich nur ein patriarchales Verhüllungsgebot für Frauenfiguren in Videospielen sein: das sieht man schon bei eigentlich höchstens im Ansatz suggestiv dargestellten Charakteren wie Cortana, selbst deren Outfits und Erscheinungsformen werden skandalisiert – von anderen Portraits und Pictorials ganz zu schweigen. Tatsächliche Nacktheit ist auf Konsolenspielen in Japan sowieso unmöglich, geschweige denn explizite sexuelle Handlungen, trotzdem wurde das letzte „Onechanbara“ bei 4players peinlichst als „Porno“ verunglimpft.
Es besteht auch erfahrungsgemäß kein Interesse an der Führung einer Debatte, etwa zum Wandel der vorherrschenden Meinung, zur Vorstellung alternativer Werte und Normen, oder dass versucht wird auch nur die Idee welche zu diesen radikalen Formen von Release-Verzicht und Selbstzensur führt, ganz ohne rechtliche Grundlagen, in Frage zu stellen: nein, stattdessen wird lieber zensiert oder gleich nicht veröffentlicht – keine regulierende Macht wie Jugendschutz oder das deutsche Gewaltdarstellungsverbot hat je die Vielzahl an Veränderungen für den gesamten westlichen Markt hervorgebracht, wie es dieser öffentlichen Meinung eines höchst einseitig politisiert werden sollenden Gamings bereits gelungen ist, wenn ich mir allein anschaue wie viele Kostüme in japanischen Spielen in letzter Zeit Änderungen unterworfen waren. Und das zeigt auch wie schwach die Macht des Gesetzes ist, gegenüber der Macht eines dementsprechend politisierten Marktes – denn ein Recht auf so ein Bikinispiel hat Jeder(mann), das hätte niemand noch vor fünfzig Jahren wegnehmen können.
Ich habe dem Konzern schon vor einiger Zeit für eine akademische Diskussion deswegen geschrieben – selbstverständlich keine Antwort erhalten. Aber wenigstens geben sie ihre politischen Bedenken jetzt erstmals zu.‘

Update: wer wissen will wie kommerzieller Widerstand aussieht – Snapshot von Play Asia, 26.11.2015 06:49
Snapshot

Nachtrag: neue Petition (in deutlich kulturalistischerem Tonfall), Nachlese mit Hinweis auf alte von Pat Buckles (gerichtet auch an Yosuke Hayashi persönlich);

Comment: „We need to stand together in this. They should be proud about their franchise, not ashamed. The only shameful thing regarding this, is to exclude the western world. Those discriminating gender and body politics have to stop: they are not inclusive, but segregate different sexualities and alternative lifestyles, at least from the western markets. The game may not be exactly mainstream, but so am I. Yet the iconoclasts force their will upon others expression and seem to have won. This is not a question of reality and representation, but fantasy and joy. This is also no social justice, but social injustice and anti-social behaviour against people like myself. People who disagree. Yet in the end, I’m certain: we will prevail against those who do us wrong. And at one time, we may forgive them.“

Nachtrag 28. November – zu Itagaki und Marketing: „Bei Forbes wurde ähnlich getönt wie Itagaki, doch das kostet über 70 Euro – jedenfalls solange ein größerer Handel die Masse scheut. Bei Privatimporten hinzu kommt der Zoll, der dort nicht nur ein Risiko darstellt.
Boykott ist dennoch keine Alternative, da dieser dem Backlash entsprechen würde welcher normabweichende Sexualität zu diskriminieren sucht. Die einzige Möglichkeit die ich sehe ist, dass soviele dissidente Menschen den Importhandel den es gibt aufsuchen und dermaßen überlasten, dass es zu einem Versorgungsengpass in Asien selbst kommt – falls das überhaupt möglich ist.
Der Konzern darüber in einen Erklärungsnotstand gerät. Leider, dass es deswegen aber schon eine höhere Auflage gibt, kann perfider Weise natürlich immer sein.“

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