Kommentar bei Christian Weilmeier

Auf YouTube: ‚Vom Naturrecht wird heutzutage zurecht weniger gesprochen, da es durch den Naturalismus arg in Mitleidenschaft gezogen wurde. Diese Erklärung von Naturrecht ist mir deshalb zu einfach, soll sie tatsächlich auf seit der Antike über die Scholastik zunächst religiös begründete Vorstellungen verweisen und die Zeit danach eher ausblenden, möchte ich das sogar fahrlässig nennen. Es ist auch eine Frage ob die Menschenrechte, überhaupt Rechte, irgendeine Grundlage oder gar Entsprechung in der Natur haben oder finden könnten, und nicht vielmehr Kulturleistungen sind. Also Erfindungen, Errungenschaften des Menschen, die ein soziales Miteinander trotz (!) der Natur erst ermöglichen: „Recht“ ein Konzept des Menschen ist, das sich vielmehr in Ermangelung sogar gegen (!) die Natur stellt. Zur Sicherheit und zum Schutz von Menschen. Aus anthropologischer Sicht – sofern es eben nicht nur von irgendwo her abgelesen wird – also auch Unrecht als Recht wiedergegeben werden kann: der Zusammenhang zwischen unseren Rechtssystemen, den Menschenrechten usw. ist eher der, dass sie natürlich begründet werden. Das definiert jedoch noch nicht unbedingt ein „Naturrecht“: so kann ein „Naturrecht“ auch mit dem Positivismus verknüpft werden und meint etwa ein „Recht“, das aus der Natur abgelesen wird. Das meint dann nicht den Menschen, sondern bezieht sich eher auf Verhaltensweisen von Tieren und möchte diese etwa als Vorbilder verwenden. Das würde zum Beispiel den Sozialdarwinismus betreffen, der zwar Anpassungsfähigkeiten in den Vordergrund stellt, aber letzten Endes immer auf ein (Natur gegebenes) Recht des Stärkeren (zumindest im Sinne des Fähigeren) hinausläuft – bis hin zur Rechtfertigung einer instinktorientierten Politik oder Eugenik, also dass der vermeintlichen „Natur“ noch künstlich nachgeholfen wird um erwünschte Ergebnisse unter den Menschen zu erzielen. So wie die Vögel in meinem Garten es schon von allein zu tun scheinen, wo das schwache Junge nicht überleben darf (!) und aus dem Nest fliegt – keinen schwächeren Familienmitgliedern geholfen wird, weil das zuviel verlangt wäre oder nichts einbringen würde. Schließlich sind im landläufig pragmatischen Denken bei der Idee von „Rechten“ auch die Vorstellung von „Pflichten“ nicht sehr weit, wenn es angeblich um „Rechte“ geht: gerade das ist hier aber (hoffentlich) nicht gemeint, wobei mich dieser Zugang zum Naturrecht in jedem Fall nachdenklich stimmt. Diese anscheinend strikte Trennung zwischen Naturrecht und Rechtspositivismus ist aus meiner Sicht auch keineswegs nachvollziehbar, da auch das Naturrecht Grundlagen verlangt auf die es sich berufen kann: das kann einerseits ein gewisses sich selbst für überlegen haltendes Selbstverständnis des Menschen sein, etwa als „Krone der Schöpfung“ (Genesis), seine eigene Bedeutung in der Welt betreffend, und andererseits aus empirischen Naturbeobachtungen entstanden sein, aber die Geschichte des Naturrechts seit dem Mittelalter legt etwa ganz anderes nahe, nämlich weit eher dass es wiederum – in Verbindung mit der scholastischen Wiederentdeckung der Antike – ganz genau an schriftlich gesetzten Texten hängt, sich gerade auf die Bibel oder den Qoran im Sinne von Gesetzestexten berufen kann, in denen der Wert und/oder die Stellung des Menschen erst festgelegt wurde, beschrieben wird, und die von Neuem auch den verfassungsmäßigen Charakter einer religiösen Gemeinschaft ausweisen können: der Unterschied zum Rechtspositivismus, welcher seinerseits auf unangetastete, dann eher säkulare, Texte beruht die ihrerseits einer bestimmten Ideologie unterworfen sind, ist da eher gering bis überhaupt nicht vorhanden. Ein dermaßen eingeschränktes Verständnis von Naturrecht wundert mich deshalb – es könnte etwa selbst als „positivistisch“ aufgefasst werden, da es praktisch nur auf älteren Überlieferungen beruht: darüber hinaus gibt es hier zwar sehr viele Videos, aber scheinbar keines das sich dem Verstehen selbst annehmen würde – sich etwa mit dem Unterschied von Hermeneutik und Dekonstruktion befassen. Und da diese Videos offenbar viele SchülerInnen nutzen, würde ich zunächst vor allem dort einen Verantwortungsschwerpunkt legen.‘

Replik vom 8. Jänner 2021: ‚Tut mir leid, aber meinem Denken werden in dieser Hinsicht stets dieselben Eigenschaften pauschal vorgeworfen („ein Konglomerat von petitio principii, Strohmannargumenten und dem genetischen Fehlschluss“). Diese Informationen also keine Neuigkeit für mich.

Das sind (und bleiben) doch alles nur Buzzwords/enzyklopädische Schlagwörter welche in erster Linie keine Bereitschaft erkennen lassen auf das was ich schrieb überhaupt einzugehen, wobei ich eben von der sozialen Dimension des Naturrechts und seiner historisch-wissenschaftspolitischen Wahrnehmung ausging.

Ich habe auch keineswegs behaupten wollen, dass mein Weltbild (damit) hinreichend begründet wäre. Das mir am Ende vorzuwerfen, worauf der letzte Satz eindeutig verweist, eine ziemlich unfreundliche Unterstellung.
Mein wissenschaftstheoretischer Lehrer hat, wenn jemand von „Logik“ sprach nur halb im Scherz gefragt: welche Logik. Er berücksichtigte gern die Einwände eines Heinz von Foersters, oder Ernst von Glasersfeld. Vielleicht sein Fehler. Seine Arroganz.
Ich betrachte mich zwar nicht in diesem Sinne als „Konstruktivisten“, aber bin nur eben auch kein Realist/Rationalist, hänge keinem binären Denken in Kategorien wie „richtig“ oder „falsch“ nach und bitte das zu akzeptieren.
Auf ontologische bis sozialpolitische Fragen sind aus meiner Sicht im Sinne des Pluralismus keine Antworten möglich die autoritativ „stimmen“ und „funktionieren“ würden oder nicht, so wie die Statik einer Brücke, sondern in erster Linie ein (im besten Fall) spannender sowie interessanter Austausch unterschiedlicher Gedanken möglich – die vielleicht nicht nur theoretische, sondern auch praktische Relevanz haben könnten. Wobei Praxis nicht einmal unbedingt im besten Fall, da ich ebenfalls keinen (angenommenen) Nutzen über das einfache Sinnieren stellen möchte.
Ich habe ausdrücklich nicht in diesem (anderen) Sinne von Natur gesprochen, das sollte vor sechs Jahren eigentlich sogar mein „Beitrag“ sein und mein dazugehöriger Kulturbegriff unterscheidet sich wohl wesentlich davon. Ich verstehe allerdings, dass „die Natur des Menschen“ auch ganz anders als nominativ gesehen werden kann und akzeptiere dies ebenfalls. Meiner Vorstellung von Niveau nicht daran gelegen diese (anderen) Ideen zu trivialisieren.
tl;dr Ja, mein Denken geht von der Sprache aus – mein Beitrag 2015 politisch gemeint. Kein Grund deshalb beleidigend zu werden.
(…)
Welche Notwendigkeit? Welchen Maßstab? Meine ganze Replik sollte im Gegenteil darauf hinauslaufen, dass ich mich nicht immunisieren möchte – auch andere Sichtweisen mir anhören – dennoch folgt gleich wieder so eine Unterstellung. Tut mir ja sehr leid, aber das weise ich noch einmal ausdrücklich zurück: ich weiß nicht was sie mit „die Logik“ meinen, aber anscheinend eine in der nur „richtig“ oder „falsch“ vorkommt (also die binär wäre). Welche Äußerungen meinerseits Sie dabei eigentlich „kritisieren“ möchten weiß ich aber noch immer nicht – ich lese weiterhin nur ganz kurze, irgendwie pointierte Zuschreibungen in Form von verkürzenden Beschimpfungen und daraus, dass mein Denken mit ihren Werten und Begriffen nicht vereinbar sei.

Ambiguität, Ambivalenzen, Behauptungen aufzustellen (falls „Behauptung“ tatsächlich noch so ein absurder Vorwurf sein sollte) oder sich in Widersprüche zu verwickeln sind für mich nun einmal keineswegs negativ konnotiert. Wenn alles das ich schrieb Unsinn sei, weil für mich etwas keineswegs „richtig“ oder nicht sein braucht und allein schon deshalb nichts „richtig“ sein könnte (nach dieser verächtlich machenden „Logik“), kann ich das leider nicht ändern. Ich möchte Menschen nicht auf einzelne „wahre“ oder „falsche“ Sätze reduzieren – wenn das alles was ich schreibe wertlos macht, so sei es das. Mich kann dieses Werturteil nur in der historischen Beschreibung bestärken, die ich vor über fünf Jahren hier ablieferte. Die Arbeit des Herrn Weilmeier erscheint mir so zudem in einem schlechten Licht, weil sie komplexe Zusammenhänge offenbar doch zu stark vereinfacht (wenn sie solche Reaktionen auf Einwände dagegen hervorruft).
Menschen sind (hoffentlich!) widersprüchlich. Ich halte Menschen schließlich für keine Maschinen, nicht für Computer. Das mögen Sie über die Kognitionswissenschaften etc., an die ich nicht glaube (wie ich schon schrieb bin ich auch kein Konstruktivist), anders sehen. Gut – es sei Ihnen unbenommen.

Wenn Sie das nicht akzeptieren können, tut es mir leid, aber ja – ich finde diese Polemik, Intoleranz und Provokationen äußerst verletzend und halte sie ebenfalls für unredlich und ehrlich gesagt auch unverschämt: nur weil für mich nicht alles „richtig“ oder „falsch“ sein braucht, heißt das nicht dass für mich nichts richtig wäre. „Helfen“ wir uns also am besten gegenseitig nicht.‘

Über pyri

PYRI / / (Pyri) / —— pyri. Steiermark/styria
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