Replik zum deutschen Gewaltdarstellungsverbot

Beim VDVC: ‚(…)
Will jemand in Videospielen „Blut sehen“ wird er oder sie doch auch in Deutschland nicht daran gehindert? Das war vor fünfzehn-zwanzig Jahren zwar noch etwas anders, aber das Gewaltdarstellungsverbot hat das auch schon damals vorderhand nicht betroffen – höchstens „Jugendschutz“.
Nur ist trotzdem eine grundlegende Unterscheidung in Deutschland festzustellen: bevorzugt werden einerseits Gewaltdarstellungen die Konventionen entsprechen, etwa Genre-konform sind, während andererseits sowohl solche die affektorientiert eher mit Ekel und Abscheu zusammengehen (wie „Manhunt“ oder „Dead Island“) genau so einen schweren Stand haben wie jene die mit groteskem Humor zu tun haben (etwa „Dead Rising“) – und bei genau dieser Diskriminierung, in jener Ablehnung von Unvernunft, sehe ich das weiterhin und ungemindert große Problem der Existenz dieser Strafrechtsnorm in Hinblick auf Fiktionen: ein Problem das aber, da Videospiele sowieso immer vernünftiger, leistungsorientierter und funktionalistischer werden, immer mehr in Opfer- statt TäterInnenrollen zwängen usw., „Gewalt“ in ihnen immer mehr „mehrheitsfähig“ legitimiert wird, immer zweckgebundener erscheint – durch Topoi wie „Überleben“ besetzt ist etc. – in letzter Zeit zunehmend vernachlässigbar wurde, wenn sich die Industrie dahingehend (und kleinere Produktionen ästhetisch mittels Abstraktionen, statt auf naturalistischere Bilder zu setzen) selbst „reguliert“.
Dass GTA zwar wenigstens abseits seiner „Missionen“ auch in der IT-Presse, à la Dave Grossman, als „Massenmordsimulator“ und damit Quasi-Verführung zur Gewalt wahrgenommen werden kann – wie hier bei Heise http://www.heise.de/tp/artikel/42/42571/1.html – scheint da keinerlei Rolle zu spielen. Solange es gewisse Reduktionen im Spiel gibt, etwa keine Kinder usw. anzutreffen sind. Den Vorwand der Satire: und deshalb würde ich bei der Strafrechtsnorm auch eher bei deren Rationalität ansetzen und halte rechtssoziologische Zugänge wie diesen in der Sache nicht für sinnvoll, erstens weil es theoretisch (tiefen)psychologisch verschiedene „Wirkungen“ geben kann die eine empirisch-experimentelle Mechanik in der Rezeption systematisch nicht berücksichtigt (auch Inspiration) – und zweitens weil praktisch die Feststellung von „Kunst“, oder eines Rechtsanspruchs darauf, irrelevant ist, wenn es daneben noch Begriffe wie „Gestaltungshöhe“ gibt: also „Kunst“ einer zusätzlichen, qualitativen Einschätzung unterzogen wird und damit ihrerseits aussortiert werden kann. Die Änderung der Strafrechtsnorm hat aber so oder so zweifellos erst den nötigen Anlass geboten, darauf reagieren zu können – deshalb ist diese Verfassungsbeschwerde in jedem Fall lobenswert.‘

Ergänzung: ‚Der Vorwurf „entarte Kunst“ hat ideologische Gründe. Diese sind hier nicht festzustellen, außer dass Gewaltdarstellungen per se aus humanistischen Gründen abgelehnt werden, weil sie beständig affirmativ interpretiert werden (nur deren Ausblendung verhindern kann, dass sie diesbezüglich mit Ressentiments zugedeckt werden) – ein „Sichtwechsel“ der über diese Strafrechtsnorm aber eigentlich überhaupt nicht erfasst wird, sondern Gewaltdarstellungen werden hier eben „nur“ unterschieden.
Zwar wirft dieser Vorwurf (Entartung) auch auf die schöpferische Person hinter einem Werk zurück, aber hier geht es mehr um die Reputation (im weiteren Sinne den Ruf und Leumund) der Kunstschaffenden. Es geht mehr um deren Außenwahrnehmung, die Internationalität von Kreativen.
Im Film etwa ist es ein Unterschied, ob jemand Lars von Trier oder Olaf Ittenbach heißt. Es ist ein Unterschied ob jemand dahingehend interpretiert wird, dass er seine eigene Depression künstlerisch verarbeitet, oder wer bewusst auf Gesundheit in seinem Werk verzichtet. Beides mag zwar negativ als „Provokation“ wahrgenommen werden, aber die kulturelle „Rahmung“ oder (allegorische) „Verfeinerung“ eines Werks macht halt den (ideellen) Unterschied aus – zumal dann wenn „Realismus“ (neben Repräsentation) als Maßstab gilt.

Es kommt auch darauf an wie diskriminierend der „Kontext“ ist, wie diskriminierend da „differenziert“ wird: zum Beispiel Steven Soderbergh’s Fernsehserie „The Knick“. Splatter & Gore gelten darin einfach nicht als „Gewalt“, sondern „Chirurgie“: in der letzten Folge gab es Szenen die durchaus schon an Joe D’Amato erinnern konnten, da holt jemand seine eigenen Eingeweide heraus und schneidet daran herum, also mitunter das „Schlimmste“ was das Medium Film kommerziell und fiktional hervorgebracht hat.
Dennoch hat die FSF die komplette Serie dem Vernehmen nach bislang (Staffeln 1&2) bereits für Kinder freigegeben. Traditionell ist in Deutschland diesbezüglich auch der Vorwurf der kommerziellen „Spekulation“, welcher jenen der „Entartung“ spätestens ab den 1960er Jahren gewissermaßen ersetzt hat: also die Zeit in der Videospielen vorgeworfen wird „spekulativ“ zu sein, bricht für sie in Hinblick auf eine Ablehnung von „Fanservice“ etc. glaub ich gerade erst an. Da haben Videospiele noch viele Einschränkungen ihrer Freiheit vor sich.‘

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