Neuer Kommentar zu pragmatischen Zwängen

Über „Machenschaften“ und Gedankenwelten in Hinblick auf medialen „Jugendschutz“ in Deutschland. Replik beim VDVC: ‚Würde aus historischer Sicht (da eine Entwicklung beobachtend) und die Geschichte der Fortsetzungen all dieser Spiele (bis hin zu aktuell „Fallout 4“) mit einbezogen, weit eher meinen, dass da das glatte Gegenteil anzunehmen ist… Dass die Firmen bei allem anderen was darauf folgte in ihrer Erwartungshaltung enttäuscht gewesen wären, weil dies bedeutet hätte dass entweder ihre Überzeugungsarbeit, oder Informationen welche sie hinsichtlich der Indizierungskriterien schon während der Entwicklung erhielten, gescheitert wäre, oder fehlerhaft gewesen waren.
Und würde auch die Arbeit der USK, gegenüber den OLJB, dahingehend als vollen Erfolg betrachten.

Die Geschichte der Videospiele in Deutschland (und sich diesem annäherend dem Rest der Welt) ist keine Emanzipationsgeschichte, sondern eine Anpassungsgeschichte welche dem Narrativ einer Pubertät folgt: obwohl schon sehr früh etablierte Kreative wie Douglas Adams, spät in seiner Karriere sogar ein Andy Warhol die Hardware des Amiga, Elemente des Mediums aufnahmen, sollten die (beständig unreif imaginierten, oder als „Zeitverschwendung“ betrachteten) Games einen „coming of age“-Prozess erfahren, durchmachen, oder dieser wurde ihnen ganz einfach aufgezwungen, erst durch Nützlichkeit oder einen erwünschten Realitätsbezug „Sinn“ erfahren, wobei es bei grenzüberschreitenden Darstellungen in Deutschland kommerziell praktisch sowieso nur um im Ausland produziertes Material ging – das sich dafür erst herangezogen werden musste -, ansonsten „besser nicht“ produziert werden sollte (wie Jörg Müller-Lietzkow dereinst schrieb). Denn im Inland waren die allermeisten dieser paternalistisch zu instruierenden „Kinder“ traditionell sowieso schon immer sogar die allerbravsten auf der ganzen Welt gewesen: statt „Command & Conquer“ gab es „Die Siedler“, statt „Dreamweb“ „Die Höhlenwelt-Saga“ usw. (bis auf die Spätzünder von Crytek – „Far Cry“ erschien 2004 eigentlich erst spät im Rahmen des „Ego Shooter“-Booms zwischen 1995 und 2005).
Während die Arcades bereits auf kommunaler Ebene steuerlich unterdrückt worden waren etc. Nur ein Comic-Zeichner wie Kandemiroglu konnte in Deutschland selbst noch Probleme mit Sexismus-Vorwürfen bekommen.

Aber die Gründe dafür, dass sich die im Westen US-dominierte Industrie darauf einließ, liegen eher an der Öffnung eines anderen Marktes in Fernost. Und um das zu verstehen hilft etwa auch ein Vergleich der Spiele, welche China jeweils von Sony und Microsoft beim Konsolenstart dort letztes Jahr zugelassen hat. Ein kleiner Tipp: das Verhältnis ist sehr ungleichmäßig verteilt, eindeutig zugunsten der Lobbyarbeit von Microsoft.
Also da etwas getrennt (oder gar sich widerstrebend – zwischen Entwickler und USK) zu sehen fände ich nicht nur einigermaßen absurd, sondern ist dank vieler Hinweise diesbezüglich wohl auch empirisch unzutreffend: seit „Syndicate“ und „Medal of Honor – Warfighter“ (beide 2012) hat allein Electronic Arts etwa kein einziges Spiel mehr veröffentlicht, das am deutschen Markt gefährdet worden wäre oder für diesen „Veränderungen“ erfordert hätte.
Denn wiederum hat erstens die USK eine Zusammenarbeit afaik zu keinem Zeitpunkt je dementiert, zweitens dürfte diese früher nur weniger „gut“ funktioniert haben (weshalb sie von Vornherein nie abgestritten wurde). Und drittens sind die großen Publisher mit ihren Elaboraten über den BIU etc. da halt im Vorteil, weil die USK sich eben im Branchenbesitz befindet.

Nachzulesen auch in einer ganzen Reihe (IT-)industrieller News-Meldungen Ende September 2012, welche eine ganz klare Linie der Wahrnehmung bezüglich „Borderlands 2“ (als Anlass für den erstmals umgekehrten Fall einer „Gewaltzensur“) vorgeben: http://www.golem.de/news/borderlands-2-beschwerden-ueber-zu-wenig-gewaltinhalte-1209-94807.html http://www.pcgames.de/Borderlands-2-Spiel-19285/News/Borderlands-2-Zu-wenig-Gewaltdarstellung-1027292/ http://www.pcgameshardware.de/Borderlands-2-Spiel-19285/News/Borderlands-2-Beschwerden-ueber-zu-wenig-Gewalt-1027283/ http://www.gamestar.de/spiele/borderlands-2/news/borderlands_2,46722,3005404.html
Und „Bioshock“ stammt auch von 2K.
SB.com hat das unter dem Titel „Die Gewaltkontroverse um Borderlands 2“ damals (also vor dreeinhalb Jahren) noch ganz gut zusammengefasst, wobei die Entwicklungen seither das alles eigentlich nur bestätigen können – bis hin zur Weigerung „Mortal Kombat X“ von Warner zu indizieren.
Dass die „Ultimate Edition“ von „New Vegas“ zugelassen wurde könnte derweil mit der ungefähr parallel getroffenen Entscheidung zu tun gehabt haben, dass die strafrechtliche Relevanz von „Dead Island“ nachträglich revidiert wurde, denn die Ästhetiken beider Spiele sind sich sehr ähnlich und irgendwo wird es dort ja noch eine Unterscheidung geben müssen…

Schließlich finde ich es am interessantesten, aber auch ernüchterndsten, wie die USK ihre Gutachten den OLJB persuasiv kommuniziert, wobei da alle Parteien mehr oder weniger in früheren Entscheidungen wortwörtlich gefangen sind – weshalb das auch mit Verschwörungstheorien nichts zu tun hat: wer einmal etwas gelten hat lassen, wie etwa die häufig als „ästhetisierend“ interpretierten Röntgenaufnahmen eines „Sniper Elite V2“, wird das auch in anderen Titeln gelten lassen brauchen. Leider hat das alles auch nur mehr sehr wenig mit tatsächlichem Jugendschutz gemeinsam, wenn vormalige Entscheidungen das Maß aller Dinge sind, sondern vielmehr mit Praxis, Alltag, nivellierender Anpassung und internationalen Konventionen – kurzum: die multinationalen Konzerne produzieren längst nichts anderes mehr. Nichts, das in Deutschland Schwierigkeiten am Markt bekommen könnte. Darauf deuten auch die offenkundigen Probleme von Koch bei der Entwicklung von „Dead Island 2“ hin und deshalb könnte ein „Dying Light“ durchaus das schon letzte AAA-Spiel gewesen sein, das nicht nach Deutschland durfte.
Das Jugendschutzsystem in Deutschland ist so eben ganz und gar nicht frei und kann eben (längst) nicht (mehr) von Fall zu Fall zu entscheiden was für Kinder und Jugendliche noch zumutbar wäre, und was nicht – ist erstmal eine gewisse Liberalität eingekehrt und werden (wie noch um 1995 sämtliche FPS) alle Titel eines bestimmtes Genres nicht mehr für jugendgefährdend erklärt.
Die letzte Hürde wird heuer „Doom“ werden: ich konnte letztes Jahr die „Closed Alpha“ kurz anspielen und „darf“ zwar nichts sagen, aber falls selbst das auch seinen „roten Stempel“ erhält, werden alle Hüllen fallen gelassen werden – dann hindert in diesem Bereich nichts mehr und kann die volle Ausgrenzung von „Schmuddelkram“, also allem was dann als Rest (abseits des AAA der großen Konzerne) gegebenenfalls noch übrig bleibt, im Sinne von „Videospiele für alle“ (für manche endlich, für mich leider) beginnen – so sehr von Heuchelei geprägt ich die Situation mittlerweile auch empfinde, doch dann ist die „Gleichstellung“ mit der Filmindustrie (bis auf das Nazithema) erreicht worden.
Ein zweifellos großer Erfolg der Systematik, aber auch einer der nur jenen vollends gefallen wird (und zufriedenstellen) die Videospiele sowieso schon immer nur als normativen Zeitvertreib und bestenfalls potentiell „nützliche“ Beschäftigung gesehen haben. Ebenso weisen die ganzen Begrifflichkeiten welche dafür „argumentativ“ schon in der Öffentlichkeit aufgewendet werden, falls es mal zu Stellungnahmen kommt (wie etwa von Randy Pitchford zu Regulierungen) – nicht nur aus der Pädagogik, sondern ebenfalls im Rahmen von Marketing -, auf nichts anderes hin, das heißt selbst obwohl die direkte Transparenz der Gremien weiterhin arg zu wünschen übrig lässt.‘

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