Kommentar zu „Killerspiele!“ beim ZDF

Und anderen Erzählungen. Beim VDVC: ‚Mir ist gar nicht aufgefallen dass wenigstens beim Spiegel, SPON („Als Schiffe versenken eine Gefahr für die Jugend war“, Markus Böhm), auch etwas über die eigenen Verwicklungen stand. Ebenfalls abgesehen von der Verwendung dieses Begriffs: das Wort allein sagt schließlich nicht viel aus und könnte etwa auch eine ganz andere Konnotation aufweisen, siehe „Killerapp“ und Co. Was meiner Meinung nach zählt ist der Leitgedanke, hier stört mich ganz allgemein ein Selbstverständnis das sich nur allzu gern ausnimmt und dementsprechend reduziert „Rückschau hält“. Eine „kritische“ Rückschau, ja, aber immer nur in Bezug auf die anderen, außer es lässt sich etwas nicht ganz vermeiden ohne dabei aufzufallen.
Gerade beim ZDF würde ich mir dabei etwa einen echten Diskurs nicht nur wünschen, sondern auch erwarten, fände ich entsprechende Konstellationen geradezu verlockend – zwischen einem Gunnar Lott und einem Claus Richter, oder wenigstens Rainer Fromm. Warum habe ich das Gefühl, dass sich so ein Dialog nicht einrichten lässt? Das hat mich zuletzt auch bei Alvar Freude, Daten- und Jugendschutz beim CCC gestört: der sonnenscheinliche Widerspruch in sich.

Die Folge kommunikativen Handelns. Anders kann ich mir diesen Journalismus nicht mehr erklären. Nein: mich interessiert was zwischen Applaus, Gelächter und (darauf) am Fuß folgender Zustimmung sonst noch zu finden wäre.
Das ist doch das Interessante. Ja, mich interessiert alles andere.

Ansonsten sehe ich Ethik, Selbstreflexion eher als Charade um einen eigenen Antiintellektualismus mit vereinfachter Intellektualität samt Stehsätzen zu verbergen, und leider auch TäterInnen-Opfer-Umkehrungen, sowie neue Ab- und Ausgrenzungen. Verurteilungen.
Doch die Schuldigkeit des Journalismus ist für mich damit nicht getan. Ganz im Gegenteil.

Die WASD folgt in ihrer Programmatik da schlichten Agenden. Aus wissenschaftlicher Sicht erfahre ich dort ausschließlich Ablehnung, kann ich keine Bereitschaft feststellen auch andere Interpretationen über Inhalte, Sentimente, zulassen zu wollen.
Störung des Selbstverständnisses? Unerwünscht! Das alles bestimmende Narrativ ist das eines überheblich-eingebildeten Fortschritts, einer lediglich vermeintlichen Inklusion. Videospiele sollen als Erfolgsgeschichte verkauft werden, die mit der Zeit (sic!) immer mehr Menschen betraf und alles andere wird als nebensächlich betrachtet, wenn schon nicht gleich (mit) als unerwünschte Störung abgestempelt. Die industriellen „Jugendschutzprogramme“ der Branche sind so nur der Gipfel einer über alles thronenden Arroganz – was auch immer aus dem Jugendmedienschutz-Staatsvertrag noch wird.
Die Betonung eines vereinnahmenden „wir“ – hier Zielgruppen-orientiert. Das ist Zielgruppen-Fernsehen, nichts weiter.
Vielfalt einfordern, öffentlich-rechtliche Qualität herstellen, hieße für mich etwa dass eine Sabine Schiffer mit einem Bundeswehr-Soldaten über „Militarisierung“ spricht, der daneben vielleicht in einem E-Sport-Verein für „Battlefield“ tätig ist, oder dass ein autosexueller Otaku mit einer sexnegativen Radfem sich über „Bilder“ und Heteronormativität unterhalten, etwa darüber wie Körper real wahrgenommen werden.
Das verstünde ich unter Demokratie. Auch als Auftrag.
Und das würde einen „Sichtwechsel“ erfordern, aber da das alles offenbar nicht vorgesehen ist, dauert der „Friede“ leider vermutlich nur solange, bis mit einem weiteren „Amoklauf“ die nächste „Killerspiel“-Debatte wieder von Vorne anfängt. In Zyklen.
Beherrscht weiterhin normatives Denken das Bild jeglichen gesellschaftlichen Diskurses über solche Sachen und wird nachher von der „in der Mittel der Gesellschaft“ aufgegebenen Randgruppe wieder nur eine exklusive Form von „Selbstkritik“ eingefordert. Von einer Randgruppe die es in letzter Konsequenz, demselben normativen Gedankengut von „Videospiele für alle“ zu folge, nicht einmal mehr geben sollte.

Es ist für mich überhaupt keine Frage wie diese ZDF-Geschichte enden wird, denn etwa anderes als eine Erfolgsstory war wohl von Anfang an überhaupt nicht vorgesehen.
Natürlich beginnt die Sendung (samt Botschaft) mit dem Ressentiment – über die anderen (Vorbehalte) reden „wir“ nicht. Schon gar nicht über die eigenen.

Doch ebenso selbstverständlich endet die Story mit einem Triumphzug durch die Haushalte und angeblichen Lebenswelten – dort wo Videospiele heute überall wären und sie früher nicht anzutreffen waren. Angeblich.
Überall dort wo Aufgeschlossenheit eher eine Vorgabe ist. Ich sehe das naturgemäß ganz anders: zwischen Videospielen UND VideospielerInnen gibt es meiner Erfahrung als Analytiker nach heutzutage so wenig Gemeinsamkeiten wie noch nie.

Unter „Videospielen“ und anderem „digitalem“ Spielen wird of nicht einmal mehr Ähnliches verstanden. Geschweige denn bezüglich Ästhetik, der Intention oder den Modalitäten der Meinungen darüber, also dessen (Gesamt-)Sinn.
Und was die (ganz) alten Artikel angeht: ehrlich gesagt habe ich dafür Null Verständnis, würde das nicht einmal unter „Fähigkeit zur Selbstkritik“ verorten: als Medium sollte dazwischen mittlerweile eigentlich doch mehr als genügend Distanz bestehen, immerhin reichen entsprechende Spiegel-Texte (nachweislich aus dem eigenen Archiv der Zeitschrift) bis in die frühen Achtziger zurück. Konkreter wird Böhm trotzdem nicht.‘

Nachtrag zu empirischer Forschung im Forum: ‚“Nett“ mag ja vieles sein was im Labor an Experimenten hergestellt werden kann, wenn man auf so etwas steht: wie eine qualitative Steigerung des bereits existierenden Materials demnach aussehen würde erschließt sich mir trotzdem nicht. Ganz abgesehen davon dass es unrealistisch ist, weil sie nicht so leicht finanzierbar wäre wie die (bereits) existierende (Forschung).
Anderes als das Übliche, schon Erprobte, über die psychologische Ausbildung und deren einseitig oberflächlich-naturalistischem Schlag nicht einmal vorgesehen ist, etc. Ich kann als empirisch diesbezüglich tätiger Wissenschafter etwa mehr spielen lassen, länger, verschieden, anderes. Kann Phasen einbauen in denen nicht gespielt wird usw., aber nicht einmal über den performativen Charakter dieser Tätigkeiten bestimmen, nicht einmal sagen, mir darüber sicher sein – geschweige denn im Klaren -, ob der Proband etwa nur „Laborrate gespielt hat“ – beim Videospielen – und sich verstellt, selbst bei der Evaluierung – da abseitige Interessen samt (Unter-)Bewusstsein in jedem Fall zumindest vernachlässigt werden. Außer ich lasse ihn/sie darüber im Unklaren, dass er/sie überhaupt untersucht wird – was in jedem Fall unethisch wäre. Darüber hinaus von der graduellen Untersuchung abwenden, aber auch das meint letzten Endes eine Änderung der Quantität (von Ergebnissen) und nicht deren Qualität. Denn die Frage bleibt wie dennoch „Leben“ im Labor so überhaupt hergestellt werden kann, als allgemeines Problem empirisch arbeitender Sozialwissenschaften: wenn ich etwa zwischendurch nach Hause gehen lasse – ich kann nicht bestimmen was dort dann geschieht, welchen Einfluss „zu Hause“, Beziehungen über die ich als Forscher vielleicht nicht einmal Bescheid weiß, bei meinen „Wirkungen“ haben. Schließlich ganz grundsätzlich: untersuche ich einen Probanden, der/die sich selbst als „Durchschnittstyp“ sieht, oder eineN der/die – über die negative Darstellung von Videospielen in den Breitenmedien etc. – schon pathologisiert wurde, also eineN der/die bereits am Trichter ist „süchtig“ zu sein, oder dadurch „aggressiv“ zu werden, beziehungsweise auch sonst einen dementsprechenden Leidensdruck verspürt. Sich selbst etwa als „Opfer“ der Videospiel(w)e(lt) versteht (und dadurch in einer moralisch günstigeren Position wähnt). Untersuche ich eine Person die meint, dass es für sie „besser“ sei, weniger oder nicht mehr zu spielen, weil sie dadurch ihrem Umfeld gefallen, ihrer Familie zuträglich agieren, oder Karriere günstiger „verhalten“ würde – oder tue ich das als Forscher nicht. Nein: ich denke, so kann ich gleich eine „Umfrage“ über „Alltag“ starten, wo „alle“ dann lügen können wie gedruckt. Die einzige Möglichkeit die sich im Sinne einer Qualitätssteigerung für mich daraus ergibt, ist eine totalitäre: die totale Überwachung nämlich. Und nicht einmal dann würde sich der Sinn ergeben – was letztlich der Erkenntnisgewinn gewesen wäre, bloß weil ich einen einzigen Menschen untersucht habe und diesen dann statistisch aufblähen kann, im schlimmsten Fall wieder als „Risiko“ verallgemeinern.‘

Ergänzung: ‚(…) die Erwartungshaltung gegenüber dieser Forschung war und ist aus meiner Sicht einfach viel zu groß. Und genau das ihr Problem. Die (empirischen) Humanwissenschaften haben verlernt sich in Demut gegenüber ihrem Forschungsgegenstand, dem Menschen (!), zu üben und damit bereits begonnen ihn zu entmenschlichen – seiner Würde zu berauben.
Alles unter dem Vorwand des Ethos von Gesundheit und Sicherheit.
Doch aus meinen jahrelangen akademischen Studien, Wissenschaftstheorie war bei mir immer ein Pflichtfach gewesen, weiß ich, dass die Möglichkeiten von „Realiabilität, Objektivität und Validität“ nunmal begrenzt sind, vor allem im Humanbereich, den „weichen“ Wissenschaften die darüber nur künstlich „verhärtet“ werden sollen (weil die Öffentlichkeit Zahlen mehr Glauben schenkt als unmaskierten Meinungen die sich über andere Analysenmethoden ergaben), Zahlen die aber dennoch vielfach auf der Annahme von Illusionen basieren. Denn ein Mensch „funktioniert“ nicht wie ein Motor, auch wenn sich der Sprachgebrauch dem leider bereits angenähert hat: ich kann „damit“ nicht einmal ein einziges Experiment zusammenbringen, das sich in ähnlicher Sicherheit wiederholen ließe wie eines mit einem anderen natürlich vorkommenden Element. Der Mensch ist kein solches Element, sondern vielfach widersprüchlich und mehrdeutig. Er reagiert nicht immer gleich.

Ja, ich bin skeptisch und würde Ergebnisse daraus nicht zum alleinigen Merkmal für politische Entscheidungen machen. Gebote oder Verbote davon abhängig.
Nein, ich würde sie (die Forschung) dennoch keinesfalls ignorieren, sondern selbstverständlich mit einbeziehen – im Übrigen auch egal welche „Qualität“ ich ihr Vorderhand attestiere. Die Politik (und in der Folge das daran angeschlossene Rechtssystem) kann die Wissenschaft (und deren Ergebnisse) nicht ändern, sie kann sie aber sehr wohl anzweifeln – auch wenn sie von der Sache/Materie keine Ahnung hat. Und keine Alternative, außer dass sie jene Forschungsbereiche die ihr nicht passen, die politisch unangenehm sind, aushungern lässt – was bei meinen Geisteswissenschaften ja schon längst passiert ist.
Nur ist das doch keine „radikale“ Einstellung, sondern meinem Dafürhalten nach im Gegenteil sogar ziemlich gemäßigt. Die Frage ist da schon eher was unter einer „Qualitätssteigerung“ überhaupt verstanden werden könnte (!) – darauf bin ich aber nicht einmal eingegangen, denn davon müsste jemand in jedem Fall auch erst überzeugt werden. Als „radikal“ würde ich es eher bezeichnen den Menschen beständig auf irgendwelche Zahlen oder Kompetenzen reduzieren zu wollen und dann noch meinen damit, mit dieser Form von „Vernunft“, vielleicht sogar etwas so in der Sache grundlegend Unvernünftigem wie Videospiele etwas Gutes zu tun.
Etwas zu dessen vielfältiger Entwicklung beitragen. Das „funktioniert“ bei Lyrik oder Musik auch nicht, jedenfalls nicht dann wenn sie weiterhin Emotionen transportieren soll.
Ok, das empfinde ich jedes Mal mehr als absurd.

Aber darum ging es mir jetzt auch nicht.
Es ist zum Beispiel doch schon so, dass sich in den letzten Jahren Feststellungen negativer Wirkungen auf bestimmte Risikogruppen beschränkt haben – abgesehen von ideologischen Grundlagen die bei „Mediengewalt“ immer noch von anderem ausgehen. Davon (von dieser Beschränkung) kann jedoch schonmal ausgegangen werden – in einem politischen Entscheidungsfindungsprozess, und wird es meiner Meinung nach mittlerweile auch. Das finde ich auch positiv.
Dennoch halte ich es nicht für unproblematisch diese Problemfälle von einem „normalen“ Personenkreis zu trennen, so als ob es überall erwartbare Tendenzen gäbe. Während der Öffentlichkeit ja wiederum in erster Linie kommuniziert wird, was sie von dieser „Gefahr“ dann halten soll (oder nicht). Negativ gedacht.
Auch wenn ich jetzt die Komponente „Individualität“ entferne und zum Beispiel Bezug auf diese „Menge an Probanden“ nehme. Trenne ich diese im Untersuchungszeitraum voneinander oder lasse ich sie an gemeinschaftlichen Aktivitäten teilnehmen, wobei ich mich dann etwa wiederum mit deren Gruppendynamik wohl oder übel auseinandersetzen muss. Das sind alles Fragen die ich – aus wissenschaftstheoretischer Sicht – in diesem Bereich erfahrungsgemäß nur höchst unzureichend, falls überhaupt, behandelt sehe. Und dort sehe ich zum Beispiel auch keine „statistische Lösung“ für den Faktor Mensch, diese – wenn man so will – „variable“ Größe. Deshalb lehne ich eine Beschäftigung damit aber noch lange nicht ab.‘

Der besagte Artikel von Markus Böhm. Dominik Schönleben stellt sich bei Wired dumm und gibt vor, dass „Videospiele für alle“ in der ZDF-Doku vorerst noch nicht abzusehen wäre, erstmal eine ältere Klientel „zurechtgestutzt“ bedient werden sollte: „Interessant ist, dass die Doku von Christian Schiffer produziert wurde, dem Herausgeber des Videospiel-Bookazines WASD, das sonst eine sehr positive Einstellung zu Videospielen in all ihren Ausprägungen aufweist.“ Selten so gelacht.

Der kennt das Wirtschaftswunder nicht.

Advertisements

Über pyri

PYRI / / (Pyri) / —— pyri. Steiermark/styria
Dieser Beitrag wurde unter "Kritik", Allgemein, Alltäglichkeiten, Almrausch-Urteile, Almrauschen, Alternative Lebensweisen, Amerika, Arbeitswelt und Realismen, Ästhetische Belange, BärInnendienste, Biologismus, Chauvis, Denkanstöße, Deutschland, Die Welt wird auf der Erde verteidigt, Freiheiten, In eigener Sache, Kapitalistische Verschärfungen, Post vom Mayer, Retrospektiven, Wie die deutschsprachige Wikipedia arbeitet, Wirtschaft und Kulturelles, Wort zum Alltag abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s