Vernunft ist Unmenschlichkeit

Im sonntäglichen Kurier (28.9.2016 6/7) wird Anahita Tasharofi von „Flucht nach Vorn“ mit folgenden Worten zitiert: „Die Innenministerin spricht von einem Dominoeffekt oder einer Kettenreaktion der Vernunft. In Wahrheit ist es eine Ketttenreaktion der Unmenschlichkeit.“

Dass die Rede von der „Willkommenskultur“ mittlerweile zu einem Schimpfwort geworden ist, ist eine ähnliche Schande wie dass dies in der Jugendsprache der letzten 25 Jahre das Wort „behindert“ wurde: wenn positive Attribute, Beschreibungen, Bezeichnungen, oder solche die auf etwas aufmerksam machen wollen, in ihr Gegenteil verkehrt bis in ihrem schlichten Wert geleugnet werden, immer dann, ist Desensibilisierung am Werk. Da hilft keine oberflächliche Rede über „Empathie“ oder „Würde“, und diese Rationalisierung der Sprache ist nunmal auch ein Ergebnis rationalistisch-Wittgensteinischer Sprachkritik. Analytische Menschenverachtung die jedoch niemanden verwundern sollte, wenn sich erst bewusst gemacht wurde dass viele scheinbar keine Gedanken mehr fassen können die über 160 Zeichen oder eine hingeschluderte Facebook-Replik hinausgehen. Am Ende kann sich ja immer noch damit „entschuldigt“ werden, wie Frau von Storch auf der Tastatur ausgerutscht zu sein. Positivismus bei der Arbeit.

Und es ist ein Egoismus, eine Selbstsucht, eine Voreingenommenheit die zunehmend zuschreibungsresistenter wird. Im Gegenteil dürfte die Artikulation allgemeiner, beliebig verwendbarer FeindInnenbilder wie „Reicher“ oder“Manager“ dieser Entwicklung, die nichts mehr auf den Grund zu gehen bereit ist, sogar noch zugespielt und damit genützt haben.

Wobei das Eigene darin zum Zahlfaktor wird. Ja, der positiven Stimmung im letzten Sommer war schon nicht zu trauen. Dem ganzen kollektivistischen Überschwang nicht, jener kommunitaristischen „Menschlichkeit“ und Welle des „Mitgefühls“ welche die negative Seite der Menschheit nur allzu gern verdrängt. Deshalb schrieb ich damals darüber auch nichts, oder nur sehr wenig. Im Untergrund und auf den Straßen der Selbstverständnisse brodelte es ja schon gewaltig. Teilweise spielten sich apokalyptische Szenen ab (wie, siehe unten, im Video von der Giordano Bruno Stiftung in Koblenz, das durchaus für eine Ansammlung von Spezialeffekten gehalten werden kann, sich im sächsischen Heidenau aber tatsächlich so abgespielt haben soll).

Der österreichische Außenminister agiert dabei in zunehmendem Maße wie ein Verwalter der Fremdenfeindlichkeit, ein Bewahrer von „Werten“ die vielleicht nicht einmal so genau definiert werden können oder ohnehin ebenfalls nicht existent sind – schon gar nicht angesichts dieser Situation.

Sogar dass es mit den „Anstand“sfloskeln des Bundespräsidenten nicht so weit her ist, konnte mittlerweile „empirisch“ beobachtet werden: selbst als die griechische Botschafterin nach Athen zurückberufen wurde, konnte dieser zu keiner klaren Stellungnahme bewegt werden. Das Außenministerium reagierte regelrecht zynisch – und in den Reihen dieser Leute sollen ausgebildete DiplomatInnen sein.

In Wahrheit hängt die zentristische Politik damit natürlich ihre Nase in den Wind des Rechtspopulismus, wobei die Verschwisterung von Strache und Petry im Februar ihr Übriges dazu beitrug. Es war ein beispielloses Schauspiel, welches da am rechten Rand in Düsseldorf beobachtet werden konnte. Eine Inszenierung welcher auch der etablierte Antifaschismus leider nur machtlos zuschauen kann. Deutschland sieht sich langsam aber sicher einer Gewissheit gegenüber die mit einer einfachen „Krise“ wohl nicht mehr zu erklären sein wird, dass demächst zum ersten Mal sei 1945 eine Partei rechts von der Union in den Bundestag einziehen wird und damit droht, auf Umwege zur fixen Größe in der Politlandschaft zu werden – eine Größe die kein Moralchauvinismus mehr zu verhindern imstande ist. Die Junge Freiheit hat gewonnen.

Und dieser Sieg dürfte schwerwiegender und nachhaltiger sein als das Verhältnis von Ronald Reagan zur National Review: Frauke Petry ist eine politische Figur wie es sie in Deutschland bislang nicht mal ansatzweise gab, aber auch eine die nicht unbedingt auf leisen Sohlen daherkam, sondern eher als Ergebnis der entideologisierten Dienstleistungsgesellschaft zu betrachten ist – und so irgendwann schon absehbar war. Im Unterschied zu Trump ist Petry noch jung und trägt keine Familienaltlasten wie Le Pen in Frankreich mit sich herum. Die einzige Hoffnung bei all diesen Gestalten, so unwahrscheinlich ihr Erscheinen teilweise auch anmuten mag: der Plafond von etwa 35% in ihrem politischen Segment. Ein Haider hat in Kärnten zwar dereinst noch viel mehr erreicht, der war aber vermutlich wirklich eine grandios-liebenswürdige Ausnahme.

Dafür ist die deutsche Kanzlerin Angela Merkel in ihrem politschen Spektrum eine der ganz wenigen PolitikerInnen die bislang Standfestigkeit gezeigt haben. Von beidem, auch dem mit der Jungen Freiheit, hätte ich vor ein paar Jahren noch nicht geglaubt, dass ich es einmal schreiben würde.

Alle die zur vernunftbegabten Anpassung an die „realen“ Verhältnisse nicht bereit sind, etwa weiterhin für ein Asylrecht ohne Bedingungen eintreten, den Geflüchteten wirklich helfen, andere Menschen tatkräftig unterstützen und mit Mut nicht beugen lassen, aber auch anderen AußenseiterInnen wie mir, stehen demzufolge eindeutig schwere Zeiten bevor. Womöglich noch schwerere als ohnehin schon der Fall.

Die Totalkapitulation des Geistes geht jedoch noch weiter: im völlig verbloggten deutschen Jugendboulevard wurde Strache zu einer Art Kultfigur erklärt, als „Volkstribun“ beschrieben und ein Bild von Österreichs Jugend gezeichnet, bei dem einem schon schwindlig werden konnte. Einmal mehr hat sich damit gezeigt wie kontraproduktiv die vermeintlich aufklärerische Arbeit von VICE und Co. in den letzten Jahren eigentlich gewesen ist. Fast könnte man meinen darin das sprichwörtliche Echo des Waldes zu erkennen – es ist nichts weniger als ein Debakel des etablierten Journalismus, des alteingessesenen wie des jungen-hippen, das bei Älteren auch anderen, zentraler geführten aber nichtsdestotrotz ähnlich boulevardisierten Gossenbinären wie der Huffington Post zuzuschreiben ist: die Gesellschaft wird dadurch immer weiter auseinander dividiert, während sich Kleinstzirkel in ihren „sozialen“ Medien ihre eigenen „Wahrheiten“ über die Welt um sie herum zusammenreimen und fortan ihnen allein hingeben.

Es ist ein Zerfall des Denkens, der über die sozialen Medien demnach festgestellt werden kann, und diese Feststellung ist gar nicht so kulturpessimistisch wie sie klingt sondern vielmehr bereits längst vollzogen (worden): selbst in Sendungen und Bereichen von Themen die in meinen Videospielbereich hineinreichten, fiel mir noch lange vor den Agitationen von Sarkeesian und Co. etwa ein „Extra Credits“ sehr negativ auf. Auf die üblichen Talking Heads wird darin zwar verzichtet, doch werden diese dafür durch einen singulären, ununterbrochenen Wortschwall ersetzt – der in dem Fall noch durch eine verfremdete Stimme, wie von „Anonymous“ bekannt, ergänzt wurde. Inhaltlich bleibt das dabei transportierte Weltbild hermetisch abgeriegelt, häufig eigenartig unter sich. Vergleichbar mit dem sektiererischen Wissenschaftszirkus eines TED, in der Nachfolge der Pilgerfahrten zu den Marketingauftritten eines Steve Jobs, ein Zirkus der in seiner Rationalität häufig eher an evangelikale Erweckungsrituale erinnert. Denken als Showtour: vermeintlich inklusiv, vorgeblich weltoffen, augenscheinlich weit gereist und „herumgekommen“.

Das transportierte Weltbild bleibt jedoch sehr eng gesteckt, auf Memes und andere Darwinismen bezogen – Naturalismen sowie Schlussfolgerungen wie „Ursache“ und „Wirkung“. Oft reicht es scheinbar schon ein Bild vom menschlichen Gehirn zu transportieren… Alles um Sachen des Menschen zu erklären: propagandistisch flankiert bleibt darin oft nur noch zu hoffen, dass sich negative Ideen und Anliegen auf Verkürzungen eingrenzen lassen. Die xenophob populistisch-verschwörungstheoretische Rechte und ihr biologistisch gefärbter Kulturalismus ist im letzten Jahr etwa dazu übergegangen, Ausschnitte aus Sendungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auf YouTube zu stellen und ihre eigene Kreativität darauf zu beschränken diese mi einer entsprechend einseitigen bis beleidigenden Überschrift zu versehen. Genügend Klicks scheint selbst das zu ergeben.

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