Neuer Kommentar zum Sexismus in der Branche

Wieder bei Webedia. Als Replik: ‚Diese Differenzargumentation stimmt doch hinten und vorne nicht, passt weder zu einer Befreiungsbewegung – noch hebt sie Barrieren zwischen den Geschlechtern auf, oder würde sie für mehr Vielfalt, Akzeptanz und Anerkennung (in der Gesellschaft) sorgen. Im Gegenteil zementiert und wiederholt sie das alles eher.

Erstens: wie sollen „Männer“ und „Frauen“ demnach überhaupt definiert werden. Zweitens ist sie auch sexistisch gegenüber Frauen, da sie diesen wenigstens indirekt vorschreibt wie sie sich zu geben, kleiden oder (öffentlich) zu präsentieren hätten – Stichwort patriarchales Verhüllungsgebot. Frauen brauchen keine Männer die sich mit ihnen solidarisch erklären, sich gönnerhaft für sie einsetzen usw.
Drittens stellt sie Körpernormen auf und schreibt vor wie Sexualitäten kommuniziert werden sollen. Sie bestimmt letzten Endes darüber wer Zugang zu welchen Körperbildern hätte, daran teilhaben dürfte usw. Gerade als Mensch mit Behinderung bin ich davon unmittelbar betroffen und empfinde das überaus selbst diskriminierend, sowie als krasse TäterInnen-Opfer-Umkehrung. Ungeachtet welches Geschlecht mir zugeschrieben wird, welche Ignoranz mir im persönlichen Umgang zuteil wird etc.

Dennoch: ich bin baff erstaunt, dass es nach all der einseitig geführten „Debatte“ solche Events überhaupt noch gibt. Die Branche als demnach unbelehrbarer, gedankenloser und unreifer „Boy’s Club“ immer noch existent ist (!).
Und ja, das alles ist absolut verwerflich, aber eben nicht aus den genannten Gründen. Weshalb die „Kritik“ daran ebenfalls und wiederum völlig falsche Signale aussendet, weiterhin zu vor allem eines führt: einer systematischen Ausgrenzung, Unterdrückung und/oder Zurückdrängung von Sexualität – und zwar jeglicher Sexualität abseits „züchtiger“ Repräsentation. Als schlichte moralische Gewalt.

Solche Veranstaltungen „objektifizieren“ und/oder „sexualisieren“ nicht, wie es diese ideologische Logik vorschreibt, weil Frauen als Subjekte keine zu begehrenden sexuellen Objekte darstellen dürfen sollten, sondern weil dieses kommerziell oberflächlich-kapitalistische Entertainment, diese Events – wie auch die meisten Messen (abgesehen von Erotikmessen) etc. um ihrer selbst Willen schon nicht das Geringste mit Sexualität zu zu tun haben (!). Das verhält sich ähnlich wie mit sexistischer Werbung, die ich auch keineswegs an den Bildern ausmachen würde, dieser Bildersturm ist einfach nur reaktionär, sondern einzig und allein daran welche Produkt(ion)e(n) damit beworben werden sollen: eine Dessouswerbung ohne Sexualität zu inszenieren, nur um sie nicht zu „sexualisieren“, macht keinen Sinn, wenn die meisten Dessous von sich aus bereits sexuellen Charakter aufweisen. Das ist sexualfeindliches Verhalten. Daher ist diese Verfügungsgewalt sexistisch, ist das bei Games größtenteils glücklicher Weise abgeschaffte Hostessen-Unwesen sexistisch (gewesen) usw. Nicht, weil Sexualität in der Öffentlichkeit nichts zu suchen hätte – wie es diese Logik, die in Deutschland von Alice Schwarzer bis Beatrix von Storch reicht, sexuellen Ausdruck diskriminieren lässt, sondern weil sie damit belästigen wo Sexualität nichts zu suchen hat. Und ja, das ist eine Logik die ich als Feminist nur zutiefst antifeministisch nennen kann.‘

Update – Replik vom 21. März: ‚Im Ernst jetzt? „Boothboys“ – selbst Google Search hat auf Anhieb kein eindeutiges Ergebnis gebracht, dahingehend was das überhaupt sein soll ^^ Wer, welche Firma von Relevanz, soll denn bitte je „Boothboys“ engagiert haben?
Sorry, aber so „funktioniert“ das sicher nicht. Es wurden vor allem in den Technikbranchen einfach junge, schlanke und dynamische Frauen „bestellt“, weil das die heterosexuellen Männer quasi „ansprechen“ hätte sollen, als gewissermaßen doppelten Sexismus: erstens über die Annahme, dass keine Frauen ihre Klientel wären, und zweitens dass auch den Männern das gefallen würde, weil sie eben dementsprechend sexuell eingegrenzt wurden sowie nicht anders wahrgenommen als potentielle „Ansprechpartner“ in dieser Hinsicht – wobei es meiner Argumentation zufolge auch oft eher zu einer Belästigung dieser geführt haben dürfte, weil die Männer diesbezüglich „unterschätzt“ worden waren und ein Normdenken gegenüber diesen dabei dominierte. Daran gibt es nichts zu deuteln, oder zu relativieren.‘

Sowie beim Standard. Ein Kommentar samt vier Repliken: ‚Wenn Microsoft „mittlerweile davon abgesehen“ hat, wie kann das dann überhaupt passiert sein? Solange
solche Veranstaltungen organisiert werden sind Beteuerungen und Gelöbnisse auf Besserung unglaubwürdig und bleiben ebenfalls Teil einer Vermarktungsstrategie – Empörung und sublime Entrüstung doppelmoralisch-unproduktiv, vielmehr sollten diesbezüglich konkrete Fragen gestellt werden: welche Firmen sind da noch beteiligt, gegebenenfalls darf mit dementsprechend vorbelasteten Agenturen einfach nicht mehr zusammengearbeitet werden.
Ich glaub der Grund liegt vielmehr in den exorbitanten Marketingetats, die so was erst ermöglichen. Die scheinen einfach zu viel Mittel an die Bespaßung ihrer „Business-Partner“ abzustellen, wenn schon Rezensionen bezahlt werden: die GDC sollte eigentlich eine Konferenz sein, und kein Rummel an der Reeperbahn.

(…)

Falls es nicht mitbekommen wurde:
das war keine Launchparty für „Estival Versus“ oder ein anderes „Senran Kagura“, das bei dem Konzern – jedenfalls bis Herbst – nicht einmal zur Verfügung gestellt wird
Als ich zuletzt mein Windows oder eine meiner Microsoft-Konsolen angeworfen habe, hatte das Betriebssystem oder die Hardware von Vornherein jedenfalls nichts mit Sex zu tun – und wie sich Frauen im Publikum auf diesem „Event“ gefühlt haben müssten, will ich mir deshalb gar nicht vorstellen
Genau dieses positivistische Denken ist es schließlich, welches dafür sorgt dass sexueller Ausdruck mit Sexualität abseits von Repräsentation auch sonst zurückgedrängt und diskriminiert wird. Die Existenz von Sexismus dabei einfach leugnen, selbst wenn er einem dermaßen anspringt wie hier.

(…)

Es stimmt zwar, dass auch Fahrzeuge grundsätzlich nichts mit Sex zu tun haben – dennoch besteht so die Gefahr (normabweichende) Sexualität kulturell zu diskriminieren, mit Ignoranz zu strafen usw. Dasselbe gilt für manch getunte IT-Ware, wo Microsoft aber nicht einmal unbedingt ein Interesse daran haben dürfte, dass das verkauft wird, Konkurrenz-Designs und so…
Es kommt ganz auf die Messe und das Auto an. Zu verallgemeinern ist das nicht: manche Autos sind sehr wohl sexueller Ausdruck.

(…)

Das eine hat mit dem anderen doch nichts zu tun, außer für die Prostitution wurde Geld abgezweigt oder
sonst irgendwie widerrechtlich aufgewendet – das würde ich dann aber eher unter Korruption verorten, die sowieso nicht-öffentlich ist
Hier geht es dafür im Gegenteil um nichts anderes als öffentliche Wahrnehmung.
Ansonsten wäre das eine allgemeine Debatte über die gesellschaftliche Verwerflichkeit von Prostitution an sich, Sexualmoral als solche etc. Und hätte mit der Games-Branche nichts zu tun
Das Traurige ist, dass dieser „Xbox-Party“-Artikel samt Überschrift hier jedoch so oberflächlich ist, dass das genauso moralisierend „kritisiert“ werden soll – anstatt mit weniger Emotionen und Clickbaiting-Kalkül –
Wen Hallo Spencer in Nevada auf sein Zimmer mitnimmt, interessiert mich auch nicht. Das verstehe ich ebenfalls unter sexueller Freiheit

(…)

Mit dieser absolut widerwärtigen
Überschrift wird einmal mehr jene Gleichförmigkeit im Denken ausgedrückt, welche für die hiesige Berichterstattung so typisch ist. Es wird suggeriert, dass ein Konzern nicht „verstören“ soll: da kann ich nur raten „Verstörung“ von Thomas Bernhard zu lesen
Zu „verstören“ ist eine großartige Sache, diese Party sicher nicht. Aber so hat die Redaktion wieder eine ihrer plakativen Artikel: genau wie bei jedem Beitrag über „Hitman“ scheinbar zwanghaft der „Umbringen“-Aspekt des Titels, des Antihelden, der Franchise, in den Vordergrund gestellt werden braucht
So als würde der „Tatort“ jedes Mal mit „Mord am Sonntag“ vorgestellt. Einfach abscheulich und die übelste „Killerspiel“-Diktion eines eben nur vorgeblich aufgeschlossenen „Qualitäts“mediums.‘

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