Der janusgesichtige neue Rassismus in Deutschland (und Europa)

Anmerkungen zu zwei SPON-Artikel zum AfD-Politiker Alexander Gauland: „Herr Gauland, sie sind rechtsradikal“ von Britta Kollenbroich, und Arno Frank über die vorgestrige „Anne Will“-Sendung in der ARD.

Kollenbroich übt sich in in ihrem Kommentar vor allem in Stehsätzen – egal ob zur Neuen Rechten, Populismus oder politischer Radikalität. Begriffe bleiben bei ihr grundsätzlich undefiniert und werden austauschbar verwendet, praktisch nach Beliebigkeit. Und Kollenbroich meint Gauland damit abwechselnd anzugreifen – bei allen bis auf einen, dieser ist für die „Debatte“ nach meinem Dafürhalten aber der alles entscheidende: „Leitkultur“.

Denn was sagt Kollenbroich dagegen? Die Antwort ist ganz einfach: nichts.

Im Gegenteil: Gauland wird dahingehend zitiert, dass ein „Deutscher“ sich „an uns anpassen“ solle – „an unsere Sprache, an unsere Leitkultur“. Hier ist längst nicht mehr bloß vom „Sprache lernen“ die Rede, sondern von Anpassung „an unsere Leitkultur“. Und was macht Kollenbroich? Sie spricht diesbezüglich doch glatt von einer „Fähigkeit“ (!), die Gauland einigen Menschen abspräche. Konkret nenne er „junge, ungebildete Muslime“ aus dem Nahen Osten.

Die Rede über „Fähigkeiten“ ist natürlich sehr beliebt, keine Frage – aber mit Verlaub, Frau Kollenbroich: das ist keine Entschuldigung. Diese Argumentation wird dadurch nicht weniger völkisch, rassistisch und rechtsradikal: entweder „Deutsche“ sind nun alle Menschen mit einem dementsprechenden Pass, ungeachtet ihrer Hautfarbe, Religion oder Herkunft, oder es existieren halt weiterhin „Deutsche“ und „Deutsche“.

Entweder das rassistische Erbe wird endlich wirklich abgelehnt und abgelegt, oder es wird weiterhin von einer „Fähigkeit“ der Anpassung gesprochen. Ein dazwischen gibt es nicht – und das ist keine „radikale“ Position, sondern die einzige Alternative zu Rassismus. „Für“ Deutschland, aber ganz Europa hoffentlich obendrein.

Doch das vereinnahmende Wir ist in dieser Form eines deutschsprachigen Journalismus bereits offensichtlich dermaßen verinnerlicht worden, dass die eigenen Vorstellungen diesbezüglich nicht einmal ansatzweise mehr eine Rolle zu spielen scheinen. Hauptsache ein Feindbild, wie in diesem Fall Alexander Gauland, wurde auserkoren, auf das sich in der Folge argumentativ – ungeachtet sämtlicher eigener Defizite – fokussiert werden kann.

Schon gestern konnte auffallen, dass die Anschlagpläne eines in der Ukraine verhafteten Franzosen vielfach nicht politisch eingeordnet wurden – ich musste etwa extra googeln, um sie irgendwo als das was sie sind ausgewiesen zu bekommen: rechtsextrem. Besonders schal im Zusammenhang mit der ohnehin fragwürdigen Position, welche Breitenmedien zur politischen Situation in der Ukraine seit der Krimkrise einnehmen.

Bei Arno Frank kam schließlich wieder jener Begriff vor, der mich während der Betrachtung einer medialen Situation in Deutschland schon seit fast einem Jahrzehnt begleitet: der „Schwurbel“. Ist JournalistInnen etwas zu kompliziert, zu uneindeutig, zu heikel in seiner potentiell transportierten Bedeutung, passt etwas nicht in ihr vorgefertigtes Welt- und/oder Menschenbild, kommt dieser sehr gern vor – taucht der „Schwurbel“ mit beinahe mechanischer Sicherheit als geistiger Reflex einer negativen Zuschreibung irgendwo im Text auf, vor allem dann wenn die vorgefassten Meinungen über „Täter“ und „Opfer“, Schuldige und Unschuldige, Gut und Böse, wie Kartenhäuser drohen in sich zusammenzufallen und die eigene Überlegenheit Gefahr läuft mit ihnen verschüttet zu werden.

Wobei es bei Frank diesmal gleich zwei „Schwurbel“ gab: einen „populistischen“ und einen „politwissenschaftlichen“. Während der „populistische“ die üblichen fremdenfeindlichen Parolen abspult, „argumentiert“ der „politwissenschaftliche“ mit den auch ach so populären Zahlen, „Vernunft“ und Statistiken – beide laufen aber unisono auf die Feststellung einer autochthonen Bevölkerungsgruppe hinaus, die einerseits bedroht (populistisch) oder erweitert (politwissenschaftlich) werden würde, andererseits in der „Debatte“ aber nur existiert weil zwischen dieser und allen anderen Menschen als (Nicht- oder weniger) Deutsche halt rassistisch unterschieden wird.

Doch wer für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft spielt ist Deutscher. Punkt. Da ist es völlig egal ob jemand gefällt oder nicht –

Auffallend bei beiden Artikel ist jedenfalls, dass nicht darüber diskutiert wird wie jemand überhaupt Deutscher wird – und zwar im formalen Sinne von „einen deutschen Pass erhält“, sondern dass immer nur zwischen innerer Einstellung und äußerer Erscheinung unterschieden wird: im ideellen Sinn also, quasi wer „Deutscher“ sein darf.

Denn wären die Grundlagen keine rassistischen würde es diese Unterscheidung zwischen autochthoner Bevölkerung als „Deutsche“ und allen anderen (potentiell) „Deutschen“ gar nicht geben, denn wieder wird dabei die Eigenschaft „deutsch“ zu sein mit einer inneren Einstellung oder äußeren Herkunft verknüpft. So sehr hängt die nationalstaatliche Erfindung des 19. Jahrhunderts, mitsamt ihren biologistischen Anhängseln, zweihundert Jahre nach. Und obwohl der formale Einfluss von Kirchen weitgehend zurückgedrängt wurde, als Kenner des deutschen Jugendschutzsystem weiß ich natürlich dass dies leider nur oberflächlich zutrifft, aber immerhin, werden diese Bestimmungen noch zusätzlich mit Religion verknüpft.

Religion die dann nicht politisch sein dürfe. Bezeichnend auch die Gewichtung: so wurde die schlechtestenfalls unbedachte Gauland-Äußerung zu Boateng breitgetreten, die noch viel ungeheuerlichen Anschüttungen in Richtung Mesut Özil aber nicht. Als ob jemand mir als Katholik es untersagen wolle, Rom oder Mariazell zu besuchen.

Ein anderes Beispiel ist der im Text überlieferte Gauland-Ausruf „das sind Ungebildete!“ Wieder in Bezug auf junge Männer. „Ungebildete“ treten hier in Zusammenspiel mit bildungsbürgerlichen Dünkeln ziemlich unzweideutig als neue „Wilde“ auf.

Doch auch dieser wurde beim berichtenden Journalisten Frank und den anderen „Anne Will“-Gästen offenbar keineswegs als rassistisch quittiert, sondern noch bereitwillig aufgenommen (!).

Die zitierte Entgegnung des SPD-Politikers Heiko Maas, wonach „Ungebildete gebildet“ werden könnten hätte früher etwa eine „Zähmung“ der „Wilden“ meinen können. Das alles (zusammen) macht die Argumentationsstrukturen und ideellen Vorstellungen auf beiden Seiten nicht weniger rassistisch.

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