Neues zu Gewalt und Co.

Repliken bei Webedia: ‚(…) Das würde jede strukturelle Gewalt von vornherein ausschließen. Repression äußert sich nicht unbedingt aggressiv, sondern kann auch sedativ wirken. Alle Gewalt die sich etwa eher saturiert äußert, sogar institutionell: ich würde Gewalt deshalb eher als eine Form der Kraft beschreiben, sogar Bewegung, auch als Ausdruck von Macht – in dieser Hinsicht vor allem aber als Unwertsurteil. Aggression würde eine Anstrengung voraussetzen, die in einer dementsprechenden Umgebung nicht einmal vorgesehen ist – weshalb Aggression bei Gewalt eher nur dann eine Rolle spielt, wenn diese von einzelnen (oder wenigen) ausgeht und die sich einer Mehrheit dagegen gegenüber sehen. Genauso, deshalb, ist auch das Monopol eines Staates in dieser Hinsicht keineswegs aggressiv – sind Recht und Ordnung in unseren Gesellschaften insgesamt eher nicht aggressiv.
Gewalt ist dazu „fähigen“ Lebewesen, aber auch der Natur, als Option gegeben worden – steht ihnen gewissermaßen „zur Verfügung“. Ob diese jetzt intentional oder instinktiv erfolgt, handeln, auch malevolent oder als Reflex, würde ich dabei völlig offen lassen. Als Möglichkeit. Und nicht nur bei ihnen (den Lebewesen), auch der Natur selbst: einem Unwetter wird ein kathartischer Effekt auf dessen Umwelt etwa keineswegs abgesprochen. Hier geht es aber, etwa bei der Zuschreibung einer „Faszination für Gewalt“ in Hinblick auf andere, immer um die Erlangung einer moralisch vermeintlich besseren Position – gegenüber anderen. Sind die Fragestellungen oft schon ganz andere, von den Ergebnissen dann ganz zu schweigen.

(…)

Sprachlich sind hier zweifellos sehr viele Unzulänglichkeiten präsent. Auch der heutzutage übliche Vorwurf einer Sexualisierung von Medien unterstellt etwa, dass diesen erst von außen Sexualität aufgedrängt werden würde – von sich aus aber etwa keinen angemessenen, dementsprechend schon passenden, sexuellen Charakter aufweisen könnten. Ich würde das nicht zu eng sehen – da gäbe es enorm viel zu beanstanden: analog verhält es sich etwa mit der Zuschreibung von „Zweckhaftigkeit“, vor allem bei Gewaltdarstellungen. Auch selbstzweckhafte Gewalt ist bei Darstellungen eigentlich nicht vorstellbar. Wie es bei Wirkungen derlei viele gibt, existieren praktisch auch immer Intentionen über die Empirie hinaus – aus poststrukturalistischer Sicht sogar völlig unbeabsichtigte Bedeutungen, die aber über entsprechende Regulierungen auch keineswegs verhindert werden können. So werden nur unerwünschte Inhalte beschrieben, wird versucht Moral sozusagen zu rationalisieren. Und das ist aus meiner Sicht das eigentlich problematische dabei.
Medienverbote wirken in erster Linie beruhigend. Sie gaukeln eine heile Welt eher nur vor. Repressive Gesellschaften zeigen, dass Gewalt trotzdem stattfindet: Paradebeispiel Indien. Sexueller Ausdruck ist dort, über das Niveau von Seifenopern hinaus, praktisch verboten – dennoch wurde die misogyne, reale Gewalt dort international bekannt.
Leider ist das beim Waffenrecht ähnlich: wo weniger Schusswaffen sind, werden eher Alltagsgegenstände wie Messer zweckentfremdet. Erfolge, ein Fortschritt, ist über Verbote eher nur graduell zu erwarten, wobei zivilisatorische Ideale messerfreier Gesellschaften wiederum eher nur Illusionen von Sicherheit hervorrufen – geschweige denn eine erneut vermeintlich „bessere“, moralische Position. Ich kann diese mit meinem Gewissen jedenfalls nicht vereinbaren, da sie immer eine Überhöhung eines Selbst gegenüber allen anderen bedeutet – allein deshalb beschäftige ich mich auch mit „Killerspielen“.

(…)

Wieder Zustimmung, aber von welchen Wissenschaften wird hier ausgegangen. Und von was für einem Gegenstand: der Gegenstand ist der Mensch und sein Verhalten, sein Denken und Fühlen. Wobei die Widersprüche dabei tendenziell ausgeblendet werden, wenn etwa kulturelle Äußerungen natürlich begründet werden sollen.

In meinen Geisteswissenschaften hat sich spätestens mit de Saussure schon ein Bewusstsein für eine Welt hinter den empirischen Oberflächen entwickelt um die es hier einzig und allein geht. Über Begriffe wie Kognition oder Kompetenzen wurde das alles zurückgeworfen. Die Psychologie versteht sich heute größtenteils (wieder) als Naturwissenschaft. Einerseits wird politisch ein Mangel an Empathie und Werten beklagt, andererseits glaubt das eingesetzte naturalistische Weltbild in der Regel Menschen wie Computer mit Daten sozial füttern zu können, mit Fähigkeiten zu versorgen, bei „Gefahr in Verzug“ aber Freiheiten wieder wegnehmen zu sollen usw. Die Angelegenheiten der Menschen, ihre Errungenschaften, so steuern zu können – und das ist über entsprechende Statistiken, mit Zahlen begründet, tendenziell bereits (sehr wohl) absolut gedankenmanipulativ (und keine Übertreibung). Beschreibt bei Menschen Vorgänge von Maschinen, à la La Metrie.
Völlig geschichtsvergessen: wie fundiert war etwa schon die Kritik an der Teilnehmenden Beobachtung, ich denke da etwa immer an Alfred Kroeber. Daran wie problematisch schon allein diese, teils sehr romantisierend eingesetzte, Methode in der Ethnologie war oder ist. Was hier tendenziell vorhanden ist, ist aber noch weitaus schlimmer: es ist in ein Reagenzglas zu blicken, in dem letztlich Menschen sind – sind fundierte Äußerungen noch viel schwieriger vorzunehmen.‘

Ergänzung zu sprachlichen Problemen bei einer Rede von „Gewalt“: ‚Stimmt schon, wenn wir die Möglichkeit hätten immer darauf hinzuweisen, dass wir vielleicht zwar „Gewalt“ sagen, aber damit unter Umständen jedes Mal etwas ganz anderes meinen, wäre uns – vor allem im Deutschen – schon sehr viel geholfen. Doch da bin ich wohl pessimistischer, diese Möglichkeit sehe ich in der Praxis nämlich nicht.
Weshalb ich mich in meiner Dissertation auch darauf beschränkt habe (literarisch) auf Gewalten und Gewaltigkeit hinzuweisen, statt auf Gewalt und Gewalttätigkeiten. Das Englische tut sich da leichter, da „violence“ dort eindeutiger eine Grenzüberschreitung meint.
Das Gewaltmonopol verweist auch eher auf eine Androhung von Gewalt (etwa beim Bruch der Goldenen Regel), als auf eine Gewalthandlung. Möglich wäre auch Gewalt vorher per Definition nicht mehr an handelnde Akteure zu binden, die Gewalt „wollten“, sondern schon von menschlichen Handlungen überhaupt zu lösen, denn von Gewalt in Zusammenhang mit Aggression zu sprechen, oder als Synonym für Macht, ist im Deutschen nicht genug, wenn auch Naturgewalten berücksichtigt werden müssten – „höhere Gewalt“ (wie wenn eine Lawine von allein losbricht). Sicher kann ich ideologische Gründe auch dafür suchen (und finden), wie etwa dem Klimawandel und letztlich wieder dem Menschen die Schuld daran geben, aber wir können nicht sagen: ja dann wirkt Gottes Macht. Aus gutem Grund nicht, weil Gott oder Nicht-Gott bei uns glücklicher Weise Privatsache geworden ist.
Anders verhält es sich aber mit dem Bösen, das als archaische Realität oft ebenfalls abgelehnt wird. Und bei den „Killerspielen“ etc. ist genau auch das gemeint denke ich. Gemeint ist das monolithisch Schlechte, sagt aber Gewalt. Dass es Leute gibt welche das wollen, und die „Killerspiele“, die das auch wollten. Ansonsten müsste ein Machtbegriff ebenfalls entintentionalisiert werden, was meiner Meinung nach aufs Gleiche rauskäme.

Die Behauptung Schlechtes zu wollen, zu propagieren usw. ist dabei glaub ich zentral. Und gerade dort würde ich ansetzen: zu sagen – ja, zuzustimmen, dass es halt Leute gibt welche die Welt brennen sehen wollen, oder anderen Leid zufügen, aber auch dass das nicht unbedingt Sache der „Killerspiele“ ist.
Das Problem, das was diesen Diskurs verhindert, ist eher, dass das in den oft sehr einseitig geführten Debatten überhaupt nicht so deutlich gemacht wird. Und aus meiner Sicht ist das worüber bei den „Killerspielen“ an Gewalt geredet wird nur ein Ergebnis dessen wie Gewalt in Nachrichten verwendet wird. Das Wort ist schon dort (allein) eine allgemeine Beschreibung für Vorgänge und immer ein Unwerturteil. Der Widerspruch liegt auch dort schon im Medium begründet: es wird sich zwar eine Welt gewünscht, die gewissermaßen ruhig und/oder gewaltfrei ist, andererseits werden dementsprechende Nachrichten überhaupt nicht transportiert, sondern eben die Information über Gewalt (als angeblich notwendige Berichterstattungspflicht). Aber Nachrichten wie „heute war es im Tschad ruhig. Es erreichte uns keine Meldung von Gewaltausbrüchen“ sind in dieser Welt der Gewalt regelrecht absurd.
Ähnlich verhält es sich übrigens mit Gefahr.
Eine Marketing-Firma wie Red Bull durchbrach zwar das Tabu von der Gefahr in der Werbung, aber das wird eher stillschweigend toleriert, oder ebenfalls kritisiert. Es dominieren Warnungen vor Gefahren die Welt, obwohl eine ungefährliche Welt auch eine langweilige Welt wäre – zumindest für viele, und nicht für die Bösen, deren Existenz auch angezweifelt wird (außer bei bestimmten Gruppen die annähernd so präsentiert werden). Deshalb spreche ich auch von einer Konkurrenzethik, welche die Tendenz hat Gegensätze aufzulösen, zu nivellieren, das Gute oder das Erwünschte überzubetonen, sich diesbezüglich jeweils günstig in Position zu bringen und dann, durchaus auch im favorisierten Kontext „wir“ gegen „die“, auf die Gewalt zu schimpfen: ich sage nicht dass es nicht besser wäre Gewalt auf die Ebene einer extremen Form der Aggression zu reduzieren, im Englischen ist das auch wesentlich leichter möglich, in den Zusammenhängen in denen heute aber überall von „Gewalt“ im Sinne von „violence“ gesprochen wird, würde diese Differenzierung (angesichts der im Deutschen vielen anderen Bedeutungen von Gewalt) keinen Unterschied machen.

Hinzu kommt, dass der von Dir bevorzugte Begriff sehr an die englische Sprache geknüpft ist – etwa im Umkehrschluss dass klarer Weise nicht jede Form von Aggression Gewalt ist, weil im Englischen Gewalt viel mehr als im Deutschen eine Grenzüberschreitung ist, und weniger eine Autorität.
Und vielleicht ist das alles eigennützig von mir gedacht, ja mag sein – sprachlich universal anwendbar ist es zugegebenermaßen sicher nicht -, aber im Diskurs um den es hier geht – bei Inhalte und Bedeutungen oder Wirkungen von Medien, Einstellungen etc. – würde das meiner Meinung nach keinen Unterschied machen. Das Deutsche hat für mich eher einen Vorteil darin, dass es so viele verschiedene Gewalten kennt.‘

Advertisements

Über pyri

PYRI / / (Pyri) / —— pyri. Steiermark/styria
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Alternative Lebensweisen, Amerika, Arbeitswelt und Realismen, Ästhetische Belange, BärInnendienste, Biologismus, Chauvis, Denkanstöße, Der Mayer ging zur Presse..., Deutschland, Freiheiten, In eigener Sache, Kapitalistische Verschärfungen, Retrospektiven, Wirtschaft und Kulturelles abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s