Der PSVR-Start auch aus außerwestlicher Sicht

Mit der interessanteste Umstand am mit Sony’s Brillenlösung jetzt erfolgten Massenmarkt-Einstieg „echter“ Virtual Reality ist die Unterstützung japanischer Entwicklungen für das Gerät: wie sieht der Plattform-Launch diesbezüglich also aus?

Gibt es jetzt schon nennenswerte Brüche der im Westen gerne als „Werte“ verkauften Normen? Spricht PSVR auch andere Gruppen an, die im Rahmen westlicher Repräsentation, oder „Jugendschutz“, als Zurückgebliebene ausgegrenzt bleiben sollen? Ich habe mir das alles natürlich zu allererst vorgenommen und, nun, das Ergebnis war vorerst eher enttäuschend: die Inhalte am japanischen PSN für PSVR unterscheiden sich vom Westen in erster Linie darin, dass Sony dort für teils gesalzene Preise ein paar an „Panorama View“ auf der Wii U erinnernde (Video-)Inhalte anbietet: eine folkloristische Tempel-Erfahrung für potentielle Japan-TouristInnen, oder die offenbar mit einer melodramatischen Fernsehsendung in Zusammenhang stehende Schulmädchen-Impression (nein, nicht „Summer Lesson“) – derlei bietet Sony im Westen vorerst überhaupt nicht an.

Als Ergänzungen dominieren J-Pop-Inhalte um Boybands, sogar eine eigene „Resident Evil 7“-Demo existiert dafür in Japan. Ansonsten bleibt lediglich noch „Godzilla“ erwähnenswert – der in einer Techdemo mit bekannter Unreal Engine 4-Technik kurz auftaucht, und beweist, dass auch Epic’s uniformierte und jüngste PSVR kann.

Von einem Patch/Add-On/eigenen VR-Release für „Xtreme 3“ fehlt derweil weiterhin jede Spur – dafür ist „Summer Lesson“ selbst in Japan planmäßig erschienen.

Auffallender Wermutstropfen: in Asien außerhalb Japans (wie dem Marktplatz von Hong Kong) sind bislang nur Inhalte verfügbar, die allesamt auch im Westen erhältlich sind. Die allermeisten davon ebenfalls in Europa – nur wenige, wie die kostenpflichtige Wahrsage-Erfahrung „Kismet“, oder der Video-Dienst „Vrideo“ (der im Unterschied zum Media Player auch mit 3D-Videos, sogar als Downloads, zurechtkommt), sind in Österreich nicht erhältlich.

Für Japanophile kommt so praktisch nur „Hatsune Miku“ in Frage – die ab 15 Euro jetzt in zwei VR-Varianten präsent ist: einerseits als Patch für das PS4-„Diva X“ und dort eigene Konzerte, andererseits als richtig abgestimmte „VR Future Live“-Variante (ein „Colorful“ ist davon vorerst nicht angekündigt). Immerhin wurde nun auch ein englischsprachiger Release von „Summer Lesson“ in Aussicht gestellt, der aber anscheinend noch bis nächstes Jahr auf sich warten lassen wird:

Motion Sickness?

Wie löst die PSVR jedoch allgemeine Probleme der Technik, etwa in Bezug auf Motion Sickness die Bewegung im Raum. Überraschender Weise liefert hier Sony selbst (mit seinen internen Partnern) bereits einige erfreuliche Ansätze ab – etwa im Rahmen der kostenlosen „Playroom VR“-App ein durchaus mutig zu nennendes Plattformspiel, das etwa vor Augen führt wie ein „Super Mario“ in VR sich irgendwann einmal anfühlen könnte: entscheidend ist vor allem die Geschwindigkeit – solange sich ausreichend langsam nur vor und zurück bewegt werden kann, etwa auf dem Niveau von „Everbody’s Gone to the Rapture“,  war – jedenfalls bei mir – alles in Ordnung. Noch deutlicher wird dieser Umstand bei „Here They Lie“, des dem Debut eines neuen kalifornischen Studios namens Tangentlemen (mit Sony Santa Monica). Wie „Bound“ von Plastic, das Demo-erfahrenen, polnischen „Linger in Shadows“ und „Datura“-Studios, ist auch „Here They Lie“ mit PS4 und PSVR sozusagen für die beiden aktuellen PS4-Plattformen konzipiert (und ab Anfang November sogar ebenfalls auf Disc im Retail-Handel erhältlich). „Here They Lie“ ist auf der europäischen Download-Demo-„Disc“ auch anspielbar und das bislang beste (teil)europäische VR-Spiel das ich ausprobieren durfte: dort kann sich ebenfalls nur vor und zurück bewegt werden, kommt für die Seite allerdings eine ziemlich geglückte Standort-Sprungtechnik zum Einsatz. Eine Form der Bewegung als Kompromiss, der jedenfalls nicht mehr allzu sehr an längst vergangene „Myst“-Tage erinnert. Mit Abstrichen sind so zweifellos auch langsamere Rollenspiele per einfacher Controller-Steuerung im Sitzen oder Liegen möglich: Respekt!

Schließlich bleibt die Frage nach den Produktionswerten, welche PSVR (vorerst noch ohne PS4 Pro) technisch verwirklichen kann: VR-Inhalte sind auch auf der Sony-Konsole eine dreifaltige Angelegenheit zwischen 2D-Video, 3D-Video und in Echtzeit berechneter Grafik. Maßstab aller Dinge ist bei letzterer, das heißt abgesehen von direkten Interaktionsmöglichkeiten, die Erzählung „Allumette“: eine wortlos-herzerwärmende Kurzgeschichte um Altruismus und eine Mutter-Tochter-Beziehung in einer Stop-Motion-ähnlichen Welt welche Sony dankenswerter Weise auf allen Marktplätzen der Welt gratis zur Verfügung stellt. „Allumette“ wird empfohlen im Stehen zu erleben, und das aus einem einfachen Grund: VR ohne Video ermöglicht es als Medium hinter die Kulissen zu blicken, nicht nur um sich und zurück, sondern auch über und unter die Dinge zu schauen. VR ist damit eine Technik die ideal für Medien wie Diorama jeglicher Art ist – was geschätzter Weise auch wieder in „Playroom VR“ zum Ausdruck kommt.

Ob ich als Christ demnach zu Weihnachten selbstredend auf eine VR-Krippe hoffen darf

Ganz allgemein gesprochen: vormachen sollte sich beim Thema Virtual Reality niemand etwas – auch der „Schwerpunkt“-mäßigen Berichterstattung ist besser nicht zu trauen, sie strotzt nur so vor Halbwahrheiten und gewollt-repräsentativen Einseitigkeiten: die an „alle“ gerichtete kommunitaristische Ideologie hat auch hier, bei dieser Technik, enorm viel Schaden angerichtet. Die größtenteils für Mobiltelefone optimierten Inhalte wird auch eine PSVR erst reparieren und (durch eigene, qualitativ höherwertige Inhalte) vom Markt wieder zurückdrängen müssen. Der Videobereich ist – vornehm ausgedrückt – kaputt. Falsche Zurückhaltung ist hier Fehl am Platze: Videodienste welche Sony mit „Littlstar“ auch in Europa zur Verfügung stellt sind durch die Bank schreckliche Werbegeschichten, selbst wenn es um Betroffenheit lukrierende News-, NGO- oder Bildungsinhalte geht eigentlich völlig verantwortungslos plakativ und/oder komplett geschmacklos.

Die allermeisten Inhalte sind absolut minderwertig oder dermaßen prätentiöser, selbstverliebter Stuss, dass einem ob des Dargebotenem – die eigene Intelligenz beleidigenden – schon schlecht werden kann, nicht aber wegen der verwendeten Technik. Wer diese Inhalte zu oft rezipiert, in deren Sinne „konsumiert“, kann schon zum Kulturpessimismus wechseln, meinen hier twittern sich Leute das eigene Gehirn heraus: in der Kürze von Darstellungen liegt halt oft doch noch nicht die Würze, und nicht immer ist weniger mehr (selbst wenn es sonst keinen vernehmbaren Widerspruch dazu gibt, in der Sozialität einer eigenen Blase Gleichgesinnter zu leben lässt diese nicht verschwinden). Große Namen haben bislang im Videobereich etwa auch noch nicht mit der neuen Technik gearbeitet, andere halten sich dafür bedeckt: die Reserviertheit von Nintendo erscheint in einem solchen Ambiente beinahe verständlich, das inhaltliche Problem reicht jedoch fast vom Arthouse bis hin zur „Pornografie“ (zu letzterer weiter unten mehr). Parallelgesellschaften ankern jedenfalls voraus und „vorwärts gedacht“ hat bislang wohl noch jede totalitäre Gesinnung.

Ich möchte Sony jedoch sogar noch ein Kompliment aussprechen und behaupten, dass ein Plattform-Launch selten die Möglichkeiten einer Technik besser unter Beweis gestellt hat als hier: beinahe überall ist zu merken, dass sich Gedanken um die Wirkung (in einem nicht-pathologischen Sinn versteht sich) gemacht wurden, und sicherlich, die teils fatal geringe Auflösung bleibt vorerst – nicht nur bei Sony – ein zentrales Problem, dafür ist selbst die PS4 in der Lage eine teils enorme Plastizität und Detailfreudigkeit erkennen zu lassen. Aus ästhetischer Sicht lässt sich sogar ein eigener PSVR-Look schon ausmachen, der – analog zum 3DS – etwas an die guten alten PS2-Tage der Emotion Engine zu erinnern vermag und sich diesbezüglich wohltuend vom hochgezüchteten PC-Grafik-Einheitsbrei, der in den letzten Jahren (wegen der x86-Architektur) ja leider auch die Konsolenwelt überfallen hat, unterscheidet.

Und abgesehen von der phänomenalen RE-Engine beim neuen „Resident Evil“ (so inkonsistent die „Kitchen“-Demo gegen Ende hin auch immer ist) überzeugte mich diesbezüglich sogar der Rail-Shooter zu „Until Dawn“, oder eben „Godzilla“ mit der Unreal-Engine: die Abstriche bei „Driveclub“ sind ebenfalls verschmerzbar, nur „Hatsune Miku“ sieht arg nach Vita aus – auch die Technik von „Summer Lesson“ fällt im internationalen Vergleich nachdrücklich etwas zurück.

Investigation?

Soviel zu (mehr oder weniger) maßgeschneidertem PSVR-Content – wie sieht es aber mit eigenen VR-Inhalten in Video- und Fotoform aus, oder halt dem leidigen Reizthema „Pornografie“. Der Vorwurf, oder die Freude darüber, dass PSVR diesbezüglich zu wenig unterstützt, und somit etwa „Pornografie“ verhindert, ist mehr als absurd – annähernd so puritanisch pubertär wie hämisch-verklemmte Kommentare unter derlei Artikel: der Media Player erfuhr zusammen mit dem Launch ein VR-Update und kann genau das was er schon immer (nicht) konnte – nur nun halt auch in einem eigenen VR-Modus (der übrigens auch Nicht-VR-Videos als VR ausgibt…). Da hat Sony wirklich nicht gekleckert.

Das Problem ist hier, dass 1080p-VR-Videos zu breit für PSVR sind, da sie für gewöhnlich mit 2160 statt 1920 Bildpunkten in der Breite arbeiten. Der Media Player der PS4 kann aber keine Videos in dieser Breite verarbeiten – im Übrigen auch keine 4K-Videos usw. Nur Dienste wie „Vrideo“ scheinen in der Lage zu sein zu skalieren. Es stimmt zwar, dass der Media Player halt auch keine 3D-Videos ausgeben kann – das dürfte jedoch wiederum mit dem Speicher zusammenhängen welcher der App auf der PS4 (zumindest ohne Pro) zugesprochen wird: der Media Player ist nämlich für Multitasking ausgelegt – sogar im Unterschied zum PS4-Internet-Browser, wobei diese letzteren Möglichkeiten (auf die Werbeplattformen der Adult Industry, wie es die diesbezüglich ständig und ausschließlich genannten Tubes ehrlicher Weise nunmal sind) auf allen Konsolen sehr viel zu wünschen übrig lassen. Nur eine einzige kleinere Firma scheint sich in der Industrie bislang auf den PSVR-Launch eingestellt zu haben und wirbt lustiger Weise förmlich auch standesgemäß mit der PlayStation-Brille (Link zu „Pornografie“, hinter Age Gate) – als ob die „Porno“firma Sony selbst wäre – was die unsägliche Presse mit ihrer doppelmoralischen Berichterstattung über sexuellen Ausdruck zwischen spekulativem Clickbaiting und empörter Repräsentation (sexueller Verfolgung) naturgemäß wieder verschweigt…

Update 21. Feber. Transparenz ist wahrlich keine große Stärke dieser Industrie: spät, aber doch, wurde jetzt endlich eine sich nicht nur über die Verpackung des Spiels wahrlich aufdrängende Non-VR-Version von „Here They Lie“ angekündigt.

Vom, siehe oben, englischsprachigen Release von „Summer Lesson“ fehlt dafür weiterhin jede Spur – und bald wird es März. Noch einen Nachtrag in dieser Sache, womöglich nach weiteren vier Monaten, wird es von mir jedoch garantiert nicht mehr geben. Das betrifft ebenfalls den VR-Support für „Xtreme 3“: dieser ist mittlerweile in Japan zwar seit einem Monat verfügbar, aber als solcher mit der englischsprachigen asiatischen Version noch immer nicht kompatibel  – sowie, zu allem Übel, selbst dort demnächst (schon ab 1. März) komplett kostenpflichtig – zumal alle Hinweise in den anderen asiatischen PlayStation-Stores bislang nur Fehler gewesen sein dürften: als kleine Entschädigung hatte der kommerzielle Antrieb VR bei einem anderen Titel erstaunlicher Weise einen völlig umgekehrten Effekt: „The Idolmaster“ dürfte, dank VR, überraschender Weise problemlos sogar im Westen zum ersten Mal erscheinen ^^

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