„Spaß“, oder: wer liefert Betroffenheit??

Replik im VDVC-Forum: ‚(…)

Das finde ich etwa schonmal keineswegs „selbsterklärend“. Ich frage mich dabei im Gegenteil warum ein Spiel wie „Battlefield“ überhaupt „Spaß“ machen soll?
Was ist gar die Alternative dazu – wann wäre ein Spiel über den „Ersten Weltkrieg“ demnach nicht geschmacklos, oder würde zumindest weniger problematisiert werden: ich denke die letzten Jahre haben auf all diese Fragen bereits mehr als genügend Antworten gegeben – gefordert sind Kriegs-„Spiele“ die Betroffenheit lukrieren, betroffen machen sollen, am besten noch indem sie in Opferrollen drängen. Erst dann wird diesen das Präfix „Anti-“ vorausgestellt und alles ist gesetzt „gut“, oder zumindest „besser“ – weniger geschmacklos.
Die ökonomische Ideologie um angebliche „Indies“ trägt (sozial und medial – in Hinblick auf Repräsentationen aller Art) ihr Übriges dazu bei. Trotzdem finde ich diese Entwicklung nicht mehr glaubhaft als wenn einem Film wie „Apocalypse Now“ das Attribut „kritisch“ zugeschrieben wird, oder dieser nicht als „Prokriegsfilm“ gilt: wenn ich Francis Ford Coppola und seine Frau hinter den Kulissen beobachte, wofür es gerade bei dem Film viele Gelegenheiten in Form von Dokumentationen gibt, dann schwelgten die förmlich im kinematischen Modus sozusagen. Da kann ich weder „Kritik“ noch irgendeine Form von Friedensbewegtheit feststellen – tut mir leid. Bei den Games hat ein „Valiant Hearts“ von Ubisoft dafür ganz andere, aber nicht unbedingt weniger stereotype Videospielmechaniken als Schießen und Co. Von anderen Titeln, bei denen „Spaß“ vorgeblich nicht als Erstes ins Auge fallen würde, ganz zu schweigen.

Andere Fragen werden erst nicht einmal gestellt. Fragen wie: warum soll etwas „brutaler“ sein je mehr die Verletzlichkeit von Körpern sichtbar wird? Was ist das überhaupt für ein Körperbild?
Welche Vorstellung von Leben und Welt liegt dieser Idee über Brutalität eigentlich zugrunde: auch auf die Gefahr hin dass mir hier wieder „Godwin’s Law“ vorgehalten wird, aber warum soll „Ich klage an“ von Wolfgang Liebeneiner weniger problematisch sein als andere Vorbehaltsfilme, nur weil er äußerst subtil daherkommt. Ich denke die meiste Brutalität kommt heute „differenziert“ daher, sogar „inklusiv“ mit Samtpfoten sowie entsprechenden Ausreden. Ihre „Diversität“ ist trotzdem überaus ausgrenzend – sie strotzt oft nur vor dennoch erfolgenden Verallgemeinerungen, Gruppenbildern usw. Und ich würde da bei den Videospielen noch wesentlich weiter gehen als Vicarocha: die „Batman Arkham“-Spiele haben seit jeher eine Menschenverachtung ausgedrückt die ich relativ beispiellos nennen würde. Wie darin über „kriminelle Elemente“ gesprochen wird, deren Therapierbarkeit, ihre Fähigkeiten oder deren Lebenswert, ist streckenweise unsagbar, ganz abgesehen von den „brutalen“ Kämpfen. Und dass Batman ja angeblich niemand umbringt, danach alle nur „bewusstlos“ am Boden liegen, würde ich sogar noch als den perfiden Gipfel dieser Heuchelei bezeichnen. Darüber wie das Spiel das alles wirklich meint würde ich mir persönlich jedoch kein Urteil erlauben – deshalb mag ich die Batman-Spiele und werde sie auch weiter verwenden: aus meiner Sicht drücken sie eher aus, ob beabsichtigt oder nicht, wie fürchterlich das im Kino und den Comics so eher noch beschönigte Batman-Universum eigentlich ist.

Ich denke Brutalität, Menschenverachtung und „Hass“ sind heutzutage eher Sachverhalte die zwischen den Zeilen gesucht werden sollten, und dort auch gefunden werden können. Gerade auch in den diversen plakativen Wertungen, Meinungen und Zuschreibungen von und über „Brutalität“ & Co.
Wobei das menschenverachtendste Spiel dass sich momentan, völlig problemlos, am Markt befindet, aus meiner Sicht ganz eindeutig „Prison Architect“ ist: das ist ein Spiel das europäische Grundwerte beständig mit den Füssen tritt, doch das kritisiert überhaupt niemand. Und das wird vielleicht höchstens von „Hatred“ oder „IS Defense“ noch getoppt, doch dabei bin ich mir nicht einmal so sicher. Doch darüber spricht eben niemand – das sehen „alle“ ganz „anders“ und das war schon zu Zeiten eines „Defcon“ (aus meiner Sicht leider) genau so.

Wobei meine Deutungen naturgemäß keinen Hoheitsanspruch inne haben: als Nicht-„Reichsbürger“ bin ich keine Hoheit und mögen andere das alles ganz anders sehen. Heute Nachmittag sah ich mir die erste Folge der siebenten Staffel von „The Walking Dead“ an: wenn die FSF solche Inhalte freigibt, wird sich die USK in Deutschland (fast) auch nicht anders verhalten (können).
Statt darüber ob eine Welt „glaubwürdig“ ist könnte sich auch unterhalten werden inwiefern Inhalte heutzutage normiert sind: dass die USK jetzt scheinbar fast alle „Gewaltinhalte“ (ohne sexuelle Komponente) freigibt könnte einer ästhetischen Analyse etwa ebenfalls nicht standhalten, da der Ton(fall) vieler Videospiele weit weniger viszeral ist als früher. Die Ausdrucksweise in einem älteren „Unreal Tournament“ würde etwa schon als sexistisch abgelehnt werden, das neue „Doom“ ist keineswegs mehr so düster wie früher – die „Mortal Kombat“-Spiele haben sich seit den Tagen von 1-3 diesbezüglich auch gewandelt – und insgesamt mögen heute zwar auch in Echtzeit-3D die Eingeweide durch die Luft fliegen, ähnlich wie früher unzensiert in Deutschland nur in einem „Baldur’s Gate“ aus isometrischer Perspektive, die Spiele gehen dennoch weniger an diese, nicht weil die Leute heute „verrohter“ oder „abgestumpfter“ wären, sondern weil weniger von diesen Inhalten ernst genommen werden braucht – was etwa allein schon über eine bunte Farbgebung oder eine leichtherzige Sprache geschieht, die diese Bilder abschwächt – von der „Realität“, den Lebenswirklichkeiten, trennt. Und das berücksichtigt in zunehmendem Maße offenbar auch die USK.
Schließlich ist die etwa dreiminütige „Kitchen“-VR-Demo von „Resident Evil 7“ auch nur die ersten anderthalb Minuten lang konsistent, die restlichen wird sich auf zwei billige Schockeffekte verlassen und hat die den Spieler, die Spielerin, bedrohende Figur ihre Welt animationstechnisch eigentlich schon längst verlassen. Manchmal scheitert es auch einfach am (Demonstrations-)Budget und die vorbeiziehenden Kulissen sind in „Call of Duty“ und Co. seit jeher keineswegs überzeugend: ich kann mich darauf aber auch einlassen, so wie darauf dass im Musiktheater plötzlich jemand zu Singen beginnt, und sie haben – immer noch – durchaus nachvollziehbar technische Gründe. Im Grunde sind das ebenfalls Genrekonventionen welche eine bestimmte Dramaturgie erst bedingen: ok, ich bin auch alles andere als ein Realist – „Battlefield 1“ ist, vergleichbar mit einem Kinofilm wie „300“, ein impressionistisches Werk. Es drückt sich zum Ersten Weltkrieg praktisch überhaupt nicht aus, sondern will diesbezüglich eher „nur“ ein bestimmtes Gefühl vermitteln, nur die Presse geht auf diesen Umstand zum Beispiel überhaupt nicht ein – ich kann das was das Spiel damit transportiert zwar unangemesssen, lächerlich, oder sonst wie negativ empfinden – ein Vergleich mit „Verdun“ drängt sich mir aber nicht auf, das fände ich unpassend und einfach nur (zum Fremdschämen) daneben. Wenn die Maßstäbe immer nur „Realität“ und ein bestimmter, normierter Geschmack sind.‘

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