Halbzeit bei „Westworld“ (2016)

Analog zu der Fernsehserie, zu welcher sich „Game of Thrones“ in den letzten Jahren so entwickelt hat, zeigt gleich die erste Staffel dieses ideellen Nachfolge-Großprojekts eines potentiellen Welterfolgs von HBO, der (nach den „Sopranos“ und „Rom“) letztlich doch kollektive Befindlichkeiten einer globalisierten Welt zumindest beeinflussen könnte, wo die politischen Gefühle in Nordamerika, sowie davon ausgehend dementsprechend übergeschwappt (und übergeschnappt, aber darauf komme ich noch zurück), momentan liegen: Sexualität wird primär mit Gewalt zusammengebracht (und zusammengedacht), gelobtes Land bleibt lediglich die Erkenntnis einer besseren Enthaltsamkeit und die Aussicht auf Verzicht, Sozialromantik reduziert auf intime Zweierbeziehungen, Unterhaltung als Sucht und/oder gleich Grenzen überschreitendes und damit violentes Übel, sowie die Begeisterung für vermeintliche Gleichberechtigung und Solidarität kommt auf Kosten persönlicher Freiheit, unliebsamer Schwächen.

Beim Stoff von Michael Crichton ist all das ohnehin bereits seit Jahrzehnten mehr als naheliegend: der Kulturpessimismus und das negative Menschenbild, verpackt als zwischenmenschliche „Kritik“, passen dort nur wie die politische Faust aufs fiktionale Auge. Die zu Vergnügungszwecken allenthalben missbrauchten Roboter des Programms, in Wahrheit bessere Puppen, brauchen bloß ein wenig biologisch modifiziert werden.

Gier nach Gewalt – als Ausgangspunkt der Lage

Im (praktisch nicht vorhandenen) historischen Hintergrund seiner verwerflichen Fantasie eines Vergnügungsparks schließt sich danach der Kreis wie von selbst: schließlich wird die Frontier keineswegs als Männerfantasie, oder in diesem Sinne gar grundsätzlich, in Frage gestellt – nein, im Gegenteil werden die Frauenfiguren nicht nur narrativ gezwungen, sondern fiktional regelrecht genötigt die Männergewalt zu übernehmen, sie müssen regelrecht „stark“ sein um in dieser Erzählung noch „funktionieren“ zu können, perfider Weise „inkludiert“ werden zu können – leider ist diese Serie da aber keine schlechte Ausnahme, sondern im Gegenteil eher beispielhaft für unzählige Inhalte die ein angeblich „liberales“ Amerika diesbezüglich nunmehr ständig (re)produziert.

Frauen werden dazu gedrängt bei dem kapitalistischen Schmarrn dieses Vergnügungsparks mitzumachen, besser noch: sie tun es aus angeblich freien Stücken! Sie kollaborieren, erfinden teilhabend die Homunculi, tragen eine Mitverantwortung über die Männerfantasie(n) und ergötzen sich womöglich sogar noch manipulativ daran, oder halt an dem was diesbezüglich für sie noch abfällt. Einzig den Männern bleibt offen Schwächen zeigen zu dürfen – so wie es medial heute in vielen Fiktionen aufgrund dieser politischen Schieflage der Fall ist: Männer dürfen heutzutage alles sein, nur Frauen müssen stark sein.

Doch was für eine Befreiung, geschweige denn Respekt oder gar Anerkennung, soll diese Sicherheit, ja eigentlich ist es eher eine Gewissheit wenn der Fernseher für fiktionale „Qualität“ oder „Intelligenz“ auch nur eingeschaltet wird, überhaupt sein? Hinzu kommt hier, im Falle von „Westworld“, der nivellierte (und damit genauso wenig beachtete) Rassismus der Frontier.

Die indigene Bevölkerung des eigentlich doch dargestellten Kontinents blieb bislang komplett marginalisiert: ähnlich wie in Sachen Gender eine prinzipiell heile Welt gleicher Möglichkeiten (equal opportunities) vorgegaukelt wird, nebst dem beschriebenen Neo-Puritanismus, verhält es sich mit den Hautfarben aller Anwesenden. Nur die Heteronormativität (zumindest was die Männer angeht) kommt vorerst noch sozusagen frei Haus. Vom restlichen Körperbild fähiger Wildwest-Menschen gleich völlig zu schweigen.

Und nein: das Argument eines „Red Dead Redemption“, dessen Geschichte lange nach den „Indianerkriegen“ und schon im frühen, elektrifizierten 20. Jahrhundert (mit Stromleitungen usw.) angesiedelt war, zählt hier – bei dieser prototypischen Fantasie – keineswegs, zumal der Vergnügungspark weit davon entfernt ist eine Karikatur zu sein. Dafür ist alles sonst viel zu ernst gestaltet worden: und niemand der anderes im Schilde führt besetzt Anthony „Methusalem“ Hopkins in seiner Paraderolle als ewigen Weisen mit dunkler Vergangenheit, schon gar nicht in Form einer Small Screen/Home Cinema-Premiere.

Fehlt nur, dass es darin eigene Bordelle für Frauen gäbe – das war den Verantwortlichen um den mal so (streng angepasst), mal anders (wohltuend abweichend) vordringenden Produzenten-Darling J. J. Abrams, den jüngeren Bruder von Christopher Nolan und der „kritischen“ Autorin Lisa Joy als kreativer Komplizin dann wohl doch zu viel: doch auch so kann das patriarchale Erbe geleugnet werden – wird die Ausbeutung von Frauen in der historischen Sexindustrie als Power-Dienstleistung praktisch mit Füßen getreten, alles dem politischen Willen geopfert vermeintlich „starke“ Figuren in den noch schlimmsten Bereichen „vielfältig“ vorstellig zu haben, und seien diese, wie hier, historisch komplett verrückt – ja sogar bis in den Revisionismus hinein und zur inhaltlichen Unkenntlichkeit entstellt.

Nächstes Jahr ist ein Film wie „Unforgiven“ von Clint Eastwood ein Vierteljahrhundert alt. Weit hat dieser „Fortschritt“ zurückgeworfen! Dafür entschädigt auch keine Ausnahme von dessen Regeln wie „The Homesman“ vor zwei Jahren, wenn Konstruktionen wie „Westworld“ weiterhin den Ton angeben.

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