Manfred Krug stand für das beste beider Deutschland

Normalerweise mache ich es mir da zu einfach: starb eine Person des öffentlichen Lebens die mir einigermaßen am Herzen lag, wie zuletzt Ende Juni bei Bud Spencer, suche ich mir ein YouTube-Video heraus und setze Grabstein-mäßige Jahreszahlen darüber.

Zweifellos in jedem Fall Verlegenheitslösungen, zumal dann wenn ich mir nicht mal sicher war ob ich selbst das tun sollte – wie bei Petersoli angesichts dessen politischer Fehltritte. Bei Manfred Krug habe ich lange überlegt, will ich – nach meiner harschen Verurteilung von Steve Jobs vor fünf Jahren – aber wieder eine Ausnahme machen. Diesmal im positiven Sinn: ich finde nämlich dass Manfred Krug Zeit seines Lebens als Schauspieler sogar viel zu wenig beachtet wurde. Er wurde entweder auf den „Tatort“-Kommissar, oder den Chansoneur, reduziert – seine DEFA-Vergangenheit als eine Art Heinz Rühmann des Ostens blieb vergessen oder verdrängt, vermutlich weil er das auch selbst so wollte.

Als Kind lernte ich Manfred Krug zunächst auf dem Fernseher im Vorabend „auf Achse“ kennen. In Erinnerung geblieben ist mir diesbezüglich jedoch praktisch nur ein Faktum: die aus heutiger Sicht absurden Strecken welche er damals (angeblich) zurücklegte – nämlich bis in den Irak. Man stelle sich das vor: „so einer“ wie der Manfred Krug, der müsste es heutzutage – in der wiederaufgenommenen Rolle eines Fernfahrers versteht sich – schon mit dem Daesh aufnehmen können. Ein unglaublicher Gedanke.

Später brachte er mir (immer noch Kind) als „Liebling Kreuzberg“ einen ersten Anflug von Multikulturalität näher, von dem ich immer noch meine dass ich in meinem Leben viel zu wenig abbekommen habe. Als trotziger DEFA-Fan und Postpubertierender lernte ich schließlich den Rühmann Krug im Wilden Osten kennen – vor dessen realer, na ja, Halb-Flucht von dort. Dort spielte er Typen die ich auf ihre Weise als durchaus identitätsstiftend ansehen will – vergleichbar eben mit Rühmann bei der UFA, oder Jimmy Stewart in den USA.

Der Vergleich hinkt natürlich: Rühmann und Stewart waren beide zutiefst vormordene Gestalten, Krug war stramme Moderne – sogar mit einem Schuss Post. Wobei: so ein Satz wie „das beste beider Deutschland“ ist erst problematisch, noch problematischer wäre allerdings „das beste von Deutschland“ gewesen – und ohne „Deutschland“ geht Manfred Krug bei mir, sorry, im Kopf gleich wenig zusammen wie Heinz Rühmann, so wie Hans Moser (nein, ausnahmsweise nicht der Porno-Produzent) keineswegs ohne „Österreich“ – für mich – denkbar wäre. Ja, ich bin und bleibe – hoffentlich – ein unverbesserlicher Patriot.

Der kleinbürgerliche Mief in dem Rühmann, Stewart und Moser planschten war Krug dabei naturgemäß fern: er strahlte eine Größe aus, angewendet auf deutschsprachige literarische Verhältnisse seiner Zeit vermutlich ähnlich wie Bernhard auf dem Vierkanthof, oder selbst Arno Schmidt in der Abgeschiedenheit seiner Lüneburger Heide. Doch ob diese vermeintlich unnahbare Größe nicht auch gerade so vor Winzigkeit strotzt –  da bin ich mir eben nicht so sicher: Distanz kann wahrscheinlich sogar zu dem verbindenden Element werden, wenn erst gewusst wird wie sie sich überwinden lässt.

Im Rühmann-Standard von Götz und Sarkowicz heißt es deshalb gleich zu Beginn: „Natürlich erkannten alle sich sofort und immer wieder.“ Ob mit diesem „alle“ nun „Deutsche“ gemeint sind, oder nicht, ich glaube gemeint ist eher die human condition – gepaart mit einer gewissen Aura der Integrität, wie sie im deutschsprachigen Raum viel zu selten anzutreffen ist.

Egal ob bei Pseudo-Proletariern wie Götz George oder Karl Merkatz, und vielen arrivierten SchauspielerInnen – vom Schlage einer Helen Mirren, einer Charlotte Rampling, eines John Gielgud oder Max von Sydow sind nur wenige darunter. Krug war jedoch einer von diesen – er konnte die human condition ansprechen, zumindest in seinen besten Zeiten und nicht dann, wenn er als Dekoration eines Klaviers diente. Wie unten in seinem heutzutage aus innenpolitischen Gründen in Deutschland immer noch quasi-unterschlagenen 94er-Film, den „Blauen“: darin kommt auch zur Geltung was ich mit „beider Deutschland“ meine.

Vielleicht liegt es am Gewissen, das in diesem Film fast schon überstrapaziert wird: ein sehr politischer Film, aber – so wie ich – keineswegs parteilich. Die Vorstellung von Politik als Ausgleich, als Abwiegung von Interessen – ohne Überlegenheitsdünkel – dafür Biografie als Dunkel, Neid, Missgunst – bis hin zum offenen Ressentiment: unverzeihlich, unversöhnlich.

Kritik

Ganz anders als es das Selbstverständnis noch offizialisierter Gesellschaften in Deutschland und Österreich oft bedingt, oder nahelegt – wie einem wiedervereinigten Deutschland: dessen teuerstes und repräsentativstes Exportgut längst kein Mercedes mehr ist, sondern die normierte Moral. Wo „Werte und Normen“ weiterhin als ein einziges Unterrichtsfach verkauft wurden, obwohl es sich darin um Widersprüche in sich handelt. Gar nicht so unähnlich wie bei „Demokratie“ in der Mitte von „DDR“, von den im Detail Fortsetzungen bis nahtlosen Übergängen mit Adenauer: Hauptsache das große Ganze, eben die Repräsentation, scheint in Ordnung zu sein.

Oder Österreich, wo der letzte Bundespräsident seinen wie auch immer zu verstehenden „Anstand“ wie eine Monstranz vor sich hergetragen hat, sowie im nicht enden wollenden Wahlkampf nun (jetzt Nr. 4) um den aktuellen, beide Kandidaten abwechselnd „Heimat“ oder „Gott“ missbrauchten: als Begriff positivistisch umformten – oder gleich für sich beanspruchen. Vereinnahmend: wo der Eindruck entsteht, dass ein Staatsoberhaupt nicht nur ein (frisch) verheirateter Mann mit in jedem Fall auch bürgerlichen Ansprüchen sein bräuchte, sondern dass es bei aller Repräsentation und Sorge um „Nachhaltigkeit“ oder „Effektivität“ insgeheim im Orwellschen Sinn und öffentlichen Interesse in erster Linie darum ginge, den Orgasmus abzuschaffen – nebst weiterer störender, zielstrebiger Übel – sich als besser darzustellen als es ein echter lebendiger Mensch auch nur je sein könnte.

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