Zu VR und Sexualität

Kommentar im VDVC-Forum: ‚Vorab einmal: die Diskussion darüber dass die Brillen in einem negativen Sinn noch „gefährlicher“ seien (als Bildschirmmedien) – ganz egal ob bei Sex, oder Gewalt – wird sich nicht verhindern lassen, da die Brillen Außenstehende an sich schon verstören oder zumindest irritieren werden – erst recht im öffentlichen Raum. Bei Bildschirmen wurde schon vor zehn Jahren im „Stern“ künstlerisch zu dokumentieren versucht wie monströs Menschen davor aussehen würden, ungeachtet dessen was sich darauf eigentlich befindet – einfach in deren Gesichter fotografiert – wie es mir damals leider zugespielt wurde. Denn die Brillen entfremden dabei noch offensichtlicher: diese Alienation bedingt praktisch schon Diffamierung, denn der einzige Maßstab für diese Form des Journalismus ist – leider auch (!) -, neben einer Identitätspolitik über dementsprechender Repräsentation, „Realität“.
Dann zum sexuellen Ausdruck im Internet: die Entwicklung der dazugehörigen Industrie miterlebt zu haben gehört zu meinen interessantesten Erfahrungen in den letzten fünfzehn Jahren und worauf ich im Leben am meisten stolz bin, aber diese ist bis auf wenige Nischen nunmal in erster Linie von ökonomischen Interessen geprägt. Nicht einmal 360°-Videos stimmt dort oft: die meisten der billigeren VR-Inhalte werden aus Kostengründen in 180° produziert. Nur die repräsentative Berichterstattung darüber könnte irreführender kaum sein, wirkt für gewöhnlich so als würde sie vom im deutschsprachigen Raum dominanten (aber nicht zuletzt aus „Jugendschutz“gründen bezeichnender Weise außerhalb davon arbeitenden – den Geschäftsbereich führenden) Ramsch-Vermarkter Mindgeek gesponsert werden, und genau dort – bei dieser eklatanten Schieflage – sollte Kritik an Bigotterie (stattdessen) ansetzen denke ich: die „Porno“-Leute adaptieren Medien nicht als erste, sondern wenn dann als letzte – bei ihnen muss sich das Medium erst gesetzt haben, das war schon bei HD so. Darüber hinaus wird VR auch sonst vorerst in erster Linie für manipulative Werbevehikel und zur politischen Verzerrung missbraucht, egal ob von Danone oder der Huffington Post. Sein Wert für Unterhaltung (mit großen Namen), Bildung und Wissenschaft wird sich erst zeigen müssen.

Sowie: ich werde nicht „ständig daran erinnert, dass es eben nicht echt ist“, und das Gefühl der Immersion stellt sich bei mir, graduell gegenüber von 2D- und 3D-Videos, sehr wohl komplett ein. Und wer sich davor fürchtet kann bereits jetzt gute Gründe dazu haben, Gründe die besser ernst genommen werden sollten! Mit einer Einschränkung: es ist und bleibt eine performative Tätigkeit, authentisch ist in VR noch weitaus weniger als in der „echten“ Welt – und daran wird keine höhere Auflösung, keine gelöste Bewegungssteuerung je etwas ändern können.
Die Praxis der Denunzierung hier steht allerdings wieder auf einem ganz anderen Blatt und finde ich umso bedauerlicher: ich habe ausdrücklich nicht vor mir diesen Artikel anzutun, aber ich lege Wert darauf festzustellen dass ich es nicht hilfreich finde wenn hiermit noch mehr Öl ins Feuer gegossen wird, noch weitere Vorurteile bedient werden und immer diese Klischees über Japan (auch aus erster Hand) zitiert oder referiert auftauchen, denn Reisen und/oder soziale Kontakte bilden offensichtlich nicht: es gibt genügend ähnlicher Beispiele aus dem sogar noch christlich geprägten Westen, allein die europäische Kunstgeschichte ist voll davon und niemand, garantiert niemand, stört sich hier „hochkulturell“ daran. Nur bleibt diese eigene Welt scheinbar selbst hier geborenen Menschen Zeit ihres Lebens verborgen – entweder weil sie keine Museen oder Ausstellungen besuchen, wenig Bücher lesen oder selten etwas anderes als aus Hollywood sehen. Dass bei der japanischen Popkultur, wenn es um die „Sexualisierung“ Minderjähriger geht, immer gleich mit dieser aggressiven und, ja, auch beleidigenden Empörung gearbeitet wird, dieser kollektiven Entrüstung in Form einer Pseudo-Aufklärung, dafür habe ich nunmehr immer weniger Verständnis: ja ich empfinde das als persönlichen Angriff – egal wie es gemeint war – und weise ihn deshalb einfach zurück.
Erst die Amerikanisierung der Postmoderne hat halt die „Meinung“ bewirkt, dass Siebzehnjährige Kinder seien und solange neuerdings selbst ein Teil des deutschen (!) „Schulmädchenreports“, abgesehen von misogynen Vorwürfen bei Vergewaltigungen, den FSK-12-Sticker (sichtbar etwa auf Amazon Video) trägt, sind die Vorwürfe beinahe so absurd wie sie lächerlich sind, wären sie nicht dermaßen ungeheuerlich. Zumal viel inkriminierter Anime politisch bewusst progressiv ist – teilweise ist sogar explizite Kritik an Pädophilie präsent, etwa bei „Ikki Tousen“ (das im Westen weniger bekannt ist und bei „Senran Kagura“ zuletzt lizenzrechtlich für den Westen sogar ausgeklammert wurde). Und ich bin einer der wenigen im Westen der damals selbst eine Lizenz für Illusion ergattern konnte, die eine Firma über einen kurzen Zeitraum (offenbar fälschlicher Weise) verkauft hat, ich weiß also „legal“ wovon ich rede: diese diffizile Wahrnehmung von Verführung sagt vor allem etwas über jene aus die es scheinbar nicht besser wissen, ähnlich wie beim Schimpfen über die ach so spekulativen „Folterpornos“.

Wir leben nunmal in einer Welt die mehr Schein als Sein ist, das erkannte dankenswerter Weise bereits ein Martin Heidegger, gerade erst wurde eine Marketingfigur zum US-Präsidenten gewählt – Repräsentation scheint „Kompetenz“ dahingehend erst verhindert zu haben -, aber leider so auch hier: ich habe das schon einmal zu formulieren versucht, aber es spricht einfach nichts dagegen für einen West-Release Altersangaben gegebenenfalls zu ändern, da eine virtuelle Figur nunmal über kein reales Alter verfügt (!). Als Vocaloid entspricht Hatsune Miku in erster Linie dem Ideal eines jungen Popstars, sie verfügt über gar keine „Geschichte“ – irgendwelche Sexspiele am PC mit ihr hat SEGA oder sonst wer auch nicht genehmigt. Das ist alles schon sehr „FAZ mit Schulmädchen in GTA“ was hier geschrieben wurde. Dass die Figur aus „Summer Lesson“ minderjährig wäre ist mir ebenfalls neu: einen englischsprachigen Release davon soll es in Asien erst nächstes Jahr geben.

Schließlich ein konkretes, aktuellles Beispiel – ich beschäftige mich jetzt schon länger mit einem der beiden Titel dem vor kurzem eine USK-Freigabe verweigert wurde: „Valkyrie Drive – Bhikkhuni“. Altersangaben fehlen hier einfach, trotzdem spekuliert (sic!) die USK mit Hilfe von Fanseiten wie Wikia oder einer Textzeile welche die (finanzielle) Abhängigkeit von Eltern und damit Ähnlichkeiten mit Minderjährigen nahelegt, offenbar über Alter.
Dabei hätte die USK/OLJB eigentlich nur das zu prüfen was im Spiel (oder dem Handbuch, auf der Verpackung) vorhanden ist. Die BPjM hat den Titel bislang zwar nicht indiziert, Amazon verkauft ihn immer noch, aber ich finde dass wenn dann gegen diese Rufschädigung geklagt werden sollte: auch ich bin, solange mir niemand eine Arbeit gibt, von meinen Eltern finanziell abhängen – und habe bereits das Großvater-Alter erreicht (!).

Und eine Bigotterie der Presse könnte wirklich auch anders kritisiert werden, als mit diesen bürgerlichen Reflexen ständig: wenn SPON sich daran nicht stört, tatsächlich so „liberal“ ist und vielleicht sogar um die eigene Geschichte diesbezüglich weiß – schön. Freut mich, eine Sorge weniger – auch wird der Begriff der „Scheinminderjährigen“ hier einmal mehr völlig falsch verwendet: der Begriff entstammt ursprünglich der realen, US-amerikanischen Pornografie und meint dort die Darstellung (!) Minderjähriger, konkret eine ältere Frau (so um die 40 glaub ich) die eine Dreizehnjährige mimte.
Vielleicht sollte sich deshalb einmal besser darüber informiert werden was „Darstellung“ überhaupt heißt… Also die Bigotterie liegt wenn dann in dieser ständigen Suche nach Verboten, hängt aber wohl mit jener einseitigen Vorstellung von Sexualität zusammen: dabei geht es nunmal nicht immer darum etwas „zu tun“, so wie aus dem „RL“ bekannt, denn nicht nur die Geschmäcker, sondern auch die sexuellen Interessen sind verschieden – von den Geschlechterkonzepten ganz zu schweigen.
Nicht alle Ideen über sexuelle Handlungen sind gleich. Sexualität kann auch Vorstellungen meinen die bewusst suggestiv sind, so spielerisch dass sie nicht einmal als Zensur oder Ersatzhandlungen gelten bräuchten, sogar platonisch – „Senran Kagura“ arbeitete etwa schon viel mit Essen, ab nächstes Jahr dann mit Wasser: und auf genau dieser Ebene passiert momentan auch die meiste Kreativität.‘

Nachlese – redaktionelle Anmerkung in eigener Sache: ich bin Mitglied des VDVC-Aufsichtsrates. Dieser Kommentar stellt ausschließlich meine persönliche Meinung und/oder Ansicht dar.

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