Kommentar zu SPON

Im VDVC-Forum: ‚So weit so stimmt nicht. Ein Sadist ist per Definition eine Person die sich am Leiden anderer erfreut.
Im Wissen darum, dass es sich bei den fiktionalen Gewaltdarstellungen in Videospielen um Imaginationen handelt kann so jemand keine Freude daran haben – eine Freude an Gewaltdarstellungen sollte deshalb noch zwingend andere Gründe aufweisen.
Außer so ein Autor hält das Videospiel-Publikum für komplett bekloppt (Weiterleitung an ein negatives Menschenbild), oder weiß eben selbst nicht was Sadismus bedeutet: solche Behauptungen sind jedoch leider üblich, siehe – analog zu „Sadismus“ bei Gewaltdarstellungen – auch den Vorwurf des „Voyeurismus“ bei sexuellen Inhalten. Aus voyeuristischer Sicht ist erlaubter, bewusster und selbstbestimmter sexueller Ausdruck genauso völlig uninteressant, sondern immer nur das Verbotene von Interesse – letztlich also ein Übergriff. Höchstens traditionelle, komplexe Strukturen wie patriarchale Verfügungsgewalt können da sonst noch eine Rolle spielen (zum Beispiel in der Prostitution).
Aus kulturhistorischer Sicht sind diese gewöhnlich moralisierenden Behauptungen völlig falsch. Sie verkennen auch jeden libertinen Charakter und neigen dazu diesen zu verharmlosen, der früher mit Ständen und Klassismen zu tun hatte (abgesehen von Geschlechterrollen und anderen Identitäten aus dem Kolonialismus und der Sklaverei), wenn Bilder abgelehnt oder negativ als Gefahr imaginiert werden. Die Bilder sind jedoch nicht das Problem, sondern die Realität davor oder dahinter.
Sadismus wird sich bei Videospielen vielmehr im Multiplayer äußern, auch Gewaltfantasien werden dort tatsächlich eine Rolle spielen (wenn etwa bei Gewalthandlungen wie Quälen oder Erniedrigungen in Form von in der Spielmechanik durchaus auch vorgesehenen Taunts sich hinter dem Avatar eine reale Person vorgestellt wird) – bis hin zu wiederholten Belästigungen. Das kann dann aber auch bei „FIFA“ sein, wenn jemand andere mit ständigen Pausen gängelt, und ist dann schon eher unabhängig vom dargestellten Inhalt.‘

Aufklärerisch motivierte Replik vom 20. Dezember: ‚Das nichts gefunden wurde liegt vielleicht daran, dass ich mit „Definition“ keine medizinische oder psychologische Bestimmung meinte, sondern eine literaturhistorische. Natur- und Sozialwissenschaften übernehmen den Begriff dann ja auch eher unsachgemäß, neben etwa dem Journalismus oder der Politik – das wäre auch eigentlich mein Vorwurf gewesen: soviel zu „die Wissenschaft“.
Genauso wie „Masochismus“ auf einen österreichischen Schriftsteller verweist, geht „Sadismus“ auf einen französischen zurück. Deshalb wird sich, um „Sadismus“ zu verstehen, mit Leben und Werk dieses einen Autors beschäftigt werden müssen – spitzfindig würde ich das nicht nennen, eher ordentlich um Fakten-bezogen gegen moralisierenden Populismus und hier Medienressentiments überhaupt auftreten zu können. Vernunftbegabt.
Und für „Schadenfreude“ ist die Feststellung von „Schaden“ sehr wohl eine sprachliche Voraussetzung, deshalb reicht „Schadenfreude“ mittlerweile auch weit über das Deutsche hinaus – für „Sadismus“ ist Freude am Leid linguistisch aber nicht notwendig. Das ist richtig, doch wird jemand der De Sade liest in letzter Konsequenz schnell feststellen, dass es im libertinen Weltbild letztlich genau darum ging – sich deshalb zu „entladen“ (womit eine männliche Ejakulation gemeint war): was aus dieser Interpretation gemacht wird ist aber offen zu lassen. Ein konstruktivistisches Weltbild ändert daran nichts: ich wüsste zudem keineswegs was ein nicht-konstruktivistisches Weltbild daran auszusetzen hätte. Da trifft sich eine analytische Herangehensweise aus meiner Sicht eher, sogar gegensätzliche Perspektiven: „Relativismus“ und „Konstruktivismus“ ändern als triviale Schmähungen nichts an den Beziehungen in, oder der Erzeugung von Welt.
Und Literatur bleibt in jedem Fall Literatur. Wobei sich bei den angeblich sadistischen Games etwa schon die Frage aufdrängt, wie sexuell die darin gezeigten oder (in einem behaviouristischen Sinn ausführbaren) Gewaltdarstellungen, die Konstitution „gewalttätiger“ Videospiele, überhaupt (nicht) sind. Was stimmt ist, dass sich damit niemand zufrieden geben braucht: das heißt ob nach der Lektüre von „Venus im Pelz“ jemand jedoch klüger ist was „Masochismus“ anbelangt, wage ich da schon zu bezweifeln, eher (noch mehr) gelangweilt.

Nachtrag: es ist ganz ähnlich wie bei „Vandalismus“ sogar im Recht. Was als „Vandalismus“ gilt und was nicht, wird der dortigen Geschichte und Tradition (früherer Rechtsprechung) geschuldet sein – trotzdem bleibt, zumindest für mich, interessant was die historischen „Vandalen“ eigentlich angestellt haben.‘

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