Kommentar zu Thorsten Quandt

Bei Golem. Und zur „Ethik“ der Psychologie: ‚“Psyche“ hat einmal Seele gemeint!

Irgendwann vor diesem zynischen Zeitalter…

Überaus schade und eigentlich sehr sehr traurig ist es, dass auch ein Autor wie Quandt in solchen Artikeln mit keinem Wort auf die gesellschaftlichen Grundlagen dieses Zustandes eingeht. Dafür scheint nämlich in keiner Form von „Kritik“ – in welche Richtung auch immer – ein Platz vorhanden zu sein: die Forderung nach Effizienz und Praxisnähe, nicht zuletzt auf den mittlerweile unzähligen FHs (auch) im deutschen Sprachraum. Die alles und potentiell jedeN überstülpenden Empirismen und Naturalismen.

Wo ideelle Werte systematisch immer weiter zurückgedrängt werden, zugunsten des allgemeinen „Funktionierens“ einer wie auch immer erdachten Gemeinschaft: Repräsentation, Normalität im Verhalten, politisch einzig erwünschter Identitätskonzepten usw. Eines Kommunitarismus der Individualität erst verhindert.

Denn letztlich ist es nicht mal mehr „nur“ eine Pathologisierung, sondern vielmehr schon eine ausgewachsene Medizinalisierung des Menschen, welche dieses Leistungsdenken da geboren hat. Ein Denken das sich nicht einmal darauf beschränkt die Entstehung von Krankheitsbildern zu verhindern, sondern einen schlichten Tausch von Menschen gegen Zahlen vorsieht, von dereinst Weltbilder erst konstituierender Ideologien gegen „nachhaltige“ Pragmatik wo Moral längst (auch) eine Frage des Konsums und Marketings geworden ist, eine Geschäftsidee.

 –

Beobachtbar (sic!) nicht zuletzt in den Politikwissenschaften. Von Entwicklungen gerade in Deutschland, welche Jugendschutz etwa als industrielle Chance begreifen, ganz zu schweigen.

Wenigstens scheint angesichts von Entwicklungen wie hier in der WHO er jedoch noch doch zu begreifen, dass die allgemeine Vorstellung wonach die davon betroffenen Gesellschaften (trotzdem) immer „liberaler“ werden würden, regelrecht absurd ist. Hoffentlich begreift er das jedenfalls.‘

Ergänzung: es wäre schön, könnten derlei Bestrebungen auf Moralpanik reduziert werden – oder alternativ abgewogene, auf Leidensdruck abgestimmte Besonnenheit herrschen. Im Gegenteil scheinen bei weiterhin nicht in Frage gestellter Problematisierung von Leben und Welt moderate Lösungen illusorisch, solange Kosten-Nutzen-Rechnungen dabei gedanklich überwiegen – wie auch immer (mit welcher Wirtschaftlichkeit sei dahingestellt): solange ein Denken an „Risikogruppen“ jedwede auf „Wirkungen“ bedachte Medienwissenschaft bestimmt, ökonomisiert.

Dabei geht es immer wieder um die uralte Losung: „Freiheit statt Angst“. Die Freiheit die eigene Höhle zu verlassen, obwohl dann leichter der Blitz zuschlägt – oder der Säbelzahntiger bei der Ausbeute dem Menschen zuvorkommt. Die Freiheit ein Konzert nicht nur immer noch besuchen zu dürfen, sondern dies auch tun zu können weil immer noch eines veranstaltet wird (!) – etwa ohne sich Sorgen machen zu brauchen.

Die klare Erkenntnis, dass letzten Endes keine Alternative zur Risikogesellschaft existiert.

Und dann zwei ganz verschiedene Sorgen noch. Die einen setzen sich positiv durch: Sorgen wegen der Risiken einer potentiellen Störung der eigenen Interessen, dem Schrecken von deren Vernichtung. Sorgen um sich.

Doch nicht die antike „Sorge um sich“, welche sich tendenziell immer besser denkt, selbst für überlegen hält – meist nur darauf bedacht ist, leider ohne sich dies für gewöhnlich eingestehen zu wollen, was andere von diesem Selbst (und seiner Sättigung) denken, davon halten. Determiniert, aber dann eben nicht verspielt – dies ausschließend: wie es halt so ist, wenn die Biologie – die Natur – über alles und jedeN bestimmen soll. Oder die Norm, die Reduktion/Zurückhaltung, Verweigerungshaltung, die Praxis des Besser-Nicht.

Dennoch gehen beide der genannten Erkenntnis voran, dass letzten Endes keine Alternative zur Risikogesellschaft existiert, wobei das Dazwischen noch die Politik füllen soll. Ein zugegebenermaßen ziemlich schauerlicher Gedanke, auch ohne demonstrativ vor sich her getragene Politikverdrossenheit und/oder dezidierte Ablehnung „des Systems“: wie im Falle unseres lieben Medienministers, Herrn Thomas Drozda, der in seiner scheinbar einzigen Grenzenlosigkeit, seiner Alternativ- und Phantasielosigkeit,  immer noch nicht einmal verstanden zu haben scheint, dass sich über den „sozialen“ Gehalt von partizipativen Medien wie YouTube und Facebook zwar trefflich streiten läßt, diese – in ihrer Bedeutung für die Demokratisierung – aber jedenfalls kein Rundfunk sind – nicht einmal redaktionell konstituiert sein können ohne sofort zum Großen Bruder zu mutieren, wie es anderswo bei Suchmaschinen oder im Online-Versandhandel ohnehin schon soweit gekommen ist, obwohl der deutsche Jugendmedienschutz-Staatsvertrag nächstes Jahr 15 wird.

Solange immer mehr lediglich nach der Beschaffenheit von Dingen gefragt wird (dem „was ist“), aber keineswegs nach deren Grund oder Ursprung (dem „warum ist“) – Schöpfung und Schöpfer beständig verwechselt werden – Wunsch und Begehren ausgeklammert, jeglichem Willen tendenziell sinistre Absichten unterstellt werden (mit Ausnahme all dessen was die Repräsentation als ehrbar und nicht unanständig parat hält – wie „Stärke“ und keine Schwächen). Wenn einseitige Urteile über Inhalte und Verhaltensweisen zwar schnell geäußert werden, diese Äußerungen – so beleidigend sie gegenüber dem Selbst auch immer gewesen sein mochten – im besten Fall aber höchstens ebenso schnell wieder vergessen werden, nur eines werden sie nicht: gegen ihre Vorwürfe auf die Probe gestellt. So wird nicht danach gefragt wie klischeehaft Ideen von Klischees eigentlich sind, wie „realistisch“ Alternativen zu Stereotypien eigentlich wären, was die Ablehnung eines Bildes als „Trope“ eigentlich über die Ablehnung sagt, welchen stromlinienförmigen Mustern der „gute“ Aufbau einer Geschichte gehorchen würde, welche Tagesabläufe Menschen mit und ohne Medien weshalb gesünder erscheinen ließen, weshalb eine „soziale“ Entschuldigung für „guilty pleasures“ besser wäre usw. usf.

Denn leider kennt Ablehnung kein Augenmaß: sie fragt nicht nach Möglichkeiten, sie spart sich keine Optionen auf, sondern urteilt negativ und steckt Menschen und Darstellungen in Schubladen – nur um diese bei Bedarf später kurz wieder daraus hervorzukramen und bei Gelegenheit argumentativ vorzuführen. Allein schon weil sie in ihrer Welt kein anderes Leben kennt.

‚Exzessive Nutzung kann sogar ein unerfüllter Wunschtraum bleiben

Ich würde etwa sehr gerne länger als eine Stunde am Stück spielen. Leider lässt dies meine Konstitution oft nicht zu. Für gewöhnlich muss ich am Desktop-PC etwa schon nach wenigen Minuten aufhören – weil es mir ansonsten zu viel wird.
Technische und (innen)architektonische Settings können das Spielen am Handy, auf Handhelds, Konsolen, am Laptop oder am Desktop höchst unterschiedlich machen. Schon von der Anforderung der Aufmerksamkeit her – nicht bei dem was abseits des Bildschirms geschieht, sondern gerade am Bildschirm (oder innerhalb der Datenbrille).

Doch sieht jemand am Sonntag im „Ersten“ den „Tatort“ und hernach vielleicht noch „Anne Will“, würde so jemand nach manchen Modellen bereits als „gefährdet“ gelten – würden stattdessen Computerspiele „konsumiert“ werden: die Einbeziehung von „Problemen“ am Arbeitsplatz oder in der Schule, sowie die Berücksichtigung der einzelnen sozialen Lage – wiederum in Zusammenhang mit einer normierten Sozialisation – macht die Situation dabei nicht unbedingt besser, zumal dann wenn den lieben Mitmenschen zwar gesagt wird was sie an Freizeitverhalten besser meiden sollten, weil es ihnen „schaden“ würde – medial ausgerichtet was sie nicht tun sollen -, aber gleichzeitig kein alternatives Sozialleben angeboten, denn die Angebote für sozial Bedürftige welche es gibt sagen noch lange nichts darüber aus, ob jemand auch in diese Gruppen passt.
Oder was soll ich mit meinem Interesse an Hegel, Borowcyzk und Proust etwa beim Eisstockschießen oder Andreas Gabalier? Im Gegenteil konstituiert sich die Vorstellung sozialer Bedürftigkeit und emotional-gesundheitlicher Probleme allein darüber bereits vorurteilsmäßig negativ, was so jemanden schon interessieren wird – eben Eisstockschießen oder Andreas Gabalier. Und vermutlich wieder auf der Basis irgendwelcher Statistiken.

Mein Leben, meine Wünsche, meine Existenz und meine Interessen tauchen in keiner Statistik als relevant auf – bleiben also unberücksichtigt und damit komplett ausgegrenzt. Und warum findet Suchtforschung überhaupt so statt wie sie stattfindet, wird an gar nichts anderes dabei gedacht? Der Elefant im Raum jeglicher empirischer Forschung diesbezüglich bleibt, leider längst nicht nur in diesem Bereich, das Interesse an Produktivitätssteigerung. Funktionieren gepaart mit Spott und Hohn für alles das anders ist und das dann, mit nur wenigen Ausnahmen, für gewöhnlich etwa unter „Hass“ verortet wird. Lifestyle-Magazine (wie die GEE früher), Publikumsmagazine (heute etwa GameStar) und normierte Kulturmagazine (wie WASD) haben ganz bestimmte Vorstellungen darüber was „gut“ und was „schlecht“ an Videospielen wäre, wie deren Repräsentation (von Körpern, Ethnien und Geschlechtern) aussehen soll, und was damit verbunden Identitätspolitik alles an „Realität“ zu bezwecken hätte. Sie mögen sich ideell zwar gegen Ausbeutung wenden, aber beuten selbst ständig die „Realität“ aus – im Gleichklang mit der beschriebenen empirischen Forschung, egal welcher Couleur, Absicht oder Ausrichtung.
Das elektronische Spielen (in Form digitaler Spiele, mit Ausnahme vielleicht des Schachcomputers als Übungsgerät und beruflicher Simulationen) ist nunmal, sofern sich dies einmal eingestanden werden möchte, grundsätzlich unvernünftig. Es ist antirationales Verhalten und gilt als Zeitvergeudung – etwas „Vernünftiges“ oder „Sinnvolles“ mit seiner Freizeit stattdessen anzufangen würde, zumindest nach den vorhandenen Werten, Nicht-Spielen bedeuten. Zumal deshalb, weil Videospielen in Zusammenhang mit Sport auch nicht als Stählung des Körpers gilt, und ein „gutes Videospiel“ rezipieren von einem „guten Buch“ lesen immer noch fundamental unterschieden wird – daran, an diesen (Ver-)Heißungen, hat keine Verbreiterung des Mediums bislang etwas substantiell ändern können, zumal in der Verbreiterung (wie Casualisierung) selbst Abgründe und Unmengen an potentieller Suchtverhalten verborgen liegen.

Gleichzeitig finden jedoch Forderungen nach „Entschleunigung“ der Gesellschaft statt, sich dem Produktivitätsdruck zu entziehen. Gerade das bedeutet der häufig unterstellte Eskapismus beim Spielen aber auch, die „Flucht“ vor den Mechanismen des Kapitals und Ertrags. Wobei ein solcher Ertrag nicht nur monetär sein kann, sondern auch in moralische und emotionale Werte münden – wie das Vorhandensein von Kindern, einer glücklichen Ehe, eines Patenkinds in Afrika, eines veganen Lebensstils – oder eines Elektroautos. Ja, selbst diese Werte können sich von Menschen durchaus wieder weiter entfernen und erneut materiell werden – sofern ihr positiver Wertcharakter dabei erhalten bleibt: nichts ist heutzutage egoistischer und materialistischer als die Gesundheit und ihr Dispositiv – die eigene, aber auch jene sämtlicher mit einbezogener anderer Menschen, der Tier- und Pflanzenwelt, sowie die von Mutter Erde selbst.‘

Advertisements

Über pyri

PYRI / / (Pyri) / —— pyri. Steiermark/styria
Dieser Beitrag wurde unter "Kritik", Allgemein, Alltäglichkeiten, Almrausch-Urteile, Almrauschen, Alternative Lebensweisen, Amerika, Arbeitswelt und Realismen, Ästhetische Belange, BärInnendienste, Biologismus, Chauvis, Denkanstöße, Der Mayer ging zur Presse..., Deutschland, Die Welt wird auf der Erde verteidigt, Freiheiten, Kapitalistische Verschärfungen, Retrospektiven, Wirtschaft und Kulturelles, Wort zum Alltag abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s