GOG.com veröffentlicht „Tender Loving Care“ neu (!)

Wieder eine große Überraschung auf GOG.com: der einsame Höhepunkt des interaktiven Films, „Tender Loving Care“ von David Wheeler (The 11th Hour), ist jetzt rabattiert (bis 6. Juli) zum Spottpreis von knapp einem Euro und 40 Cent auf GOG.com erhältlich.

Zunächst ein Wort zur Technik und der verwendeten Version bei diesem Re-Release: die deutsche Version (Die Versuchung), welche ich 1998 erstand, wurde damals auf 4 CD-ROMs ausgeliefert, die ich bis heute wie meinen Augapfel hüte. Später erschien auch noch eine DVD mit dem Spiel, soweit ich weiß aber keine DVD-ROM sondern eine ziemlich bescheidene, interaktive Video-DVD (zusätzlich zum parallel entstanden Film, mehr dazu im letzten Absatz). Auffallend an der GOG-Variante ist dabei zunächst, dass ihr Installer auf eine einzige CD passt und das Spiel dabei trotzdem scheinbar keine schlechtere Bild- und Tonqualität aufweist: also ein aufwändiges Remaster?

Irrtum: es handelt sich (leider) ganz klar um eine Portierung der 2012 veröffentlichten iOS-Version, wobei GOG auch mit einer etwas hübscheren Fassung des damaligen Trailers wirbt – vergleiche unten: ja, „Tender Loving Care“ wurde vor fünf Jahren zum Handyspiel, und GOG veröffentlichte dieses jetzt für Windows-PCs. Warum es auf GOG für „Tender Loving Care“ (Die Versuchung) kein deutsch(sprachiges) Marketing gibt, erklärt das alles aber nicht unbedingt: auch andere Spiele ohne mitgelieferter deutschen Version (Die Versuchung) werden jetzt dort doch auch sonst in deutscher Sprache besprochen? Dass auf den deutschen Titel (Die Versuchung) aufgrund fehlender/problematischer Lizenz, wie zuletzt bei „Homeworld – Cataclysm“ das jetzt „Emergence“ heißt, nicht hingewiesen werden dürfte, halte ich zudem für unwahrscheinlich. Nun aber zum eigentlichen Spiel:

Die Dreiecksbeziehung mit einem psychisch begabten Dandy – gespielt vom mittlerweile bereits verstorbenen (ja, erst kürzlich – sogar heuer!) Ausnahmeschauspieler John Hurt (1984) – trieft förmlich vor eingebildeter „Klasse“. Dabei ist „Tender Loving Care“ eindeutig eines jener Videospiele wie „Command & Conquer“, wo man sich über seine Absicht nie ganz sicher sein kann: einerseits ein Psychotest, andererseits aufgebaut wie ein Coffee Table Book zum Thema „Schöner wohnen“,  und dann wieder die Ehe-Elegie um einen sexuell Frustrierten, dessen Frau den (Unfall?)-Tod der eigenen Tochter zu realisieren nicht imstande ist. Bis zum heutigen Tage in jedem Fall eines der ungewöhnlichsten, je produzierten Videospiele.

Manch ein bieder-pseudoliberales Machwerk wie „Gone Home“ jüngerer Tage kann sich davon sogar noch eine Scheibe abschneiden, zumal der hier zur Schau gestellte „Voyeurismus“ weniger sexueller als vielmehr sozialer Natur ist. Gewissermaßen den Wohlstandstourismus in einer Seifenopern-Welt ausmacht – Mäuschen bei „Reich und schön“ spielend.

Ästhetisch ganz im Stil oberflächlich-nichtssagender Hollywood-„Erotikthriller“ der Neunziger Jahre gehalten, verbirgt sich darin stellenweise ein ungeahnter Tiefgang der seinesgleichen sucht – sogar satirische Elemente im GTA-Stil sind in der Welt des Spiels tatsächlich zu entdecken. Selbst wenn diese vielleicht nur deshalb vorhanden sind, weil diese Welt halt irgendwie mit „Inhalt“ gefüllt werden musste.

Dennoch gilt: wenn es je so etwas geben könnte wie die brauchbare Parodie eines Woody Allen/Ingmar Bergman-Innenleben-Films, dann wäre es „Tender Loving Care“ (Die Versuchung).

Zumindest als Spiel, denn erst vor ein paar Jahren erstand ich nachträglich die englische DVD der Spielfilm-Version des Titels, lief vor vielen Jahren schon mal im deutschen Privatfernsehen auf Pro Sieben (siehe dazu die beiden OFDb-Einträge), und war entsprechend enttäuscht als ich erfuhr, dass dafür eines der belanglosesten Enden ausgewählt wurde.

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