„Dunkirk“: verkehrte Rezeptionswelt

Heute läuft Dünkirchen an: das Videospiel(-Service) „World of Tanks“ veröffentlichte im Vorfeld eine eigene Edition, auch „Blitzkrieg 3“ brachte kürzlich ein eigenes Update raus.

Als ich zum ersten Mal von dem Projekt hörte war ich mir sicher: dieser Film wird einhellig verurteilt werden. Und nachdem ich die ersten Eindrücke vom Ergebnis betrachten konnte umso mehr: der Film hatte aus meiner Sicht spontan alles was den üblichen Vorwurf der „Kriegsverherrlichung“ und „Durchhalteparole“ einbringen würde. Die opernhafte Breite seiner ersten veröffentlichten Bilder wirkte auf mich so als wäre Richard Wagner für den Film extra wiederbelebt worden und unter die Filmregisseure gegangen. Nur gesungen wurde nicht.

Der Film hatte da alles von einem Schlachtengemälde das heutzutage spontan Highbrow-Naserümpfen hervorrufen würde, nur wiederum eines nicht: die Schlacht.

Doch nicht einmal sein historisches Sujet sah ich dem Film zu hilfe kommend, da es die zögerliche deutsche Seite tendenziell besser zeigen könnte als sie war: der Film würde dadurch vielmehr das Leid der eingeschlossenen Soldaten glorifizieren, deren Heldentum mit den üblichen Mitteln des formelhaften Genrefilms festigen.

Doch es kam ganz anders: der Film wird jetzt praktisch einhellig bejubelt und überhaupt nicht so wahrgenommen wie beschrieben. Doch warum?

Im Falle von „Dunkirk“ scheint nicht einmal mehr darüber diskutiert werden zu wollen, ob es sich dabei um einen „kritischen“ Kriegsfilm handelt, oder gar einen Antikriegsfilm. Bei „Dunkirk“ scheint der Kriegsfilm das Stigma des gemein(t)en „Prokriegsfilms“ auf einmal komplett verloren zu haben.

Liegt es am Zweiten Weltkrieg und den Nazis im besetzten Frankreich auf der Gegenseite? „Dunkirk“ hört sich ja schon an wie „Gauland“ oder „Riefenstahl“ – dazu braucht es keine Verweigerungshaltung gegenüber seinen Bildern, keinen Carl Orff und keine „Carmina Burana“. Was hindert die Leute jetzt also daran, anders als damals bei „Inception“ (dem gewissermaßen Vorläufer heutiger Schwachmaten gegen „Stärke“ in künstlicher Welt-Thriller wie „Westworld“), Parallelen zu (Gewalt-)Videospielen, „Kriegsspielen“, herzustellen, wenn diese den Film schon bereitwillig inoffiziell – wie eingangs beschrieben – in ihr Marketing aufnehmen? Oder, griffiger formuliert, wo bleibt ein friedensbewegter Anti-Militarist wie Peter Bürger, wenn man ihn braucht?

Gut, ich konnte schon nicht verstehen weshalb damals „The Dark Knight“ so gelobt wurde. Da Nolan aber in Sachen Krieg offenbar dieselbe Ästhetik fährt, war ich mir sicher dass dieser Film trotzdem nicht gut ankommen würde.

Zumal der Film in einer Linie zu all seinen Vorgängern betrachtet wird – ja sogar ein Hans Zimmer gehört als Blockbuster-Lieferant da dazu. Dennoch schreibt etwa die Kleine Zeitung in ihrer heutigen Ausgabe: „Nolan setzt nicht auf Blockbuster-Zutaten und großes Actionkino, seine Spannungsmaschinerie wird von packenden Großformatbildern und Hans Zimmers impossantem (Surround-)Soundtrack befeuert.“

Das ist dieselbe Zeitung welche „Wonder Woman“ wegen seiner Gewaltdarstellung kritisiert hat, trotz erwünschter „starker Frau“… Filme wie „Valerian“ aufgrund ihrer „Logik“ kritisiert.

Nebenan wird auf der gleichen Doppelseite (46/7) in derselben Ausgabe sogar der Bud-Spencer-Film eines Wieners einfach abgewertet, weil die Ablehnung der „Filmunterhaltung“ des Italieners wohl keiner Begründung bedarf. Und allein der bereits zitierte Satz ist schon ein Widerspruch in sich: was wären sonst „Blockbuster-Zutaten und großes Actionkino“, wenn nicht packende Großformatbilder „und Hans Zimmers (…) Soundtrack“?

Das sind doch genau die Eigenschaften des vielkritisierten „Überwältigungskinos“, welche allerorts sonst einhellig als manipulative Emotionalisierungen und Spekulation mit niederen Instinkten im Publikum eben selbst abgelehnt werden. Mit Bilderfeindlichkeit alleine kann ich es mir jedenfalls (auch) nicht erklären: mag sein, dass die Bilder von „Dunkirk“ statischer sind als üblich, etwas weniger in Bewegung und damit einem von der Kritik erwünschten Reduktionismus entgegen kommen, doch dieser Kritik sollte doch wenigstens bewusst sein dass auch Soundeffekte schon immer wesentlicher Bestandteil eines sogenannten „Blockbusters“ gewesen sind. Schließlich haben Komponisten wie Basil Poledouris auch schon immer Filme konstituiert die ansonsten wegen ihrer Bilder zeitnah abgelehnt wurden, etwa eben „Conan the Barbarian“ (1982) oder „Starship Troopers“ (1997).

Bleibt einzig die angenommene Feinsinnigkeit im Geiste übrig, performativ die Opferrolle, obwohl der Film sicher nicht so poetisch ist wie Terrence Malick’s „The Thin Red Line“. Etwa dass einer wie Kenneth Branagh den Film sozusagen „adelt“.

Aber wirklich? Einer der „Thor“ gemacht hat?

Zumal in Sachen Literatur dieselbe Kritik nicht davor scheut, Shakespeare selbst als Gewalttäter zu brandmarken – oder bei Gelegenheit auch Wilhelm Grimm. Ja, denn ausschlaggebend dürfte in jedem Fall das Benehmen und die angenommene, „bessere“ Herkunft sein.

Oder in der restlichen Politik (und Philosophie) die bildungsbürgerliche Trunkenheit, wenn einerseits ausgewiesene Nationalisten wie Peter Handke, nur weil sie vielleicht „links“ sind, ständig hofiert werden – andererseits der Stance „gegen“ AFD, Donald Trump und Co. nicht politisch korrekter sein könnte.

Es ist der Unterschied zwischen Andreas Mölzer und Rüdiger Safranski, auch wenn er zwischen einzelnen Titeln anderer – wie aktuell „Finis Germania“ und früher „Deutschland schafft sich ab“ – nicht wirklich erkennbar ist: in jedem Fall soll der Nationalstaat erhalten bleiben, wird ein europäischer Zentralismus abgelehnt und schimmern die alten, völkischen Ideale (teils zeitgemäß empiristisch verbrämt) im Hintergrund irgendwo (immer noch) mit. Wird bei Gelegenheit scheinbar sehr gern ein Feindbild im Anderen herbeige“schwurbelt“ – sollte dieses die moralischen Überlegenheitsdünkel bevorzugen. Ein literarischer Rückgriff auf Heinrich Heine kann das nicht erklären – weder unbeholfen bei Mölzer, noch eloquent bei Safranski: und die „Wahl“ zwischen „Buch“ und „Stadion“ auch nicht, denn diese ist damit getroffen.

Oder angewendet auf den österreichischen Wahlkampf: was unterscheidet einen wie Sebastian Kurz wirklich von anderen Rechtspopulisten in Europa? So sehr, dass er scheinbar problemlos im öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehen auftreten konnte. Und apropos Populismus: wie verschieden gestaltet sich, vor allem nach dem zweiten Wahlkampf von Alexander van der Bellen, die  Vorstellung von Sozialität in der „Heimat“ bei Peter Pilz wirklich von jener eines Herrn Strache, nachdem die jeweils („links“ wie rechts) zweifellos erwünschten Prozesse der Assimilation in der Migration theoretisch erst einmal abgeschlossen wären? Oder: woher stammt das Geschichtsbild von Frau Griss tatsächlich?

Und, allgemeiner, wieder von österreichischer Tagespolitik entfernt: was meint heutzutage eigentlich Liberalität, außer Vorführungen und Beschimpfungen – etwa bei Autofahrern und deren Kameras?

Von A wie dem deutschen Politiker Peter Altmaier bis Z wie dem slowenischen Psychoanalytiker Slavoj Zizek – je nachdem wer gerade meint in welcher Situation mehr „Anstand“ gepachtet, die besseren „Freunde“ zu haben, Kenntnisse und Fähigkeiten vorweisen zu können: es kann dabei die besten treffen.

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