Was alles (nicht) „gewaltverherrlichend“ sein könnte…

Replik: ‚Echt zauberhaft. Erstens: was wird hier unter „umgangssprachlich“ verstanden? Zweitens: weshalb sollte ein „juristischer Sinn“ auch zutreffender sein?

Ist es nicht vielmehr so, dass eigentlich gerade die wegen dem Vergehen der „Gewaltdarstellung“ verbotenen/beschlagnahmten/inkriminierten Spiele umgangssprachlich als „gewaltverherrlichend“ gelten? Das meine ich gar nicht zynisch.

Oder wer bestimmt letztlich etwa „vor Gericht“ – überall sind (und bleiben hoffentlich!) Menschen am Werk. Und gewissermaßen betrifft damit jede Definition auch einen (zwischen)menschlichen Umgang: schließlich wird es keinem Positivismus in der Sache dabei gelingen, solchen Begriffen den Charakter eines Werturteils zu nehmen.
In jedem kulturellen Bereich sind grundsätzlich immer verschiedene Dimensionen relevant – etwa medizinische, wirtschaftliche oder religiöse – und aus historischer Sicht gehörten die Rechtssysteme (zumindest bis vor kurzem – sarkastisch gesprochen) auch immer voll dazu. Die gute Jurisprudenz, seit wann auch immer hier daraus so etwas wie eine (technische) Naturgewalt hergestellt werden sollte…

Grotesk finde ich vielmehr den für mich beschämenden Glauben, dass jemand der etwas – aus welchen Gründen auch immer – für „gewaltverherrlichend“ hält, überzeugen soll, dass es dieses doch nicht sein soll – nur weil es woanders auf bestimmte (andere) Sachen eingegrenzt wurde. Oder was bezwecken diese Hinweise sonst – warum seien diese anderen Sichtweisen dann „grotesk“? Ganz unvoreingenommen mal gefragt.

Welches Rechtsverständnis agiert da im Hintergrund? Wenn die BPjM sagt CS sei das (alles) nicht, dann liegt sie aus Sicht dieser Leute nunmal falsch. Das ist doch ganz klar – wo liegt da dann noch ein Problem?
Selbiges kann auch über die LEGO-Videospiele gesagt werden, wo es spielerisch praktisch nur um Gewalt geht und darum Körper zu zerstören – neben ein paar wenigen, mehr oder weniger (pseudo)kreativen Elementen.
Mag sein, dass das ein sprechender Journalismus in dem Moment wo solche Meinungen geäußert werden, ich sage mal, nicht berücksichtigt hat oder nicht weiß (also die Gesetze nicht kennt), aber das ist doch auch überhaupt nicht relevant (zu dem Zeitpunkt an dem so eine Äußerung getätigt wurde). Das ist doch gerade der springende Punkt bei Meinungen, dass keine Meinung immer über alles (gut) informiert sein kann.

Wenn jemand etwas gewaltverherrlichend findet, wird kein Verweis auf anderes „gewaltverherrlichendes Zeug“ noch daran doch etwas ändern können. Das ist doch naiv (zu glauben).

Und grotesk ist dabei wohl eher dieses Reiten auf Paragrafen und deren Jurisdiktion, so als ob in diesen mehr „Wahrheit“ (oder Wirklichkeit!) vorhanden wäre, schlummern würde – als in anderen Meinungen. Schließlich wird sich in diesen Bereichen ohnehin schon mehr als genug auf nichts anderes als sogenannte „Kommentare“ verlassen. So what?
Oder worauf sollen diese Feststellungen/Hinweise sonst hinauslaufen? Das ist doch nichts anderes als Unsachlichkeit/“Trollerei“, die in der „K-Wort“-Debatte sonst ja auch kritisiert wurde: eine schlichte Falschdarstellung in sich selbst. Nichts anderes als eine Polemik zu behaupten, dass diese Form der Feststellung einer „Gewaltverherrlichung“ gewissermaßen nicht oder weniger „gelten“ würde, weil sie nur „umgangssprachlich“ erfolgt (und nicht in Form von – im Fall dieser Beurteilung sonst vorhandenen – Rechtsprechung).

Denn richtig ist (und bleibt hoffentlich), dass es da viele unterschiedliche Meinungen gibt – verschiedene Meinungen/Ansichten vorhanden sind.
Zumal (in den Fällen) ja nicht einmal versucht wird dagegen zu argumentieren, zu erklären warum diese Inhalte wirklich nicht „gewaltverherrlichend“ seien – sie seien es nur nicht, so heißt es, weil „Gewaltverherrlichung“ woanders anders festgelegt wurde. Na toll :augenroll:

Letztlich wird sich damit nicht einmal für irgendwelche beanstandeten Spiele eingesetzt, sondern immer nur auf andere (noch) verwiesen – gewissermaßen nur neue Schuldige gesucht (und gefunden), vermutlich um den Eindruck von Skepsis/Objektivität/Unparteilichkeit zu wahren.‘

Sowie zum Verhältnis von E-Sport zu Schach und (neu!) Wrestling: ‚Dazu könnte natürlich (auch wieder) gesagt werden, dass der Dienst nicht zwischen Realität und Spiel unterscheiden kann, aber ich hoffe „wir“ sind da doch weiter: ich komme da immer wieder sehr gern auf das Schachspiel zurück (das ich übrigens überhaupt nicht beherrsche), doch auch dieses ist auf einer eher abstrakten Ebene eine (sogar feudale) Fiktion von (!) Militär. Ohne untersucht zu haben ob das ähnlich beurteilt wird, kann ich zwar nicht sagen ob dazwischen diskriminiert wird – falls es ähnlich gesehen wird stimme ich dem Dienst jedoch ausdrücklich zu: der E-Sport hat das Problem (Dilemma) der Fiktion nicht nur nicht gelöst, sondern nicht einmal angegangen. So wurde und wird immer nur auf angebliche „Herausforderungen“, oder „Fähigkeiten“ und „Leistungen“ der TeilnehmerInnen, abgestellt, beziehungsweise eine Sozialität betont (der Teamgeist, das Gemeinschaftsgefühl usw.), aber überhaupt nicht danach gefragt was die alle dort inhaltlich eigentlich so machen.
Der E-Sport hat damit ein ähnliches Problem wie das Wrestling (im Sinne der WWE): auch das kann kein Sport sein weil es Fiktion ist, und nicht nur nicht – wie in der Öffentlichkeit für gewöhnlich einzig und allein behauptet – weil Ergebnisse unter Umständen vorher abgesprochen wurden, sondern weil es Narrativen folgt die nichts mit der Realität zu tun haben, sondern vielmehr Scheinwelten sind (mit unechten Figuren, Gefühlen etc.). Also sofern Sport „real“ sein muss, kann das alles keiner sein.
Leider.‘

Nachtrag 25. August: ‚Solange nicht (endlich!) damit begonnen wird die Spiele selbst zu verteidigen, anzusprechen – zu erklären – WARUM diese Spiele nicht gewaltverherrlichend sind, sondern der Schwarze Peter weiterhin ständig immer nur anderen (über solches Paragrafenreiten) in die Schuhe geschoben wird, in Deutschland tut man sich da ja sogar noch sehr leicht – aber was ist mit anderen Staaten wo es diese Gesetze nicht einmal gibt -, wird sich da nichts ändern.
Diese Ansichten existieren nämlich überall. Und Fechten oder Boxen wird es schließlich auch nicht schwer fallen sich zu erklären.

Das ist jedoch nichts anderes als eine bestenfalls überaus defensive Rechtfertigung – nach dem Motto: „ja, aber da gibt es ja noch anderes, viel schlimmeres“ – deren Glaubwürdigkeit nunmal so oder so gesehen werden kann, eine Meinung oder ein Überzeugungsversuch der/dem gefolgt werden kann – oder halt nicht (und im vorherrschenden Journalismus, sowie der Politik, dann vermutlich eben nicht).
Solange ansonsten immer nur vorgestellt wird welches Gemeinschaftsgefühl, was für vorgeblich persönliche Leistungen und angeblich tolle Fähigkeiten im E-Sport wichtig, vorrangig und ausschlaggebend wären – neben vielleicht noch einem ökonomischen Wert den der E-Sport hätte -, denn darum geht es hier ganz klar und eindeutig nicht, das ist diesbezüglich weder relevant noch interessiert das eine Öffentlichkeit (auf diesem Wege besonders nicht): es geht nicht darum WIE Spiele gespielt werden, welchen Wert ihr Spielen (für die Gesellschaft) hätte, sondern welchen Wert die Inhalte der Spiele selbst hätten – welche Werte sie vermitteln würden. Das und vornehmlich das allein, ist im öffentlichen Diskurs relevant und interessant. Ich glaube genau deshalb eher, dass sich diese Wahrnehmung der Spiele nicht ändern wird – denn gerade in der Politik werden Ansichten andauernd geändert, was dort mitunter auch zu einiges an Vertrauensverlust schon geführt hat (sowie zur Stärkung diverser Populismen).

(…) dennoch braucht vor Gericht einer irgendwas ihrer Meinung nach zu Unrecht bezichtigten Person keineswegs Recht gegeben werden. Der berühmte Prozess gegen Deborah Lipstadt ging etwa genauso aus.
Darüber hinaus spricht der öffentliche Diskurs über gewaltdarstellende Medien (mit seiner Historie über „Gewaltvideos“ und „Killerspiele“) seit „Mama, Papa, Zombie“ schon für sich, dass zumindest meines Wissens nach bislang niemand gegen derlei Vorwürfe geklagt hat. (…)

(…) Im Gegenteil scheinen etwa Kenntnisse über das Gewaltdarstellungsverbot in Deutschland kaum weit verbreitet zu sein – nicht einmal in einem Journalismus der darüber eigentlich wirklich Bescheid wissen sollte. In meiner Diss habe ich zudem nachweisen können, dass das auch für andere Begriffe gilt: etwa Pornografie bezogen auf Unfälle im Straßenverkehr – nicht nur bei David Cronenberg…
Und ich würde das auch nicht zu sehr problematisieren wollen: Journalistinnen sind wohl häufig international orientiert und kümmern sich vielleicht auch bewusst nicht um solche Spezifika des deutschen Strafrechts. Sie meinen etwa schreiben oder verlautbaren zu können was sie wollen und solche (dann aus dieser Sicht falschen) Sachen sind nun wirklich nicht nur aus Deutschland zu lesen oder zu hören.

(…)

Ich brauche als „kritischer“ Mensch dafür nicht verstehen, weshalb zwar einerseits nicht einmal CS im öffentlichen Raum verteidigt werden mag, sich andererseits aber (zumindest auf Steam) für einen Zugang zu Spielen eingesetzt wird.
Offenbar geht es bei dieser vielzitierten „Erwachsenenunterhaltung“ dann wirklich nur darum, im Sinne des Neuen Biedermeiers im stillen Kämmerlein zu zocken – sonst öffentlich darum ersucht wird die immanente Gewaltdarstellung bei so einem Spiel etwa zu leugnen oder auszublenden.
Und so wie hier beim Sport- oder Gewaltbegriff – etwa auch in Hinblick auf das MMA (die UFC) – dürfte es ähnlich beim Bildungsbegriff zugehen: eigentlich wird mit den „Spielekritikern“ dieselbe Weltanschauung geteilt, geht man in der Sache völlig d’accord. Den Eindruck habe ich leider ja schon seit ich vor zehn Jahren angefangen habe hier zu schreiben – nicht zuletzt hat sich die Videospielpresse während der Verbreiterung des Mediums um eine einseitige Anerkennung in dieser Richtung bemüht.

(…) mit den konkreten Darstellungen allein ist es nun mal nicht getan.
Ich sprach auch von (anderer) Ästhetik, wie Überhöhung. Die USK hat schon in der Vergangenheit gezeigt, dass sie Abstraktionen oder Überhöhungen stark berücksichtigt – etwa bei „Hotline Miami“, wo sich scheinbar noch die schlimmsten Hipster gut vorkommen es zu spielen. Und mag sein, dass dort sogar ein musikalischer Kontext ausschlaggebend gewesen ist.
Dahingehend kann MKX jedenfalls losgelöst von MK9 betrachtet werden – mit etwas gutem Willen zwar nur, aber immerhin. Ja, vielleicht ein Zufall, wie Du vielleicht merkst: ich traue der Sache auch nicht ganz – mal sehen was die Zukunft bringt.

Ich nehme mal ein Beispiel aus der österreichischen Avantgarde: Kurt Kren, einer meiner Favoriten und immer wieder gern, mit einem sogar eher „harmlosen“ Film von ihm. „22/69 Happy End“ aus dem Jahr 1969 https://www.mumok.at/de/2269-happy-end Kren montierte dort Szenen eines Geschlechtsverkehrs, sogar analen glaub ich, mit einer schnellen Abfolge (damals) gewöhnlicher Kinobilder – schräg fotografiert. Der Film sagt so natürlich sehr viel aus über das was einerseits in der Öffentlichkeit üblich und erlaubt ist, andererseits vielleicht in Schlafzimmern alltäglich. Und der Film ist etwa in dieser Kompilation auf Amazon.de auch Deutschen zugänglich https://www.amazon.de/Kurt-Kren-Which-Way-CA/dp/B071R299Z9/Und dahingehend nicht indiziert, gilt als keine Pornografie (in dem Sinn).

Ähnlich verhält es sich mit Zuschreibungen wie „sozialethischer Desorientierung“ etc. Welche Werte wären das? Was für eine Orientierung wohin sonst? Auch Homosexualität zählte bis vor kurzem noch dazu – nun, auf einmal, aber nicht (mehr). Auf welche Sozialität soll sich das überhaupt beziehen? Usw. usf.
Genauso bei „jugendgefährdend“ und etwa „die Jugend“? Einige linke Parteien in Deutschland, etwa die Piraten, sehen „die Jugend“ wohl schon kritisch. Und das basiert natürlich auf einer Tendenz aus der Sozialpädagogik, Jugend individuell(er) zu beurteilen. Das meinte ich auch damit, wenn ich vorhin schrieb dass „Betrug“ eher ein Sachverhalt ist.

(…)

Es ist nur so, dass CS zweifellos auf Vorstellungen zum Terrorismus (und Polizeiarbeit) vor 9/11 Bezug nimmt. Es ist dahingehend auch nicht militärisch, sondern polizeilich (!), und so als kulturelles Artefakt zu betrachten. Gewissermaßen sogar als Zeitreise (!).
In eine vielleicht sogar noch heilere Welt, wo sich TerroristInnen noch nicht einfach selbst in die Luft gesprengt haben – oder Lastwagen in Mengen gefahren, wo in der Gewalt noch zynisch gesagt „romantisch“ Kommunikation und gewisse Regeln herrschten – eben wie bei Geiselnahmen. Genauso hat sich der Film auch mit RAF-Terror auseinandergesetzt, etwa Volker Schlöndorff. Auch dem kann eine gewisse Romantisierung (für gewöhnlich) nicht abgesprochen werden, zumal die politischen Sympathien bei den einschlägigen Filmemacherinnen oft leider ziemlich eindeutig sind.
Nun kann das alles bei Videospielen (wie CS) gering geschätzt werden, als minderwertig betrachtet werden, weil die richtige „Botschaft“, „Moral“, fehlt oder sonst was, aber dagegen würde ich halt schon opponieren: vielleicht ist sogar der Umstand dass es keinem komplexen Narrativ folgt, keinen großen Kontext aufweist, sondern einfach eher nur zwischenmenschlicher „Sport“ ist, ja sogar das entscheidende Moment bei CS.
Ich bin zwar kein Anhänger einer Archäologie des Wissens, aber dahingehend ist CS künstlerisch einfach zu beurteilen. (…)‘

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