Ausgekochter Journalismus, oder: warum, und mit welchem „Recht“, Breitenmedien gegen Populismus leider vornehmlich die Moralkeule schwingen

Und für gewöhnlich nichts anderes… Zum Beispiel Niels Kruse: im Hintergrundartikel (!?) „Vincent Harris – Hohepriester des Social-Media-Schmutzes im Dienst der AfD“.

Diese unglaublich manipulative Headline sagt eigentlich schon alles aus, während der Rest des Textes nicht einmal mehr als suggestiv bezeichnet werden kann: politische Sauberkeitsvorstellungen? Check.

Am Ende die übliche, kulturpessimistische Anlage einer fehl(sic!)geleiteten, nicht ganz durchgekochten Erziehung in Form dieses eigentümlich volksbildnerischen Verrohungsvorbehalts? Check.

Selbstgerechter Tadel als ersatzpaternalistischer Zweck – so als ob es sich bei den Betroffenen um Kinder handeln würde, die sich in der Sandkiste schmutzig gemacht hätten und deshalb ermahnt werden müssten? Check.

Daraus folgend ein denkbar einseitiges, imaginäres Gespräch (hier bezogen auf die Vita eines konservativen US-Amerikaners), das jeden Widerspruch quasi von Vornherein ausschließt (und dabei vermutlich noch meint mit der Macht des eigenen Mediums – gleichsam eines Rutenstocks – agieren zu müssen)? Check.

„Kritik“ an nationalistischen Tendenzen ohne sich zu fragen warum „das deutsche Volk“ als politisch homogene Grundlage und einziger Bezugspunkt in einer zutiefst heterogenen Welt trotzdem referenziert werden soll (und erhalten bleibt)? Check.

Jahrzehntelang wurde verabsäumt Deutschland als Einwanderungsland eine entsprechende Identität zu verpassen, dafür war bis vor wenigen Jahren noch ganz mittig „Leitkultur“ ein Begriff für Positionen die heute so gut wie ausschließlich der extremen Rechten zugeschrieben werden – was bei einem kleinen Land mit viel Fremdenverkehr wie Österreich noch verzeihlich sein mag, aber beim großen Deutschland, trotz oder gerade wegen seiner Geschichte, zweifellos erstaunlich ist. Dafür spricht allein schon der Typus des „Gastarbeiters“, der immer noch in den Köpfen herumspukt und im politischen Diskurs (links wie rechts) praktisch gar nicht kritisiert wird: mit Arbeit als Tourismus und Leben als vorübergehenden Aufenthalt.

Wie können völkische Allüren – wie sie neuerdings die AfD zeitigt -,  wie kann ein wiedererstarkter Nationalismus und das Neo-Biedermeier in Form der heutigen Rechts- und Linkspopulismen in Europa, überhaupt bekämpft werden, solange diese Gegebenheiten vorhanden sind? Die Antwort ist eigentlich ganz klar: natürlich gar nicht. Er kann höchstens, auf diese perfide Art und Weise, zurückgedrängt und in Schach gehalten werden – indem die Öffentlichkeit ganz ähnlich manipuliert wird wie es die Sache des Populismus ist. Und was heißt das im Ergebnis? Im besten Fall eine Variante von Gegen-Gegen-Aufklärung.

Auf Kosten aller echten Vielfalt und jeglichen tatsächlich gelebten Pluralismus in gegenwärtigen Wirklichkeiten – und nicht bloß Lippenbekenntnissen Gleichgesinnter. Der alte Rosa Luxemburg-Sager vom Denken und der Freiheit als reinigender Kraft, gerade im Anderen: Losungen wie „keine Toleranz für Intolerante“ können nicht funktionieren, wenn diese eigene Intoleranz dabei komplett außen vor bleibt – erstmal beliebig definiert noch als mit verächtlichen Werturteilen belegt erscheint.

Denn beide, die Gegen-Aufklärung der Populismen und die Gegen-Gegen-Aufklärung des dauerempörten, ständig betroffenen und skandalisierenden Mainstream-Journalismus bedienen das Herz, und nicht das Hirn. Das Gefühl und keineswegs den Verstand.

Jedenfalls solange die Ideen des Populus als Agenda noch bedient werden können, wobei andere Staaten (wie mittlerweile auch die USA) zeigen dass es da überhaupt nicht um Mehrheitsgesellschaften gehen braucht – die irgendetwas „leiten“ würden. Der Populus kann mengenmäßig, so wie er in diesem Journalismus gerne als „Mob“ verächtlich gemacht wird, vielmehr ein beliebiges Konstrukt darstellen – aus historischer Sicht steht trotzdem fest, dass die Gefahr für politischen Extremismus nicht wirklich von den gesellschaftlichen Rändern ausgeht, sondern vielmehr der Mitte entspringt – und davon soll dieser, mein Beitrag schließlich auch handeln.

Und nicht nur das offene Boulevard mit seinen grauenhaft spekulativen Vergewaltigungsgeschichten, welche den menschenverachtenden Rassismus und die ganze Furcht vor Einwanderungen oft erst befeuern – egal wo die Untaten dreister und „starker“ Männer an viktimisierten Frauen eigentlich geschehen sind -, profitieren davon, sondern gerade auch eine so fürchterliche Publikation wie der Stern, welche ihre Werturteile und Beschimpfungen hinter ihrer vorgeblichen „Qualität“ bereits als Marken- und Erkennungszeichen nicht versteckt.

Dabei ist die politische Rechte jenseits der Christlichsozialen spätestens seit 1945 mindestens so fragmentiert wie seit eh und je die marxistische Linke: da gibt es Nationalliberale, Nationalkonservative, nationale Romantiker und was weiß ich noch alles – während nationale Sozialisten, wie sie bei der NPD und darüber hinaus anzutreffen sind, eine absolute Randerscheinung geworden sind. Man denke nur an die Diskrepanzen und Animositäten welche einer wie Dieter Stein über Jahrzehnte selbst mit einer vergleichsweise harmlosen Figur wie Andreas Mölzer hatte: da wird jede herkömmliche Rechtsextremismus-Forschung unglaubwürdig.  Und der traditionelle Faschismusvorwurf kann in so einem Biotop praktisch nicht mehr ziehen – er funktioniert einfach nicht mehr, die Zeit ist vorbei – selbst wenn die alten Rassismen und der ganze traditionelle Antisemitismus in Form diverser Verschwörungstheorien immer noch vorhanden sind, weiterhin (seit eh und je) angetroffen werden können (das betrifft den „Antizionismus“ der Linken, ihre „Israelkritik“, heutzutage aber genauso).

Egal, für die „andersdenkende“ deutsche Öffentlichkeit sind alle Rechte tendenziell „Nazis“, alle anders als sie „Andersdenkenden“ von gleicher Gesinnung. Also noch so eine Gleichmacherei.

Und den historischen Nationalsozialismus turnusmäßig verharmlosen tut diese unfassbar einseitige und oberflächliche Denkweise, die ohnedies größtenteils ahistorisch ist, natürlich sowieso: siehe auch die Darstellung des Treffens das zu den Ereignissen in Charlottesville führte. Hierzulande wurde meistens nur über Nazis die wegen der Demontage einer Statue irgendeines Südstaaten-Generals kamen, berichtet. So wie hiesige Typen wegen Rudolf Heß aufmarschieren. Doch Robert E. Lee wurde gerade in der breiten amerikanischen Öffentlichkeit bis vor wenigen Jahren noch eben nicht als militaristischer Rassist perzipiert, sondern an seinem Bild eines sentimentalen Patrioten (unten, Robert Duvall als Lee) war auch Hollywood nicht ganz unbeteiligt. Und darüber sollte sich unterhalten werden:

Klar ist eine Radikalisierung des Rechtspopulismus dann nicht mehr nur Kalkül, sondern das Ergebnis eben dieser Stigmatisierung – mit welchem Ergebnis am nächsten Wahlsonntag dann auch immer noch gerechnet werden darf. Und das hat natürlich den Vorteil, dass sich mit neurechten Konzepten so erst gar nicht beschäftigt werden braucht – der nur scheinbar komplizierte Ethnopluralismus braucht dann nicht erst erklärt werden, der normierte Kulturbegriff welcher die vormals biologistische Natur (heute eher eine Sache libertärer Neo-DarwinistInnen und eines technokratischen Sozial-Atheismus des Kapitals) kulturalistisch vielfach ersetzt hat – natürlich nicht, wenn auch viele Linke und Liberale unter „Kultur“ als Ästhetik immer noch etwas normiert Altehrwürdiges verstehen und „Unkultur“ auch, jedenfalls eher, als „Untergang des Abendlands“ begreifen, ausweisen – man denke nur daran wie ignorant mit der eigenen kulturellen Schuld im Land der Dichter und Denker umgegangen wird, wenn allein bei staatlich sanktionierten Verbrechen überall auf der Welt scheinbar so gern und vorschnell (oft selbst rassistisch verbrämt) der Begriff der Barbarbei bemüht wird, so als ob diesen etwas entwicklungspsychologisch Anfängliches anhaften würde und die Verbrechen der Vergangenheit eben nicht in kultureller Verfeinerung erfolgt wären, sondern primitiven Ursprungs.

Ja, surprise! Nein, Lutz Bachmann ist auch nicht erst mit einem Raumschiff über Nacht nach Deutschland gekommen.

Dabei wäre diese absurde „Eidbrecherin“-Kampagne so gut zu dekonstruieren. Mit Fragen wie: welches Bild von Merkel als Staatslenkerin transportiert die AfD darin eigentlich, im Zusammenspiel mit der mindestens ebenso latenten wie sich sublim vorgestellten Idee einer Volksgemeinschaft (als Kennzeichen von Rechtsextremismus – hier in Österreich nach Holzer anders als in Deutschland)? Welche Rolle spielt der Empirismus, spielen Zahlen (als Daten und Fakten) darin? Und – für mich als Kulturhistoriker ganz wichtig für das politische Verständnis – was für architektonische Symbole verwendet die Agentur von diesem Herrn Harris da eigentlich im Hintergrund, bei dieser Kampagne um welche es da ureigentlich gehen sollte? Von der ganz offensichtlich bemüht an dunkle Zeiten erinnern sollenden Ikonografie ganz zu schweigen.

Nichts, nada, null. Der Stern liefert keinerlei Antworten auf diese Fragen – stellt sie im Hintergrundartikel nicht einmal.

Der Stern bringt stattdessen natürlich eine leicht recherchierbare Personality-Geschichte um wieder seine Werturteile und Beschimpfungen unters „Volk“ (sic!) bringen zu können. Einfach abscheulich.

Dabei kann einem schon die Frage einfallen für wie blöd der Stern sein Publikum eigentlich hält? Soll es etwa gar nicht eines besseren belehrt werden?

Ist Aufklärung, alles Wissen darüber hinaus, möglicherweise gar kein Ziel? Gar nicht gewesen?

Soll das Publikum vielleicht sogar, frei nach dem Königsberger, in seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit verweilen, wenn das Organ (selbstredend ohne Kommentarfunktion aber dafür garniert mit jeder Menge dumpfer Hashtags) vom „Schmutz“ der anderen erzählt? Die wichtigste Frage allerdings: weshalb wäre es selbst von alledem dann nicht betroffen, politisch sauber? Welches Demokratieverständnis steckt da dahinter? Welche Verschwörungstheorien – bezogen auf die Schmierfinken (immer nur jenen auf der anderen Seite versteht sich)?

Egal: die Feststellung von Schmutz als Schund, sowie demonstrativ präsentierter, ganz übel imaginierter Zeitgenossen, soll wohl genügen – meist erfahrungsgemäß ohnehin nur um die eigenen Chauvinismen zu überdecken. Dünkel und Vorbehalte wie sie mentalitätsgeschichtlich schon Richard Wagner in den „Meistersingern“ meisterhaft zu karikieren verstand – ja ja, dieser Wagner, auch so einer… Nein, gegen dieses überhebliche (Neo-)BürgerInnentum scheint tatsächlich kein Kraut (sic!) gewachsen zu sein?

Oder doch – vielleicht hilft es ja schon, wenn sich manche Deutsche diesbezüglich einmal ihrer selbst gewahr werden, anstatt immer nur sich selbst für dermaßen überlegen zu halten. Nicht nur an den Wahlurnen.

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