„GameStar“-Leserbrief zu „No Russian“

Und „Sex, Amok und Kannibalen“ in GameStar 09/2017 (100f.): ‚Guten Tag!

Die Flughafenszene in „Modern Warfare 2“ stellte überhaupt keinen Tabubruch dar, sondern im Gegenteil einen Bruch mit Genrekonventionen. Sie ist deshalb auch weniger ein inhaltlicher Kommentar gewesen, der (restliche) Inhalt des Spiels kann auch kompletter Blödsinn sein – war er meiner Meinung nach auch -, als vielmehr ein (wahrscheinlich durchaus unbeabsichtigtes) technisches Statement (!).
„Mit gutem Willen könnte man die Szene als Parabel darauf verstehen, dass staatliche Stellen im Rahmen des vermeintlichen Antiterrorkampfs auch zivile Opfer hinnehmen.“ Nein – darum geht es in „No Russian“ überhaupt nicht, sondern darum was jemand bereit ist in einem x-beliebigen Shooter sonst auch zu tun, nämlich Gewalt gegen Menschen auszuüben – und zwar gerade unter dem einfachen Vorwand der Existenz eines Kontext als Rechtfertigung dieser Gewalthandlungen.
Sofern unter „Kontext“ ein Sinnzusammenhang verstanden wird. Und ein, wie gefordert, „tieferer Sinn“ wäre dort wo es um nichts anderes als Sinnlosigkeit geht keinesfalls angebracht: das ist ja der springende Punkt – welcher die oberflächlichen Vorwürfe an die Szene so absurd macht.
Die Möglichkeit an der Stelle, das heißt ganz bewusst Gewalt an Unschuldigen zu verursachen, stellt deshalb einen der ganz wenigen Momente im Medium Videospiel dar, in denen erfolgreich so etwas wie Dissonanz hergestellt werden konnte und über das eigene Selbstverständnis von Videospielen hinweggesehen wurde, zumindest im Mainstream/AAA-Bereich, hinausgedacht werden konnte. Übrigens betrifft das die „zensierte“ deutsche Version genauso – ist dort vielleicht sogar noch effektiver gewesen – denn ob die Gewaltoption nach der Entscheidung Leid an einer Zivilbevölkerung zu verursachen noch visualisiert wird, oder dann (nach der Entscheidung dazu) das Spiel umgehend abbricht (wie in der deutschen Version), ist dahingehend letztlich irrelevant. Genauso wie die Frage ob diese Deutungsmöglichkeit von verantwortlichen Kreativen letzendlich beabsichtigt war oder nicht, siehe neuere Medientheorien zum Thema Intention.
Jürgen Mayer, Steiermark (Österreich)‘
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