Wieder „Wolfenstein“

Kommentar: ‚Der Artikel ist ausnahmsweise äußerst löblich. Allerdings ist weitaus weniger der Verlust der Zeichen problematisch, wenn der Zenimax-Konzern sein Versprechen hiermit eine entnazifizierte Version vorgelegt zu haben auf einer ganz grundsätzlichen Ebene offenbar halten kann – sichtbar etwa in dieser Szene:

Die Worte welche Hitler da in den Mund gelegt werden sind in der deutschen Version völlig ideologiebefreit: das könnte ein jeder Schurke so von sich geben sowie reduziert die Figur gewissermaßen auf die Ebene eines Verbrechers wie Dr. Mabuse. Und da geht es überhaupt nicht um den fehlenden Bart etc.: der Antisemitismus wurde entfernt!
In „The New Order“ und „The Old Blood“ ist mir das bislang noch nicht aufgefallen, ich habe die Skripts auch nicht verglichen, aber damals gab es ebenfalls noch keinen Klan (in der Spielwelt). Der Klan bleibt jedoch wohl „der Klan“. Und dieser war immer schon antisemitisch (und antikatholisch) eingestellt, sichtbar im gegenwärtigen politischen Diskurs der USA etwa an der Figur David Duke – die heutzutage diesen symbolisiert, wenn schon nicht repräsentieren kann, das heißt auch im Internet – und dieser fällt vor allem durch antisemitische Reden auf. Antisemitismus ist der heutigen Welt auch überhaupt nicht fremd: gerade das Internet ist voll mit entsprechenden Verschwörungstheorien – jedes Mal wenn aus heiterem Himmel der Name George Soros fällt.
Was bedeutet das nun für ein Spiel das ansonsten traditionell penibel auftritt: so wurde auch der Name des „Kreises“, schon seit „Return to Castle“ traditionell die zentrale Widerstandsorganisation in der Welt von „Wolfenstein“, offenbar geändert um historische Parallelen zu vermeiden. Fein, aber wie aufrichtig politisch kann die deutsche Version von „Wolfenstein“ noch sein wenn zwischen zwei rassistischen Gruppen dermaßen unterschieden wird: man müsste sich stattdessen genauer ansehen wie das Spiel dann eigentlich mit seinen Themen umgeht, also was „das Regime“ dann eigentlich zum Feindbild macht – denn Deutschtümelei und die Eigenschaft deutsche Besatzer zu sein kann es ja allein nicht gewesen sein.
Mein Fehler war anscheinend, dass ich „das Regime“ trotzdem immer als Nazis wahrnahm – erst nach obigem Video fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Nur dem Tonstudio mache ich keinen Vorwurf: die deutsche Vertonung scheint mir wieder wesentlich gelungener zu sein als das englische „Original“, nur kann keine Nuance eines Sprechers diese eklatanten inhaltlichen Mängel je wieder ausbügeln.‘

Artikel von ZEIT ONLINE: 1, 2

Nachtrag 31. Oktober – zu einer Seminararbeit im August: ‚Problematisch ist nicht nur, oder gerade nicht, die Symbolzensur, sondern (…) Entnazifizierung (…) Zumal modisch ja etwa auch die Schnittmuster der Uniformen scheinbar, völlig unproblematisch, reproduziert werden können. Und in seinem Marketing verwendet der neue „Wolfenstein“-Eigner Zenimax/Bethesda gerade auch diesen Begriff.
Das Marketing verspricht dennoch „atmosphärische Alternativen“ http://store.steampowered.com/app/650500/Wolfenstein_II_The_New_Colossus/ , obwohl im Germanofaschismus dann ideologisch bestimmte Eigenschaften ganz einfach nicht mehr vorkommen sollen – wobei das erinnerungskulturell eigentlich Problematische wiederum der Umstand ist, dass der Nationalsozialismus wenigstens ästhetisch (dann, aber vermutlich auch schon vor der „Entnazifizierung“) mit dem Begriff der „Atmosphäre“ verbunden werden soll.
Aktuell übernimmt die deutsche Presse zwar auch die Worte welche die Groteske einem Hitler jeweils sagen lässt, reduziert sie dann aber wieder auf ein Symbol wie den Bart http://www.n-tv.de/technik/Hitler-verliert-sein-Baertchen-article20109651.html Im dort verlinkten Video kann die Entfernung des Antisemitismus trotzdem (noch oder schon) erfahren werden.‘

Ergänzung: ‚(…) als Selbstzensur kommuniziert der Artikel „nur“ Symbolzensur. Formal wäre davon eigentlich nur ein Zeichen wie das Hakenkreuz betroffen, aber schon der Hitlerbart nicht – der ist ja vielmehr kulturhistorisch (siehe Chaplin usw.)
Es werden ja auch Politikernamen entfernt, Portraits (unabhängig von den Armbinden) usw. Und dann halt noch die Ideologie: was bleibt dann, etwa beim „Regime“, noch übrig. Eigentlich nur die faschistische Ästhetik, die Mode und Architektur, das herrische Auftreten – hier eher karikiert, der Sprachgebrauch im Sinne von Wortwahl (aber ohne ideologische Inhalte).‘

Happy Halloween!

  1. November: ‚Ich befürchte da wird sich legalistisch etwas vorgemacht: Selbstanzeigen die dem Zweck dienen politische Aufmerksamkeit zu erregen, also letztlich als Aktivismus auf einen Missstand hinweisen wollen, werden doch immer eher als Missbrauch von Recht wahrgenommen. Also wenn die Anzeige nicht ehrlich gemeint ist, wird nach Annahme (und gegebenenfalls ersten Ermittlungen) so ein Verfahren doch gleich eingestellt.
    Ich glaube ja, dass eine Veröffentlichung in den meisten Fällen keinerlei Folgen haben würde. Mir wurde glaub ich mal erzählt, dass die beiden „A Stroke of Fate“-Titel von hier in Deutschland noch verfügbar sind – einfach weil sie unters Radar fielen, keinen Publisher hatten der sich darum gekümmert hätte etc. Und die KJM/BPjM hat deren Existenz dann bislang auch zu keiner Purge veranlasst. Also alles eher eine Frage des Marketings.
    Auch diesem Urteil vor zehn Jahren ging afaik keine Selbstanzeige voraus, das war eher eine Klarstellung: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/bundesgerichtshof-durchgestrichene-hakenkreuze-erlaubt-1411353.html
  2. (explizit zu „Attentat 1942„): ‚Ich finde es ja schon peinlich für unsere österreichischen und deutschen Universitäten (meine Grazer mit eingeschlossen, wo schon länger Affinitäten zu Videospielen existieren – Stichwort „Sowjet-Unterzögersdorf“) in Sachen Erinnerungskultur, das so etwas aus Tschechien kommen muss! Da hätte ich doch eher auf die HfG Karlsruhe getippt!‘
  3. November – die Pflicht ruft mal wieder: „Call of Duty“-Tag! 😉 Mit deutscher Version in Österreich: ‚(…) „Call of Duty 2“ war seinerzeit noch mit Hakenkreuzen in österreichischen Kaufhäusern öffentlich spielbar. Laut dem Importhandel von GamesOnly ist für die britische PC-Retail sogar eine VPN mit ebensolcher IP nötig, aber das kann – wenn man sich die Whitelist aus dem Artikel, das heißt mit Österreich, ansieht – irgendwie nicht stimmen.
    Der Handel bewirbt diese zudem mit der Kennzeichnung „Gore Bonus“. Allerdings scheint es sich dabei wiederum nur um einen Marketingtrick zu handeln. (…) Activision Blizzard scheint sich hier komplett auf die beiden Konsolenfassungen zu stützen. Ich nehme schließlich weiters an, dass Activision in jedem Fall (das heißt überall auf der Welt und schon wie bei „Destiny 2“) für den PC nur einen Download anbietet – das macht leider auch nicht jeder Handel deutlich. (…) Mit „ich habe das Game aus Östereich bezogen“ wird dann ein österreichischer Importhandel gemeint sein, so wie ich ihn oben schon beschrieb, der mit resteuropäischen (englischsprachigen) Retail-Verpackungen, oder halt nur ebensolchen Keys, als Download, arbeitet. Und die empfehlen für die VPN-Verbindung am deutschen PC dann gegebenenfalls schon England, weil sich dieser österreichische Handel ja in erster Linie an Deutsche richtet (ist einfach so) und England von der Whitelist vermutlich am einfachsten ist.
    Es kommt halt auch darauf an was jeweils mit „deutschsprachig“ gemeint ist. Für verschiedene Sprachen ist Steam ständig umzustelln – mach ich mindestens einmal die Woche. Ansonsten ist die Lage nicht so kompliziert: auf der Store-Seite sieht man schon, dass die Software selbst multilingual ist. Nur eine deutschsprachige Retail-Verpackung mit Rest-EU-Key wird man so nicht finden.‘ Das „vielfältige“ Angebot von GamesOnly… –
  4. November: ‚Es ist wohl zu bezweifeln, dass die unzähligen Spiele (vor allem im Strategiesektor), welche schon in der Vergangenheit international auf die Symbole verzichtet hatten, dies wirklich nur wegen dem deutschen Markt taten: vielmehr handelt es sich dabei um eine Frage kreativen und ästhetischen Abwägens. Und Machine Games hat bekanntlich aus den von Ihnen (auch) genannten Gründen ebenfalls auf einen Multiplayer-Modus in ihren „Wolfenstein“-Spielen (bislang) verzichtet.Kaum wegen Deutschland (oder meinem Land Österreich).
    Zweifellos wurde die Marke in der Vergangenheit leider von Neonazis missbraucht, aber dieser traurige Umstand kann auch als Risiko von Demokratie und Medienfreiheit betrachtet werden, ohne es zu verharmlosen. Und Medienfreiheit braucht dabei überhaupt nicht als „Gefahr“ wahrgenommen werden – eigentlich ganz im Gegenteil.
    Darüber hinaus liegt politischer Missbrauch bei einem teilhabenden Medium, das leicht Änderungen wie Modifikationen erlaubt, ebenfalls nahe. Schließlich sind das Problem der „Entnazifizierung“ von Spielen in Deutschland gar nicht ein paar Zeichen, sondern dass etwa Antisemitismus in der deutschen Version rausgeschrieben wurde – wie der Nationalsozialismus (als „Regime“) sonst dargestellt wird, wenn etwa die Ideologie es ist welche nicht (re)präsentiert werden sollte, die Propaganda (wie Plakate) usw. entfernt und/oder ausgetauscht (nicht) veröffentlicht werden.
    Das ist es was ich als promovierter Zeithistoriker, der jetzt auch schon beruflich in dieser Zeit gearbeitet hat, nur verurteilen kann: ja, die Branche hat ein Problem wie sie ihre Unterhaltung als Aktivität im Marketing vermittelt. Der Games-Journalismus ist daran jedoch sicher nicht ganz unbeteiligt, egal ob in der Publikumspresse oder dem Feuilleton, wenn einerseits mit Begriffen wie “Spielspaß” selbst unreflektiert Inhalte vermittelt werden, andererseits es bei der vielzitierten “Spielkultur” mit dem emotionalen Kalkül der Betroffenheit oft genug um nichts anderes als moralische Überlegenheitsdünkel geht, einem Ethos das sich zwar vielleicht egalitär, “humanistisch” und antifaschistisch geben mag, im Grunde genommen aber alles andere als das alles ist.
    Schließlich brauche ich der hier vorgestellten Wahrnehmung auch keineswegs folgen, welche Sie – trotz oder gerade wegen Jahrzehnten in Spitzenpositionen des führenden deutschen Games-Journalismus – vermeintlich “kritisch” referieren. Denn kein Medium wäre von sich aus trivial, wenn nicht vorher massiv am Prozess der Trivialisierung gearbeitet worden ist.

    So brauche ich als aufgeklärter Mensch weder der künstlichen Trennung zwischen Serious Games und allen anderen Spielen folgen, noch Verständnis für die Scheu vor kommerziellen Wagnissen gerade an deutschen und österreichischen Universitäten haben (siehe aktuell auch “Attentat 1942”), oder “Shooter” per se für “tumb” und “unreflektiert” halten – wenn ich das Schießen (oder sonstige Gewalt) als Handlung darin nicht ständig als ursächlich affirmativ gemeint zu interpretieren suchte (und keineswegs als Rollenmuster zu deuten verstehe), die Option des Tötens statt des Sterbens betone etc. Denn so ist jedes Gerede über “Killerspiele”, alle Wahrnehmung von Fiktionen (mit Vorbildwirkungen) die womöglich halt leider auch irgendwann mal sicher reale Gewaltverbrechen zur Folge hatten (als negative Inspirationen), überhaupt erst entstanden. Desensibilisierungshypothesen waren dem jedoch wenn, dann schon vorgelagert – indem schlicht Menschen verachtende Begriffe wie “Abstumpfung” immer weiter tradiert wurden, bei Videospielen mit Assoziationen wie dumpf oder “dumm” gearbeitet wurde, alle anderen Interpretationen nicht nachvollzogen werden konnten oder gleich mit Häme bedacht wurden, usw. usf.
    Also wäre es zunächst mal an der Zeit diese vermeintliche “Kritik” oder “Selbstkritik” in der Wahrnehmung von Videospielen zu überprüfen, und diese zu “reflektieren”. Wobei dann als positives Ergebnis vielleicht einmal begonnen wird sich für diesen Menschen die über Videospiele anders denken beleidigenden Zynismus zu schämen, Frau Fröhlich!
    Und nicht mehr immer nur für diese bestimmt einseitige Wahrnehmung “digitaler Spiele” (egal aus welcher Richtung und mit was für einer Intention vorgetragen) zu sorgen, die so jedenfalls immer weiter erzählt werden wird (und sich dementsprechend auch nicht ändern!). Erst dann kann nämlich überhaupt erst angefangen werden sich ernsthaft über (die Möglichkeiten von) Videospiele(n) zu unterhalten.‘

Über pyri

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