Wieder über Erinnerungskultur in Games

Und Repräsentation. Im VDVC-Forum. Zum Text „Hinterm Hakenkreuz verschanzt“: ‚So löblich die politische Stoßrichtung dieses Beitrags ist, so komplett daneben muss ich ihn leider auch finden (im Sinne von an der Sache vorbei):
1. ist „Attentat 1942“ eine tschechische Produktion und game jetzt DER deutsche Verband. Und dieser fühlt sich da wohl eindeutig eben nicht zuständig. Wobei: so ein Branchenverband soll in erster Linie die Interessen der Industrie in Deutschland vertreten und diese tangiert ein „Attentat 1942“ vielleicht nicht einmal (ansatzweise). Ich kenne das Spiel persönlich zwar immer noch kaum, sondern habe erst jetzt im Sale diese Woche vor es endlich wenigstens zu „kaufen“, schämte mich aber ja schon, dass daran eine tschechische und keine deutsche oder österreichische Universität beteiligt war – das hat aber, siehe meinen 3. und letzten Punkt, vielleicht auch noch ganz andere, wesentlich brisantere Gründe. Böse formuliert könnte jedoch noch angemerkt werden, dass „Attentat 1942“ tschechische Erinnerungskultur wäre, und keine deutsche (oder österreichische).

2. finde ich es noch immer mehr als zweifelhaft, ob dieser „Bundesfighter“ überhaupt als Videospiel im traditionellen Sinne wahrgenommen wurde. Ich sehe eigentlich keinen Grund für diese Annahme: auch hier gilt, dass die Verantwortlichen zwischen Medienkunst und (Polit-)Marketing ihr Werk kaum als Unterhaltungssoftware ansehen werden, sondern eher „nur“ als Karikatur. Und als solche könnte sie nicht nur Politikbilder karikiert haben, sondern auch das Videospiel als Medium parodiert.
Schon in den Neunzigern hat ein „Dunkle Schatten“ halt auch kein Aufsehen erregt, weil es mit einem entsprechenden, öffentlichen Hintergrund ausgestattet daher kam: es geht hier nicht um Recht, sondern um Rechtfertigung – um Legitimation im Spätkapitalismus. Und nicht darum was etwas „ist“, sondern als was etwas gilt (!).

3. geht der Text an der Realität der großen, populären Videospiele und deren neuerdings gewonnenem Selbstverständnis völlig vorbei: sicher existiert einerseits ein politischer Drang zur Betroffenheit heutzutage auch in (Serious-)Games – jedenfalls bei kleineren Spielen ein Hang zur narrativen Emotionalisierung, zu Awareness für die unterschiedlichsten Themen, aber andererseits hat die affirmative Interpretation von etwa Gewaltinhalten im Großen und Ganzen, welche früher eher extern dem Medium als Unehrlichkeit vorgehalten wurden (letztlich würde es bei Shooter und Co. doch nur ums Umbringen-Wollen gehen), eine nicht zu unterschätzende Karriere innerhalb der Industrie selbst erlebt. Über die Identifikation mit genau so (als solche positiv) vorgestellten Helden und Heldinnen. Denn leider hat diese Wahrnehmung die Industrie verinnerlicht, indem sie Inhalte zur Aufgabe von Repräsentation im Sinne politischer Korrektheit gemacht hat: wenn etwa demnächst zumindest im „Battlefield V“-Multiplayer suggestiv Frauen auf Seiten der Wehrmacht kämpfen werden, daran so wie es aussieht kein Weg vorbeiführen wird. Und sich mit zu repräsentierenden Frauen vor den Bildschirmen solidarisierende JournalistInnen ohne einen einzigen Abschluss in Geschichte mit einem beherzten „es gab aber“ (wieder) auf historische Ausnahmen „stützen“ werden, diese zur Regel erklären. Und Hakenkreuze können, wie alle sonstige (bittere) Authentizität, da praktisch nur stören – diesen Positivismus nur stören… Ja, Medien wie Videospiele sollen ein erzählerisches Augenmerk auf das Besondere richten, aber das Besondere oder das heute Angemessene, Zeitgemäße, Gleichberechtigte, hat damit nicht das Geringste etwas zu tun. Denn nein, „es gab“ eigentlich keinen Platz für Frauen in der kämpfenden Truppe faschistischer Achsenmächte. Und nein, es sollte in Medien wie Videospielen unter dem Deckmantel der Geschlechtergerechtigkeit und Diversität eigentlich auch keinen Platz für die Beschönigung und/oder „Korrektur“ historischer Sexismen und Rassismen, für solchen Revisionismus geben. Oder was soll damit eigentlich gezeigt, benannt, dargestellt werden? Solange game, und im Unterschied zu „Attentat 1942“ repräsentiert der Verband dann nun ebenfalls EA, sich nicht ausdrücklich von solchen Inhalten distanziert – im Gegenteil diese in der Presse/Öffentlichkeit gar nicht „kritisiert“ werden, sondern im schlimmsten Fall noch mit Lobhudelei bedacht werden dürften – so wie beim marginalisierten FIFA-Fußball. Aber gleichzeitig Figuren wie Alexander Gauland mit dessen Aussagen über Wehrmacht und Co. zum säkular-atheistischen Gottseibeiuns erklärt werden.

Und wenn etwa demnächst bei den Asienspielen mit dem Segen des IOC „Pro Evolution Soccer“ gespielt wird zeugt das weiterhin eher davon, dass selbst an der Außenwahrnehmung deswegen (das heißt trotz Massenmedium, Verbreiterung des Publikums etc.) sich grundsätzlich nicht so viel geändert hat (siehe jüngst in einem „Junge Freiheit“-Video: junge Frau freut sich, dass so viele in Berlin am 27. Mai für die AfD demonstriert haben, anstatt „vor dem Fernseher oder der PlayStation zu sitzen“)
@gamespodcast Schade, dass dazu nicht direkt kommentiert werden kann. Sonst hätte ich meine neuerlichen Zeilen gleich dort hinterlassen;‘

Sowie, exemplarisch bei Webedia: ‚Nein, das ist einfach nur ein räumlicher Tiergarten für Elefanten: wie könnt Ihr nur so einen langen Text veröffentlichen, ohne die faschistische Seite auch nur zu erwähnen. Warum tut Ihr, tun Eure KollegInnen, nur so etwas?
Artikel wie dieser erschienen in den letzten Tagen schließlich unzählige, begonnen unmittelbar nach der Vorstellung von „Battlefield V“ vor einer Woche natürlich in der englischsprachigen Presse.

Doch nein, in „Battlefield V“ werden nicht Russen gegen Amerikaner kämpfen – wie nach dieser Lektüre suggestiv nichts anderes gemeint werden könnte, wäre jemand so naiv und wüsste nun wirklich nichts über die Idee „Zweiter Weltkrieg“.
Das Thema.
Keine Résistance-Kämpferinnen gegen verdienstvolle Britinnen. Und auch nicht sonstiger Widerstand gegen noch widerständigere Personen(gruppen).
Und nein, es geht keineswegs um historische Tatsachen. Ich bin auch als promovierter Historiker kein (Neo-)Historist, sondern trete nur für historische Fantasien ein.

Mit dieser Beschönigung sämtlicher Darstellungen zu Identifikationszwecken mit (vermeintlich) positiven Vorbildern, welche* diese Industrie mehr und mehr belastet, muss trotzdem endlich Schluss sein, ansonsten braucht es als Thema keinen „Zweiten Weltkrieg“ nicht. Und das geht weiter über jeden Orientalismus, oder sonstigen Kolonialismus, in „Prince of Persia“ hinaus: wenn ich etwa in einem „Warhammer 40K“ spiele, finde ich die dortigen „Helden“ auch nicht gerade toll. Ich verachte sie und ihre Bilder von „Stärke“ vielmehr.
Doch was geschieht hier? Das glatte Gegenteil!
Angefangen hat es 2009, als Ihr „No Russian“ in „Modern Warfare 2“ nur spekulativ (mit niederen Instinkten), als provokatives Kalkül und bejahend interpretieren wolltet, anstatt den Bruch mit Genrekonventionen durch Handlungen gesehen hättet die sonst (im Vorwand eines anderen „Kontext“) ständig für absolut gerechtfertigt gehalten werden.

Doch niemand bewegt sich da „auf dünnem Eis“ wenn er oder sie diese Repräsentationsmuster nicht gut findet, wie einer Euer Redakteure bei der Vorstellung gemeint hat, sondern es bestünde im Gegenteil eine journalistische Pflicht darauf hinzuweisen, genau das zu „kritisieren“. Und eine moralische Verantwortung.

Es geht nicht darum was es gegeben hat oder nicht, solche besonderen Geschichten erzählte schließlich schon „Call of Duty – Finest Hour“. EA soll sie bitte weiter erzählen, ABER: solange Electronic Arts und darauf deutet momentan nichts hin, nicht rigoros zwischen Alliierten und Achsenmächten in Hinblick auf Geschlecht und Hautfarben unterscheidet, kann eine dementsprechend repräsentative Darstellung der Menschen vor den Bildschirmen inhaltlich nur eine unglaubliche Relativierung von Sexismus und Rassismus im Faschismus sein – eine einzige, schlichte Ungeheuerlichkeit, durch nichts zu verantworten und auf ewig unentschuldbar. Wobei der Verzicht auf Symbole die Gesellschaftssysteme dahinter nur noch unkenntlicher macht.

Sexismen und Rassismen waren schon auf alliierter Seite schlimm genug, aber nichts im Vergleich zu den „Rollen“ welche Menschen in den Achsenmächten diesbezüglich zugedacht wurden. Angefangen von allein den Frauen die von japanischer Seite noch immer als „Trostfrauen“ verunglimpft werden. Und da kann es keine Rücksicht auf irgendwelche Ausnahmen oder graduelle Unterscheidungen mehr geben, sonst kommt noch jemand mit Leni Riefenstahl daher und „ist“ es nun wirklich nicht mehr weit zu einem Autobahn bauenden, deutschen Diktator. Wollt Ihr das? Versteht Ihr das Problem der Ausblendung und Reduktion wenigstens? Wohl eher nicht, sondern würde „es“ diesen Artikel mit seinen „Fakten“ nicht „geben“.

Creative Assembly weiß meiner Einschätzung nach, dass es ethisch ganz einfach nicht in der Lage ist ein „Total War“ schon in beiden Weltkriegen zu verwirklichen. Electronic Arts hätte das wenigstens bei „Battlefield V“ und dem Zweiten Weltkrieg wissen sollen, zumal der immer noch ein Eigenname ist und deshalb eigentlich groß geschrieben wird…
Es funktioniert einfach nicht. Und es war in „Battlefield 1“ schon schlimm, aber das ganze Konzept noch in den Zweiten Weltkrieg fortzuführen kann ganz einfach nicht mehr funktionieren, denn es ist zutiefst unanständig.‘

* die Beschönigung

Memo an mich selbst: man darf auf Webedia anscheinend nicht einmal den Namen von Leni Riefenstahl ausschreiben, erst als ich auf die Idee kam diesen selbst zu „zensurieren“ ging der zweite Teil meines „Beitrags“ durch. Beide Teile werden demnächst trotzdem vermutlich noch (zusätzlich) „moderiert“ werden, also gelöscht. Schöne neue Welt.

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