Steam: vermeintliche Freizügigkeit als neue Zensurmaschine?

Langsam nahm die neue Richtlinie der Valve Corporation, nun mehr oder weniger sämtliche legalen Inhalte zuzulassen, Fahrt auf: war zu den Motiven dahinter von Anfang an Skepsis angebracht, brachte gleich die erste Welle (größtenteils nachträglich) offen „pornografisch“ gemachter Titel letzte Woche Ernüchterung. So wurde eines der ersten teilweise im Nachhinein „offiziell“ gepatchten Spiele gleich in über 25 Ländern gesperrt – sogar Der Standard berichtete darüber und sprach etwa von einschreitenden Behörden. Das ist aber natürlich eher nicht anzunehmen, sondern eine doppelgleisige Form der Selbstzensur welche jetzt bei Valve um sich greift: einerseits werden Inhalte nach lokalem Recht nahe Seattle erlaubt, andererseits in anderen Staaten mehr denn je blockiert werden. Von Valve selbst, weil Valve in diesen Ländern unter anderem Server betreibt.

Gestern dann war eine Veröffentlichung scheinbar Zuviel des „Unanständigen“: jene der ersten unzensierten Sexsimulation auf Steam (Girlfriend Experience VR) – eigentlich nichts besonderes, solche Elaborate werden für gewöhnlich nur über Patreon (!) entwickelt und finanziert (Statistik, Artikel bei Future of Sex).

Im Hotel, wobei ich Österreich nicht verlassen habe, hatte ich gestern jedenfalls noch ungehinderten Zugriff auf den günstig umgerechneten Preis von unter 10 Dollar. Zu Hause jetzt nicht mehr – der Titel wurde vermutlich vorsichtshalber, so dachte ich, wegen der immer noch unklaren Situation bezüglich virtueller Figuren (im Unterschied zu „realen“ Darstellungen Erwachsener) nur gleich in wesentlich mehr Ländern gesperrt, darunter Österreich. Die Praxis ist bereits von diversen Hakenkreuzspielen her bekannt, wo zwischen Deutschland und Österreich (wegen dem Verbotsgesetz) etwa auch schon nicht differenziert wurde.

Doch weder würde der österreichische Gesetzgeber den Zugriff darauf wohl eigentlich verbieten, noch ist hierzulande etwa sogar der Versandhandel von irgendwelchen Einschränkungen diesbezüglich betroffen. Also ein Fehler und/oder vorauseilender Gehorsam?

Nein – weder noch. Ein kurzer Blick auf die Datenbank Steamdb.info klärt über die Verhinderung der App auf: seit ein paar Stunden wurde das Spiel überall* entfernt. Also war nicht „Pornografie“ Schuld, sondern eher Steven Soderbergh oder STARZ mit seinen „exklusiven Originalen“, die höchstwahrscheinlich etwas gegen den Titel hatten. „Titel“ im wahrsten Sinne des Wortes, kein Inhalt nach Dieter Thomas Heck.

* bis auf neun Staaten, darunter viele aus Lateinamerika, aber auch Südkorea und Russland, wo das UrheberInnenrecht nicht greifen dürfte: in Argentinien wurde der Verkauf heute Abend zum Beispiel nur für wenige Minuten unterbunden; Update 27. September: mittlerweile wurde das Spiel auch aus diesen restlichen Märkten entfernt – während der Videospielpresse weiterhin keinerlei Informationen über diese Vorgänge zu entnehmen sind – der Kurator „Games at risk of removal“ behauptet dafür, dass die Werbung in Bildern für das Spiel ein Grund für die Entfernung wäre, ganz habe ich die neue Richtlinie dafür zugegebenermaßen auch nicht verstanden: der Verkauf wird deshalb gestoppt, aber der Grund dafür – die sichtbare Werbung – bleibt erhalten? Das Agegate wurde in jedem Fall ja schon davor geschaltet und öffentlich einsehbar sind derlei Titel in der WWW-Storefront auch nicht mehr (der Agecheck wird dort gar nicht mehr angezeigt, sondern nur mehr im Client).

#2: das Spiel ist mittlerweile wieder erhältlich – weder hat sich am Titel, noch den Werbebildern, etwas geändert. Was der wahre Grund für die kurzfristige Entfernung gewesen ist, wird bei dieser Politik so nicht bekannt werden. Eine Dev-Stellungnahme gibt es dafür im Forum: Valve hätte die App „versteckt“ ohne darüber zu informieren (was nicht unüblich wäre) – schlauer machen, oder beruhigend wirken, tut die Information über eine solche Vorgangsweise aber auch nicht unbedingt.

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