Kommentar zur (nunmehrigen) „Sozialadäquanz“ bei Videospielen (in Deutschland)

Beim VDVC: ‚“Dass andererseits Spieleentwickler aufgrund der Überschriften zur neuen Prüfpraxis der USK jetzt NS-Symbolik teilweise für grundsätzlich legal halten, wird sich spätestens mit den ersten Beschlagnahmen ändern.“ ??? Welche, auch nur theoretisch möglichen, Beschlagnahmen sollen das etwa sein?
Beschlagnahmt wurde in Deutschland in erster Linie doch immer nur wegen dem Gewaltdarstellungsverbot, sogar „nur“ indiziert. Die Aktionen welche es etwa beim „Wolfenstein“ von 2009 (die Marke war damals noch bei Activision), oder der SammlerInnenausgabe von „Silent Hunter V“ (Ubisoft) gab, geschahen eindeutig in vorauseilendem Gehorsam durch den jeweiligen Hersteller.

Ihre kostspielige Notwendigkeit konnte seit jeher bestritten werden, hängte aber wohl schon immer eng mit der jeweiligen USK-Kennzeichnung (und ökonomisch der USK im Industriebesitz) zusammen. Und die Titel welche „hier nicht namentlich genannt“ werden entstanden doch schon seit jeher außerhalb der Videospielindustrie, waren entweder gleich gar nicht kommerzieller Natur – oder wurden nur in einschlägigen Neonazi-Shops vertrieben.
Und die Bedeutung (Signifikanz) einer Sozialadäquanz wird in dieser Form durch die gleichzeitige Bindung an eine (geforderte) Intention von Inhalten massiv eingeschränkt! Diese schließt praktisch aus, dass jetzt herkömmliche Multiplayer-Action-, Taktik- oder Strategietitel in denen die deutsche Seite im Zweiten Weltkrieg übernommen werden kann, zugelassen würden, der nationalsozialistische Hintergrund darin plötzlich nicht mehr verschleiert werden bräuchte (!).

Erst die Verschleierung von Wehrmacht und Co. wird eine Veröffentlichung am deutschen Markt weiter möglich machen – daran wird sich doch nichts (!) ändern. Und das kann zwar weiter mit einiger Begründung als Geschichtsklitterung interpretiert werden, ist aber auch international größtenteils üblich und hat nicht unbedingt etwas mit dem deutschen Markt mehr zu tun – eher schon mit der „beruhigenden“ Wirkung durch Terrorsymbole nicht belästigt, in einem „entspannenden“ Spiel politisch korrekt nicht gestört zu werden – das heißt wird auf das Medium und seine RezipientInnen an sich zurückgeworfen.
Und die durchaus ähnliche Wahrnehmung wie bei materieller Kultur (Spielzeug, Militaria) hat sich dadurch ebenfalls nicht geändert. Sie ist auch nicht „falsch“ oder wäre nur eine „Vermutung“, sondern wird von all jenen SpielerInnen selbst die ihre Spiele lediglich als „Unterhaltung“ begreifen, aber auch der Medienwissenschaft – etwa durch den Begriff des „digitalen Spiels“ (analog zum „analogen“ Brettspiel) -, noch verstärkt.

Ein illustriertes Sachbuch, das etwa über die Waffentechnik der Wehrmacht informiert, hat es so nach wie vor wesentlich leichter unzensiert am deutschen Markt erscheinen zu können, als ein beliebiges Videospiel. Sogar eine Videodokumentation, wie unzählige selbst im deutschen Fernsehen bereits tagsüber ausgestrahlt wurden.
Einem Videospiel wird dem gegenüber immer noch eher vorgeworfen werden, dass diese Reduktion auf das eine oder andere, politisch vermeintlich unverfängliche, historisch-technische Element den Holocaust ausblenden würde, behauptet dass die Shoah „der Elefant im Raum“ der „Schießbude“ wäre usw., das heißt Videospielen wird nicht nur diesbezüglich weiterhin zutiefst misstraut werden, eher kein Aufklärungspotential zugetraut etc. Sie werden für gewöhnlich eindeutig nicht als Bildung betrachtet, sondern jetzt höchstens in Ausnahmefällen, nicht so wie am Buchmarkt, wo bis zur Indizierung noch das krudeste Werk eines ewig gestrigen Militaristen unbeanstandet bleibt – allein schon weil dort entsprechende Verlage („unpolitisch“, oder am rechten Rand) präsent sind.

„Post Scriptum“: wir wissen anhand dieses einen Titels ja bereits, dass sich an der Spruchpraxis dahingehend rein gar nichts geändert hat?? An eine Gleichbehandlung zu Medien wie Büchern, die ohnehin nicht gekennzeichnet werden brauchen, oder auch nur Filmen, ist deshalb faktisch weiterhin nicht zu denken – nicht nur weil Spiele weiterhin wesentlich weniger gefördert werden, wie es aus der Branchenvertretung jetzt heißt.

Und wie ist das OLG-Urteil in Frankfurt 1998 überhaupt entstanden? Wie immer wieder (auch in der Rückschau) nebenher erfahren werden kann, wurde das Spiel damals offenbar bei einem Neonazi vorgefunden. Es wurde im Rahmen einer Hausdurchsuchung (HD) oder Razzia mitgenommen.
Jetzt die Gretchenfrage: wenn „Wolfenstein“ angeblich so „antifaschistisch“ wäre, wie kann das dann bei einem Nazi bei einer HD gefunden werden UND im Rahmen der Ermittlungen für ideologierelevant befunden worden sein. Wir KatholikInnen wissen zwar, dass Leni Riefenstahl gerne „Harry Potter“ gelesen hat, aber da spielen natürlich noch ganz andere Aspekte eine Rolle: wenn das Spiel gestartet wird ertönt umgehend das Horst-Wessel-Lied. Natürlich kann das naziaffin sein, wobei es dann wirklich keine Rolle mehr spielt wer „der Feind“ in welchem „Raum“ wäre – genau so wie damals argumentiert wurde. Einer Argumentation der sich erstmal zu stellen ist!

Im Gegenteil ist die Politisierung eines Mediums wie aktuell bei Videospielen, immer und überall manipulativ mit Betroffenheit als Affekt auf der Klaviatur der Emotionalisierungen operieren zu wollen, selbst nicht ganz unproblematisch. Sicher ist es auch löblich, wenn aktuell wie bei „Life is Strange 2“ mit Politik auch in Videospielen als Ausdrucksform wie selbstverständlich umgegangen wird, aber halt nicht unbedingt.
Im Journalismus kann heutzutage schon öfter gelesen werden, dass selbst der Losung eines „Schrecken des Krieges“ nicht mehr geglaubt und mit Zynismus begegnet wird. Das „Gefasel“ oder „Geschwurbel“ davon, heißt es dann einigermaßen antiintellektuell, sei nichts als Heuchelei und bigott. Und da wird nichts „fehlinterpretiert“: viele ästhetische Traditionen, vor allem im Highbrow-Bereich, gehen davon aus, dass alles was gezeigt wird gewollt sei – so etwa jeder Schuss in einem Schießspiel potentiell ein Mord.

Wer etwa „Hochkultur“ als gegeben akzeptiert, solche Unterscheidungen schon vornimmt, wird diesbezüglich bereits prädisponiert sein. Und das betrifft weiterhin ausgesprochen viele im Kulturbetrieb. Aufgabe wäre sich damit zu beschäftigen, mit diesem Warum und jenem Sinn, jener Bedeutung oder Signifikanz: nicht zu sagen, das wäre (autoritär) ein „Fehler“ oder „falsch“.
Fiktionale Medien/Kultur sind keine Maschinen die an- oder ausgestellt werden könnten, entweder „funktionieren“ oder nicht, wo Interpretationen entweder „richtig“ oder „falsch“ sein könnten, wahr oder fehlerhaft. Das „ist“ Unsinn.‘

Replik. Nachlese.

Über pyri

PYRI / / (Pyri) / —— pyri. Steiermark/styria
Dieser Beitrag wurde unter Alternative Lebensweisen, Amerika, Arbeitswelt und Realismen, Ästhetische Belange, BärInnendienste, Chauvis, Denkanstöße, Deutschland, Die Welt wird auf der Erde verteidigt, Freiheiten, Kapitalistische Verschärfungen, Retrospektiven, Wirtschaft und Kulturelles abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s