Wieder die Lynchgesellschaft

Nachlese. Wenn „die Medien“ oder „die Presse“ nicht gegen „das Volk“ wären, weshalb wird dann überall dieselbe „Meinung“ vertreten, die gleiche Wahrnehmung artikuliert – auf Basis derselben „Fakten“? Wessen „Fakten“?

Und wer kann so nicht „das Volk“ sein, wenn sich kein Einzelner darin mehr wiederfinden kann – außer über die Akzeptanz selbst „falsch“ zu liegen, wenn dem allem nicht (mehr) zugestimmt werden mag?

Oder wer soll überhaupt noch „reiche Freunde“ haben, wenn sich in so einer Situation jemand doch überhaupt nicht mehr leisten kann mit wem befreundet zu sein? PR dermaßen schon über Karrieren entscheidet?

Ich bin aufgewachsen im Glauben, dass Aufklärung gerade auch die Infragestellung der eigenen Wertvorstellungen beinhaltet. Doch wie können frühere Rollen so schon wahrgenommen worden sein, außer mit ähnlicher Entrüstung?

Ok, der „Rechtsstaat“ interessiert mich dabei gar nicht – selbst wenn die Privatwirtschaft diesbezüglich wie eine Einheitspartei operiert (und so scheinbar gut funktioniert). Im öffentlichen Bereich findet jedoch zunehmend eine Anpassung an den privaten Sektor statt, der meint von der öffentlichen Wahrnehmung erst abhängig zu sein und ab einer gewissen Größe (Reichweite) nur entsprechende Produkte oder Dienstleistungen mehr anbieten zu können. Nur ein Beispiel: eine öffentliche Universität sollte eigentlich nicht wirklich stark einschränken können wer die Gelegenheit erhält dort sprechen zu dürfen. Dennoch ist dies vielfach genau der Fall.

Aus ganz ähnlichen Gründen, wegen ähnlicher Interessen einer Sorge um die „Corporate Identity“ – so wie bei Unternehmungen à la Netflix. Unternehmen die sich ihr (erwünschtes) Publikum maßschneidern.

Als Taras Borodajkewycz in Wien noch „unterrichtet“ hatte, war Rassismus an den Universitäten der Normalfall. Erst der Druck von der Straße samt einem Toten (Ernst Kirchweger) hatte dies damals in Österreich geändert.

Und es dauerte noch weitere zwei Jahrzehnte bis sich Strukturen nachhaltig begannen zu ändern, entsprechende Pferdepflicht und Repräsentationen begannen überwunden zu werden. Teilweise auch aus biologischen Gründen, weil das Personal älter wurde, in Pension ging und langsam ausstarb (neue Populismen nicht so schnell Fuß fassen konnten). Die Ideen der Habsburger-Monarchie, des „Ständestaates“ und des „Dritten Reiches“ hatten sich in traditioneller Hinsicht überlebt und wurden von einer anderen zielgerichteten Moderne abgelöst. Die überkommenen hierarchischen Strukturen, der kulturell gefärbte Katholizismus, der (Deutsch-)Nationalismus usw. Aller diesbezüglicher Autoritätsglaube.

Dafür hielt die Globalisierung langsam Einzug (auch in Österreich) – dass das weitere zehn Jahre später kurzfristig ebenfalls die Rückkehr eines Reaktionärs wie Frank Stronach, einem frühen österreichischen Vorläufer von Andrej Babis, bedeutet haben könnte, sei mal dahingestellt. Aber so war das.

Alles längst vorbei. Früher, also im Jahr 1986, wurde trotzdem viel von der „Jagdgesellschaft“ gesprochen – größtenteils stets antisemitisch konnotiert.

Das war damals jedenfalls die Gegenreaktion auf die Veränderungen. Einigermaßen hilflos, aber so war das.

Heute spreche ich von der „Lynchgesellschaft“. Noch schlimmer.

Warum? Ja, der Nationalstaatsgedanke kehrt über den neuen Populismus langsam aber sicher zurück nach Europa. Der kapitalistische Zauber im kommunistischen Erbe des Ostens ist verflogen, zumindest in „globalistischer“ Hinsicht vorbei.

Die Unsicherheit ob in Österreich nicht doch der Balkan beginnt ist der Gewissheit vom Anfang des Ostens gewichen, dass hierzulande nirgendwo (außer in Wien) eine linksbürgerliche Mehrheit wie in (immer noch, oder wieder) Westdeutschland zu finden ist. Und ehrlich gesagt bin ich sogar einigermaßen froh darüber.

Weshalb? So ganz sicher kann ich das naturgemäß nicht sagen. Es hängt aber wohl mit jenen Strukturen zusammen welche die „Lynchgesellschaft“ zu ändern versucht, beziehungsweise wiederum mit der Unsicherheit wodurch diese auch nur ersetzt werden könnten.

Ist das konservativ? Mag sein. Aber Veränderung braucht keineswegs immer Fortschritt bedeuten. Im Gegenteil.

Es ist kein diffuses Gefühl. Für mich ist „das System“ Realität.

Allgegenwärtig und jederzeit feststellbar. Immer wenn ich die Zeitung aufschlage – egal welche. Ich kann mich dort einfach nirgendwo mehr wiederfinden.

Und ich weiß (leider), dass ich damit nicht allein bin. Ja, früher war ich selbst Teil der Empörung – das war aber auch noch eine andere, „alte Empörung“. Mitte der Nullerjahre hat sich das dann jedoch geändert: ich kann immer noch schimpfen, ausrichten, „für“ oder „gegen“ etwas oder jemandem sein, lästig sein, aber ich mag mich sicher und einfach nicht mehr für überlegen halten. Ich halte das für zutiefst verwerflich und schäme mich dann „fremd“, wenn ich genau dies anderswo (wie in den Zeitungen) bemerke. In erster Linie macht es mich jedoch unfassbar betroffen.

 

Keine Alternative zum Werturteil

 

Als ich das Kevin Spacey-Video gestern zum ersten Mal sah dachte ich sofort: da spricht wenigstens einmal ein „Beschuldigter“, von dem man letztes Jahr bloß noch hörte dass er sich selbst irgendwo einliefern ließ (also der Pathologisierung seiner selbst ureigentlich zustimmte, so wie es ja auch von ihm erwartet wird). Und wie der sprach!

Da vermischt sich Fiktion mit Realität. Das Bild eines fiktionalen Charakters und das eines realen Mannes.

Es ist ein schlichtes, politisches Kunstwerk. Und wo der Charakter über Jahre hinweg gelobt wurde, werden jetzt beide gleichermaßen verachtet.

Das ist die Bigotterie und die Heuchelei welche ich meine. Und zwar im ganz großen Stil.

Das Video wird einheitlich als „bizarr“ bezeichnet, und das ist noch das freundlichste was darüber gelesen werden kann. Ich nenne es mal die Logik des Grauens.

Vanity Fair gibt sich „nachdenklich“ und projiziert das Video auf die Unterstützung für Trump: die Ära Trump, wird gemeint, sei ja jetzt schon fast zur Hälfte vorbei (haha) – der Rest ist der übliche Kulturpessimismus und „Selbstkritik“, bezogen auf eine Trump-wählende Gesellschaft die nichts besseres als dieses Weihnachtsvideo verdient gehabt hätte. Man merke sich: gemeint mit „wir“ sind immer die anderen. Alles nur nicht das als was ich etwa das Video auffasse, nämlich als Wink mit dem Zaunpfahl an die Presse und seinen früheren Arbeitgeber Netflix, als tatsächliche „mediale Kritik“. Noch dreister People: dort wird gleich ein Anwalt herbeigerufen der meint wie „gefährlich“ so ein Video doch sei und wie schlecht beraten Kevin Spacey sein müsse, ein solches zu veröffentlichen (er schwieg ja schon über ein Jahr lang, nach einer ursprünglichen Erklärung im „Fall“ Anthony Rapp, während gleichzeitig immer neue Vorwürfe hochkamen) – natürlich weist das Video keinen Bezug zu irgendeinem konkreten Vorwurf auf.

Nun könnte jemand auch behaupten: die amerikanische Gesellschaft ist einfach am Ende. Als Hulk Hogan im Bettgeflüster das N-Wort von sich gab wurde er gleich behandelt wie Chris Benoit, der dafür schon seine Familie ausrottete. Als zuletzt die geschminkte Richterin in einem Missbrauchsprozess Fantasien zur Gruppenvergewaltigung des Täters begrüßte, wurde sie vom britischen Guardian nicht nur als moralische Instanz gelobt, sondern auch zur Stil- und Modeikone gekürt. Andere Zeitungen übernahmen diese Einstellungsmerkmale weltweit unisono.

Die ungeheuren Verharmlosungen welche diese Bezüge und Relationen implizieren – Bezugnahmen sind es ja nicht da die Bezüge nicht vorgenommen werden sondern schon vorausgesetzt sind -, auf Kapitalverbrechen wie Mord, oder Rache in „guter Absicht“, machen mich so sprach- und fassungslos weil sie gesellschaftlich gerade nicht isoliert zu betrachten sind.

Und darum geht es mir eben auch: es kann in einer globalisierten Welt nicht nur um ein Land wie Amerika gehen, sondern die ganze Welt betreffen – wenn Medien überall in der „freien Welt“ ähnlich funktionieren.

 

Tribunale der Geschlechtlichkeit

 

Die Vorwürfe gegen Brett Kavanaugh hätten meiner Meinung nach kaum vager sein können. Trump hat sich am Ende zwar durchsetzen können, aber zu welchem Preis?

Christine Blasey Ford trat mit einer Haltung auf die für einen Menschen wie mich nicht abscheulicher und verwerflicher sein könnte. Ja, der Emotionalisierung kann nur mit anderen, eigenen Werturteilen begegnet werden – es macht für mich absolut keinen Sinn, nüchtern und „sachlich“ darauf zu reagieren, einfach weil es überhaupt nicht um Nüchternheit und Sachlichkeit geht. Und ja, auch nicht um „Sinn“, sondern die Irrationalität von Gefühlswelten. Es kann nicht klug sein Emotionen keine anderen Emotionen entgegenzuhalten, denn die schon vorhandenen verschwinden dadurch nicht – sie werden bloß verdeckt, überlagert und ihre Existenz letztlich möglicherweise geleugnet.

Und wer so etwas wie ich schreibt, dem wird dann postwendend vorgeworfen „er“ betreibe Täter-Opfer-Umkehr, hätte „nichts verstanden“, sei „gehässig“ etc. Ohne dieses wie selbstverständlich (mit)geforderte „Verständnis“ näher zu definieren.

„Liebe“. „Will all the adulterers in the room please stand up?“

Diese Gesellschaft ist mittlerweile geprägt von einem negativen Bezug zu Sexualität, der Sexualität mit Übergriffen praktisch schon gleichsetzt. Nicht nur Homosexualität wurde durch den Begriff der „gleichgeschlechtlichen Liebe“ ersetzt – und das hat viele Gründe: Adoptionsrechte sind einfach leichter durchzusetzen wenn es nur um sich liebende Eltern geht, während in der allgemeinen Verbürgerlichung mit Kindern überall, in der Kinderlose bereits als abnorme Perverse gelten können (es kommt nicht von ungefähr dass ausgerechnet Angela Merkel für die bürgerliche Rechte in Deutschland ein so großes Feindbild geworden ist, jenseits aller Migrationspolitik, oder hierzulande Heide Schmidt für Rechte jahrelang ein rotes Tuch war – jenseits von Partei-Neugründungen, nur spricht darüber wieder niemand) der Kinderschutz stets das Hauptargument zur Abwehr jeglicher sexueller Interessen geworden ist. Oder die Aufweichung der Fristenlösung, unter dem Deckmantel der Selbstbestimmung über Frauenkörper, ein erklärtes Nebenziel vieler „sozialer Bewegungen“ ist – nicht zuletzt um die Geburt von in dieser Gesellschaft ohnehin nicht vorgesehenen Menschen mit Behinderungen wie mir selbst noch weiter zu verhindern. Usw. usf.

Die Aufzählung von Grausamkeiten, pardon „zivilisatorischer Errungenschaften“, wäre endlos. Ich könnte mich noch viel mehr dazu äußern.

Wie dem auch sei, es war mir heuer unmöglich ein solches Personal als Erwachsene zu akzeptieren – es schien mir bei diesen beiden Zerrbildern früherer US-Filmkomödien (die allesamt unter einem zutiefst puritanischen WASP-Eindruck entstanden sind, den der heutige Mainstream-„Feminismus“ in den USA so sehr wiederholt), und ihren jeweiligen politischen Umfeldern, so, als ob hier, unter dem Eindruck von Twitter und anderen „sozialen“ Medien, ganze Generationen zunichte gemacht werden sollten: „sie“ das „geborene“ Opfer, das Karriere gemacht hat. „Er“ der stereotype „Kotzbrocken“, der natürlich auch Karriere gemacht hat. Wie jedoch, in welcher Situation, beide überhaupt mal zusammenkamen, darüber wurde – wie üblich – der große Mantel des Schweigens gelegt: die Selbstverständlichkeit der Beteiligung und jeweiligen Sozialisationen. Nur eines ist für mich als Feminist (sic!) gewiss: das Patriarchat kann mit diesem Personal Erfolgreicher keinesfalls bekämpft werden, egal was der jeweilige „Partner“ (nicht) zwischen den Beinen hat. Dasselbe gilt für praktisch jedes Haupt, dass sich im „Mainstream“ quasi als „feministisch“ hebt – gleichzeitig im rationalen und patriarchalen System aber Millionen scheffelt, großteils mit ureigenen „Sexualisierungen“.

Und manchmal kommt es auch auf die Äußerlichkeiten der funktionierenden Körper an: es kann einfach kein Zufall (gewesen) sein, dass sich Christine Blasey Ford und die Antifeministin Janice Fiamengo so ähnlich sehen. Genauso lächerlich ist es, dass eine Figur wie Meryl Streep, die jahrelang für alle Welt sichtbar mit Harvey Weinstein poussierte, moralisch integer sein soll. Und genau deshalb ist ein Woody Allen auch so irritiert, dass er nicht zum Vorbild für MeToo taugte.

Die Dominanz oder Herrschaft im wahrsten Sinne des deutschen Wortes zu brechen sollte ein hehres Ziel eines jeden Menschen sind. Doch zu welchem Zweck?

Wie wird auf den etwaigen politischen Erfolg erst reagiert werden, wenn die traditionellen Vorstellungen von „Männlichkeit“ erst vollständig umgeformt wurden? Was folgt danach? Die nächste Sau im Dorf der Fleischkonsum?

Ich denke eine Umformung ist unter den vorhandenen patriarchalen Prinzipien von Erfolg, Kraft und Stärke gar nicht möglich. Die „solidarischen“ Männer von heute, die sich wenn dann eher nur zögerlich – fast ehrerbietend – selbst als Feministen bezeichnen, betreiben vielfach nichts anderes als Charaden. Sie meinen es gar nicht ernst.

Genauso wenig wie es die starken, kräftigen und erfolgreichen Frauen überhaupt ernst meinen können – genauso wenig wie diese selbst für eine wahrhaft benachteiligte Gruppe wirklich eintreten können, Emanzipation tatsächlich anstreben würden.

Da bin ich komplett dogmatisch. Genauso wie Geld und Macht korrumpieren, bestimmt das Sein das Bewusstsein. Worum kann es also nur gehen?

Ich behaupte: keine erfolgreiche, „starke Frau“ kann für irgendjemanden ein Vorbild sein. Um Partizipation, Chancengleichheit und letztlich Verringerung der Einkommensschere zu artikulieren würde es gerade Personen brauchen die es nicht „geschafft“ haben. Das Gegenteil ist der Fall. Und deshalb kann ich das allermeiste das heute in der Öffentlichkeit unter „inklusiv“ firmiert nur als dessen glattes Gegenteil begreifen. Als eine systemerhaltene, systemimmanente Reaktion. Eine Form der Selbstregulierung (wie im Falle des Phänomens der Selbstzensur).

Und wie im Sexismus so im Rassismus. An singende oder Fußball spielende Afroösterreicher wird im Alltagsrassismus gar nicht gedacht werden, und der Antisemitismus auch nicht geringer nur weil im Radio seit Jahr und Tag Mendelssohn demonstrativ auf und ab gespielt wird. Aufregender wird dessen Sedativum von Musik dadurch sowieso nur in der eingeschränktesten aller Einbildungen.

In der Tonkunst wie im „echten“ Leben: niemand kann ernsthaft behaupten „Fortschritt“ ermöglichen zu wollen, für eine bessere Welt zu sorgen, wenn gleichzeitig die Prinzipien und Fundamente völlig außen vor gelassen werden. Das ist wie eine Produktpräsentation von Tim Cook, wo das geforderte Geld für den Einstieg schon exorbitant hoch ist. Oder wie eine Zeremonie im Country Club, wo selbst das mögliche Publikum fraglich erscheint.

Aus meiner Sicht liegt das Problem im Zug zur Öffentlichkeit, in einer diesbezüglichen Änderung der Produkte und/oder Dienstleistungen selbst (und nicht deren Zugänglichkeit): einerseits ist das wesentlich schlimmer als „nur“ Selbstzensur, andererseits wurde dadurch bereits ein Bewusstsein geschaffen das überhaupt nichts anderes mehr haben will. Und Vielfalt wird gerade darüber eigentlich erst verhindert, über die Bestimmung welche Produkte in diesem medialen Dienstleistungsbereich (Fakten, Fiktionen und Meinungen) kuratiert vorhanden sein sollen.

Etwas aus meinem Games-Bereich: für den deutschen Jugendschutz wurde mir gesagt, dass die Hersteller heute besser wüssten was sie dürften als früher. Deshalb wird nicht mehr soviel „verboten“. Als ob sie früher nicht gewusst hätten, dass sie „Verbotenes“ produzieren! Natürlich wussten die Macher eines „Doom“, dass ihre Ware nicht unbedingt Kirchenchor-kompatibel ist – es war ihnen nur weit eher egal als heute. Ihre Arbeit war noch nicht so sehr angetrieben vom Corporate Interest. Und die Bereitschaft zur Grenzüberschreitung war dementsprechend größer, auch weil die Konsequenzen weitaus geringer gewesen sind.

Eine Auswahl wird zwar zweifellos immer getroffen werden, aber nicht so wie sie sich mir heute im massenmedialen Bereich zeigt. Eine alternativlose Auswahl.

Aber wieso Lynchgesellschaft? Definiere ich Lynchen als ungesetzliche Bestrafung einer aufgebrachten Menge, so folgt auf die Empörung welche sich mir allenthalben darbietet meist das wirtschaftliche Aus. Mag sein, dass das in den meisten Fällen nicht mehr relevant ist, weil die Empörung nur Personen des öffentlichen Lebens betrifft und bei diesen proportional zu deren Wohlstand noch zunehmen mag. Diese betroffenen Prominenten sind aber auch nur Ausdruck eines wesentlich allgemeineren Klimas.

Und wie war das damals bei der „Jagdgesellschaft“? Der heutige Kampf gegen Übergriffe mächtiger Männer (und manchmal auch Frauen), dem sexuellen Ausdruck des Kapitals, scheint auf den ersten Blick nicht vergleichbar zu sein. Der Vergleich selbst politisch nicht korrekt.

Also der Vergleich mit einem mutmaßlichen NS-Täter wie Kurt Waldheim. Auf den zweiten Blick jedoch sehr wohl: in beiden Fällen geht es um „awareness“, zumal die Historisierung des Holocaust (im Sinne einer Musealisierung der Erinnerungskultur) Mitte der 1980er Jahre nicht unbedingt schon Sinn ergab, nicht nur, so wie heute, beklagt werden brauchte (im Sinne einer lebendigeren Erinnerungskultur). Die Täter lebten damals schließlich häufig noch unter uns, waren oft sogar noch berufstätig. „Vergangenheitsbewältigung“ war damals also auch (noch) eine Frage von „social awareness“ – so wie es damalige FilmemacherInnen, etwa Karin Brandauer, wohl ebenfalls erlebten. Das heißt auch eine Generationenfrage.

In diesen Jahren werden diesbezüglich schließlich die letzten Prozesse stattfinden. Mit Tätern die an die 100 Jahre alt sind.

Und selbst ein Sprachgebrauch hat diese potentielle Empörung über mein Ansinnen obsolet gemacht. In politischer Hinsicht hatte früher etwa der Ausdruck „Überlebende“ einen mehr oder weniger deutlichen Bezug zum Holocaust, längerfristig gedacht. Doch für die Opfer der sexuellen „Raubtiere“ scheint der Begriff Opfer als Reservierung in der Dimension jeglicher (natürlicher wie höherer) Gewalt auch nicht mehr ausreichend zu sein und ist stattdessen längst dazu übergegangen worden ebenfalls von Überlebenden zu reden, jedenfalls im englischen Sprachraum.

Wo liegt nun jedoch der Unterschied zwischen diesen Gesellschaften und der Grund dafür, dass ich mich an den heutigen „social awareness“-Politiken partout nicht beteiligen möchte? Ich denke einzig und allein in der Ziel- und Uferlosigkeit der heutigen.

„Wir“ können nicht wissen was die Utopie der Empörten bringt, oder ob der Empörung überhaupt eine Utopie zugrunde liegt. Damals konnten „wir“ es: wir wussten vielleicht sogar wer die TäterInnen konkret gewesen sind, hatten sie im eigenen Bekanntenkreis oder der Familie, wir konnten uns als Nachgeborene von jenen abgrenzen, distanzieren. Doch können „wir“ uns das von den sexuellen „Raubtieren“ und dieser angeblich so giftigen Männlichkeit wirklich? Selbst dann wenn wir eigene Erfahrungen schon machten – wie ja so viele, auf der einen oder anderen Seite. Ich denke nicht.

Denn es geht halt auch um Attraktivität: wer ein äußerliches Makel aufweist, nicht dem Schönheitsideal sehr entspricht, wird weniger Gefahr laufen ein Opfer der Raubtiere und giftigen Männlichkeit zu werden. Dabei geht es auch um das Kapital von Körperbildern. Und nicht um „falsches Verhalten“ oder eine weitere TäterInnen-Opfer-Umkehr, wie diesbezüglich so gern wieder behauptet wird, sondern darum welchen Wert eine „soziale Bewegung“ überhaupt haben kann wenn deren Aushängeschilder in erster Linie „hübsche“ junge Frauen sind. Dasselbe Personal ist, dass vor der „Bewegung“ aus ganz anderen Gründen in der Öffentlichkeit stand – eben wegen ihres „guten“ Aussehens.

Etwa Alyssa Milano und Asia Argento, um zwei konträre Beispiele in der Entwicklung zu nennen. Die dann, der Logik zufolge, deswegen schon immer ausgebeutet waren? Wo bleiben da deren „Fähigkeiten“? Nein, auch das soll absolut keine zynische Frage sein.

Und nein, der Relativismus bringt nichts: es geht dabei längst nicht um Aufklärung, um kein bloßes Bewusstmachen mehr – sondern immer um Denk- und Sprechverbote, Reduzierungen und Einschüchterungen.

Ich bin zwar kein Differenzfeminist, aber von der kommerziellen Entwicklung des sexuellen Ausdrucks seit den 1960er Jahren des letzten Jahrhunderts ist viel abzulesen – auch abseits der Technik von Videorekordern und BDs. Während sich bis auf wenige Ausnahmen im Nischenbereich die relativ wenigen daran interessierten Frauen selbst in gleichgeschlechtlicher Hinsicht einen Markt mit heterosexuellen Männern teilen müssen, ist homosexuelle Pornografie für Männer ein einfach nicht weg zu diskutierender Bestandteil jeglicher Pornografie (und meiner Meinung nach immer noch das beste Argument dass es dabei nicht nur um Frauenverachtung gehen kann). In jedem Fall ein Hinweis darauf, dass weibliche und männliche Sexualität nicht vollständig gleich sind.

Der jedenfalls nicht weniger patriarchal geprägte Fleischkonsum, das nach der (vorwiegend männlichen) Sexualität das nächste Schwein das möglicherweise in den 2020er oder 2030er Jahren durchs globale Dorf getrieben wird, die Lust am Fleisch-Essen, dann eine Freude wo zwischen Männern und Frauen – als Hoffnungsschimmer – größere Übereinstimmungen vorhanden sind, und so vielleicht auch (wieder) mehr Gemeinsamkeiten.

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