Wird die Gamescom wichtiger?

Die E3 war heuer ziemlich zu vergessen. Doch nicht nur die erfolgreiche Einladung der (Kölner) Messe an Geoff Keighley eine Eröffnungssendung zu gestalten überraschte, auch das Verhalten der restlichen Industrie.

Wie News welche ich eigentlich schon zur E3 erwartet hatte und für die Branche im Westen so zentral sind, dass sie nicht den üblichen Gamescom-Anhängseln entsprechen (also anders als die dafür sonst verspäteten Sportspiel-Ankündigungen von Electronic Arts): etwa dass jetzt „Pillars of Eternity II“ auch für Konsolen eindeutig finalisiert wurde, oder dass SEGA endlich die restlichen „Ryu Ga Gotoku/Yakuza“-Hauptspiele auf der PS4 für den Westen klarstellte (von soeben bis Anfang 2020). Nein, so sicher war das nun wirklich nicht… Typische E3-Details.

Hideo Kojima konnte auf besagter Keighley-Bühne einmal mehr darlegen, dass er (doch) der beste ist: „Death Stranding“ sprudelt weiterhin nur so vor Ideen, auch wenn es immer noch (oder sogar mehr denn je) wie ein Schaulaufen der Eitelkeiten wirkt. Gut möglich, dass es sein innovativster Titel seit „Boktai“ werden wird und für einige Unausgegorenheiten zum Abschluss von „Metal Gear“ entschädigen.

Der in die Jahre gekommene Japaner und der vordergründig unpolitisch-kanadische Anchorman, dem in Ermangelung von anderem vor ein paar Jahren Geldgeilheit vorgeworfen wurde und der sich ein kleines aber einflussreiches Imperium aufgebaut zu haben scheint (auch ich habe ihn anfangs mit einem kleinen Obolus für dessen erste eigenständige Projekte finanziell unterstützt – „Indie“ hat wirklich viele Gesichter), stellten da am Montag Abend einmal mehr so etwas wie den Ausgleich für Videospiele dar. Fünf Jahre nachdem die „neue“ Rechte (Milo!) jedenfalls teilweise „erfolgreich“ versucht hat mit Antifeminismus das Videospielklima zu ruinieren, nachdem es jetzt intrusive Seiten wie „One Angry Gamer“ gibt (automatische Übersetzungen inklusive) und der Hass (beziehungsweise dessen Leugnung in Form von TäterInnen-Opfer-Umkehrungen) zu unüberwindlich erscheinenden gesellschaftlichen Mauern anwuchs. Nicht nur im unverbesserlichen Publikum oder dem Journalismus und der etablierten Games-Forschung, sondern auch in den Marketingabteilungen der Spielefirmen selbst.

Und dieser opportunistische Ausgleich betrifft nicht einmal nur Videospiele, sondern gewissermaßen halt auch den Film – in Form der beiden Regisseure die da mitwirken. Guillermo del Toro (Shape of Water) und Nicolas Winding Refn, dem Garant für empathielose Zeiten, von dessen Amazon-Serie selbst SPON zuletzt ausnahmsweise ehrlich ausführte, dass es (vor allem nach der dritten Staffel von „Twin Peaks“ 2017) mit so etwas nicht weitergehen kann.

Das „Risiko“ das Sony mit „Death Stranding“ eingeht ist jedenfalls mehr als kalkuliert und höchst manipulativ zu nennen, denn ihre „Blockbuster“ verkaufen sich gewissermaßen von selbst – obwohl „Death Stranding“ sicherlich verächtlich auch (wieder als typischer) Kojma-Spiel-Film und aufgeblasener „Walking Simulator“ bezeichnet werden kann, der eher ein bizarrer „Artbuster“ wäre (wie sonst höchstens noch David-Cage-Titel). Auch politisch passt es keinesfalls ins Bild von einem Konzern, der, wie ansonsten nur noch Facebook (Oculus) und Electronic Arts, nunmehr peinlich viel Wert auf politische Korrektheit legt. Der Held (Norman Reedus) macht keine Anstalten als Viriler vom Platz zu weichen und tut noch so als sei er ein gebährender Nährvater, wo in der Branche sonst höchstens bebrillte Familienväter Kinder mal schaukeln dürfen. Und das Frauenbild Kojimas referiert einmal mehr durch und durch eine zutiefst sexuelle Ikonografie – diesmal von den Siebzigern bis in die Nullerjahre.

Verkaufen wird es sich aufgrund des Marketings im Vorfeld trotzdem (oder gerade deshalb, weil es so unangepasst wirkt), für das Weihnachtsgeschäft hat Sony sonst alles leergeräumt, nur das „Medievil“-Remake ist im Mid-Range-Bereich noch übrig geblieben – was ehrlich gesagt in erster Linie auch zum Rauswurf von Kojima bei Konami (und der Absage von „P.T.“) geführt haben wird, weil sich die mangelhaften Vorbestellungen für „The Phantom Pain“ damals (2015) bereits abgezeichnet haben dürften und ein Riesenhit im lokalen Mobilbereich Konami zu Kopf stieg: eine erste Rückkehr in den Core-Bereich war bereits in diesem Sommer zu beobachten, mit neuen Sammlungen für „Castlevania“ und „Contra“. Vielleicht wird es (wegen Sony) zwar kein drittes „Rumble Roses“ geben (obwohl gerade das zuletzt für die Xbox One adaptiert wurde, ohne dass es die Öffentlichkeit groß mitbekommen hätte), aber sonst doch alles wieder so wie früher (und gut – bis auf das neue „Contra“…).

In einer Zeit in der es mehr denn je fraglich erscheint was das Medium gar wäre – oder überhaupt sein kann: Kunst, Sport, oder etwa doch (nur) Bildung.

Abgesehen von „Unterhaltung“.

Und als Kojima meinte er wolle Gameplay erst in Tokio zeigen, aber dann doch was vorstellte, stellte er gewissermaßen Messe-Weichen: die Tokyo Game Show (im September) ist in den letzten Jahren immer unbedeutender geworden und nachdem Sony heuer nicht auf der E3 war, wurde die Gamescom (zusammen mit „Gears 5“ von Microsoft) tatsächlich so etwas wie eine kleine E3.

Denn vorher kam schon „Erica“! Der Titel hat wohl die größte Transformation eines Videospiels aller Zeiten durchgemacht, jedenfalls innerhalb von nur zwei Jahren. Technik, Ästhetik, Hauptdarstellerin – alles ausgetauscht. Nur das Interface dürfte übrig geblieben sein – da grenzt es schon an ein Wunder, dass Sony den alten Trailer nicht verschwinden lässt. Als es 2017 in Paris vorgestellt wurde, als das aktuelle Revival meines persönlichen Lieblingsgenres FMV noch überhaupt nicht abzusehen war, sah das nämlich so aus (also sehr nach „Her Story“, dem, für das FMV-Revival, Pioniertitel von Sam Barlow – „#WarGames“ – aus dem Jahr 2015):

Und Deutschland! Für nordamerikanische Ohren kaum fassbar, als ich dachte Codemasters verlegt nun doch wieder nicht nur mehr wieder Rennspiele. Gefühlte zehn Mal hörte ich „Code Media“, bevor ich draufkam dass „Koch“ gemeint war – eine Firma bei der ich mich dereinst einmal sogar beworben hatte. Äußerst kurios, dass die Messe bei den Publishern offenbar darauf bestand den deutschen Namen der Mutter zu nennen (anstatt einfach Deep Silver zu sagen). Selbst dabei blieb es nicht, denn Bethesda wurde Zenimax genannt, weil diese in Deutschland eher unter dem Namen des Mutterkonzerns auftritt. Und ich dachte nur ich rede über Zenimax

Aber (deutsche) Ordnung muss offenbar sein, nicht nur „Spielspaß“. Haha.

Germanophiler Höhepunkt war jedoch so etwas wie die Nennung von „Anno“ (die Reihe wurde international früher „A. D.“ genannt, gewann so einmal im selben Jahr sogar zweimal den Deutschen Computerspielpreis um sonst ja kein „Killerspiel“ auszeichnen zu brauchen, aber das „Anno Domini“ geht heute in der atheistischen Weltöffentlichkeit politisch ja ebenfalls nicht mehr durch).

Und natürlich als sich Keighley über den „Landwirtschafts-Simulator“ (als Sportart!) lustig machte, der aktuelle wartet hier bei mir immer noch auf seinen Ersteindruck nachdem ich den 17er ausgelassen hatte.

Gaming Minds, das Studio von Daniel Dumont – den ich seit fast zwanzig Jahren für den besten Designer Deutschlands halte (vor allem „Rise of Venice“ fand ich war das beste deutsche Spiel überhaupt) -, erhält nach „Railway Empire“ erfreulicherweise weiterhin Gelegenheit zur Arbeit. Es schlug die Stunde der kleinen Publisher – eben wie Kalypso:

Überhaupt wurden nicht nur ideell (so wie oben bis zurück zu „Der Patrizier“) viele Publikumslieblinge bis von vor 25 Jahren (oder sogar noch ältere) wieder ausgegraben, auch wenn manches halbgar wirkt (Comanche) und die übliche Zeitgeist-Nullnummer darunter war (nach „Dreadnought“ folgt aus Berlin „The Cycle“, also statt einem Nicht-Service wider besseren Wissens…).

Eine Rückkehr war aber noch erfreulicher und hatte nichts mit dem Gastgeberland zu tun – „Disintegration“, das ernsthaft an das alte Bungie erinnerte – und nicht den Mainstream welcher bei „Destiny“ einkehrte seitdem Peter Dinklage durch Nolan North ersetzt worden war (und der Erklärbär Kreativdirektor):

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