Stimmen der oberflächlichen Unvernunft, oder: politische Korrektheit kann einfach nicht über sich selbst lachen

Der Auftritt von Ricky Gervais bei den Golden Globes letzte Nacht wirkte wie die letzten Worte der Widerrede. Gervais, ein eigentlich sehr unsympathischer und bisweilen auch unerträglicher Zeitgenosse, fungierte dort als Jester, als Narr der bei Hof im Scherz Dinge noch einmal aussprechen konnte welche ansonsten völlig unmöglich sind, oder mit der Zeit und ihrem Geist wenigstens längst unmöglich wurden, wobei das traditionelle Bankett der Film- und Fernseh-Preisverleihung diesen Eindruck noch zu verstärken wusste.

Wer zehn Stunden später, das heißt jetzt tagsüber in Europa, den Namen in eine Suchmaschine eingibt, findet dann auch schnurstracks Zeitungsartikel welche dessen Auftritt nur logisch nun als „Pöbelei“ ausweisen, oder Twitter-Beiträge welche sich selbst und eine ganze Sozialität in Fremdscham dem „Komiker“ gegenüber stellen. So viel richtig im Falschen und der überbordenden Heuchelei, welche den Narzissmus immer nur im Anderen sehen, muss dieser doch gemacht haben. Dabei saß aber eigentlich jeder der im Grunde wenigen „Witze“ – allesamt an keine anwesenden Einzelpersonen sondern die gesamte versammelte Gesellschaft dort gerichtet – und je mehr sie im Auditorium verhallten, desto angebrachter waren sie auch.

Eigentlich. Denn uneigentlich konnte sich gar niemand davon angesprochen fühlen, dermaßen immun dürften sich die in jeglicher nur erdenkbaren Vorstellung moralischer Überlegenheit eingehüllten Personen selbst sehen. Selbstreflexion ist dabei längst eine ähnliche Phrase wie die beschworene Vielfalt selbst: alles andere Denken welches auch nur eine Nuance von den eigenen Wertvorstellungen dieser Leute abrückt hat in deren Welt doch keine Chance mehr, sofern es solchen Veranstaltungen nicht gleich fern bleibt oder sich (wie Tim Allen) in vornehmer Zurückhaltung zu üben in der Lage ist. Eine Noblesse welche mitunter an jene eines Rock Hudson im alten Hollywood erinnert, das heißt eigentlich jemand zu sein der im Grunde öffentlich einfach nicht stattfinden kann.

Eine tieftraurige, ja erschütternde Zurückhaltung: wenn diese neue Bürgerlichkeit der nunmehrigen moralischen Mehrheit bei Elton John etwa zum Ausdruck brachte, dass im Unterschied zum dysfunktionalen, wenn schon nicht mehrheitlich unvorteilhaft promiskuitiven Publikum, dieser schon lange goldene Hochzeit feiern konnte – auch wenn es eigentlich noch kein halbes Jahrhundert her ist dass Menschen wie er in der westlichen Welt verfolgt wurden.

Also nicht nur ohne jegliche Demut für alle vorangegangenen Menschen ausgestattet, sondern einfach nur geschichtsvergessen auftraten. Ein Loblied auf die Ewiggestrigen.

Und Selbstreflexion beschränkt sich dabei auf das Wesen der Läuterung, dass jemand vielleicht früher einmal kein dermaßen moralisch gefestigter Mensch gewesen ist um heutzutage einer solchen Veranstaltung beiwohnen zu können. Aha.

Den absoluten Tiefpunkt stellten dabei die Sätze dar, welche Joaquin Phoenix von sich gab: dieser war jedoch beileibe nicht der einzige eigentlich gute Schauspieler (actor) wo gemeint werden könnte, dass die Anwesenheit jeglicher Ambivalenz und Ambiguität doch nicht von Vornherein völlig ausgeschlossen sei – den bisherigen Rollen nach zu urteilen welche dieser bislang schon verkörpert hat. Denkste! Bei ihm wurde der Eindruck am deutlichsten, dass der Elefant im Raum die Idee sein muss, dass – nur leicht überspitzt formuliert – die Verdauung der Nutztiere in der Landwirtschaft das größte Problem auf Erden wäre.

Mehrmals wurde betont was auf der anderen Seite des Pazifiks gerade abgeht, aber wie der physische Globalismus (die Rechten haben schon recht, es handelt sich um eine Ideologie und keinen Prozess) weiter hergestellt (vertieft und ausgebaut) werden könnte, ohne dabei „das Klima“ noch mehr zu belasten – keine Spur.

Dafür ermahnte Phoenix die anwesenden „Schönen“ und Reichen, doch lieber darauf zu verzichten etwa am Wochenende in die Karibik zu jetten. Als ob es darum ginge.

Zuerst kamen die Agnostiker, dann die Atheisten, und als der Naturalismus der Esoterik in die Quere kam, seitdem der Skeptizismus gegenüber der Natur-Unwissenschaftlichkeit durchbrach und der New-Age-Spuk vorübergehend vorbei war, bedient der Environmentalism das neue Heidentum.

Abgesehen von der gesamten englischsprachigen Welt, bereits die Pre-Show betonte in diesem Jahr den Charakter der veranstaltenden Auslandspresse, und dem Klima-Kalb, war natürlich auch wieder das „starke“ Geschlecht ein großes Thema: es gelang wieder mal nicht auch nur eine einzige Regisseurin zu nominieren, nur in einem Einspieler wurde von irgendeinem Presse-Event im Vorfeld ein großes Agnès Varda-Portrait projiziert, aber eine der Präsentatorinnen am roten Teppich durfte sich dafür in so Sätze verheddern wonach „alle Frauen stark“ seien und niemand keine „starke Frau“ spielen könnte. Wie? Vermutlich wiederum nur als Frau.

Der sachliche, historische Grund weshalb ich bei der Zeremonie dieses Jahr wieder mitfieberte, fiel dafür eindeutig aus: Netflix wurde für den Filmbereich von der Auslandspresse eine deutliche Absage erteilt. Wer sich noch an den Aufstand gegen Netflix in Cannes erinnert dürfte nicht überrascht gewesen sein, aber das heißt noch lange nicht dass das bei den Oscars so weitergehen wird. Gefühlt waren die Globes in den letzten Jahren sowieso nur mehr wenig aussagekräftig.

Der große Gewinner des Abends, der noch nicht breit veröffentlichte Kriegsfilm „1917“, konnte sich jedenfalls gegen gleich drei ganz hervorragende Netflix-Streifen durchsetzen: „The Irishman“ – dem meiner Ansicht nach besten Scorsese-Film seit Jahrzehnten -, „Marriage Story“ – die ernsthaft annähernd jene 45 Jahre alten „Szenen einer Ehe“ erreicht (bin schon gespannt ob es dazu einmal auch ein „Sarabande“ geben wird, falls ich das dann noch miterleben darf) -, sowie „Die zwei Päpste“, einem der ganz seltenen Filme die grauenhaft uninformiert beginnen, sich aber von Minute zu Minute steigern (mittels ABBA, den Beatles, Zarah Leander und „Kommissar Rex“).

Insofern stimmte auch die Rede von Regisseur Sam Mendes: „1917“ wurde fürs Kino gemacht und soll auch dort gesichtet werden. Was ebenfalls die negative Betrachtung der dortigen Superhelden-Blockbuster durch Scorsese in ein etwas anderes Licht rücken lässt und Scorsese wie einen kommerziellen Mit-Totengräber desselbigen erscheinen.

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