Zu „Brukel“ und dem ablaufenden Videospiel-Jahrzehnt

Rezension (auf Steam): ‚Erinnerungskultur einmal anders: das im November 2019 erschienene „Brukel“, und ich erst kürzlich am Schluss des letzten Sales hier entdeckt habe (mit dem Zeitungsmeldungen im Vorfeld als Videospiel-Neuheit aber bereits wesentlich länger hausieren gehen), kann getrost als I-Tüpfelchen für ein großartiges Videospieljahr betrachtet werden, denn es hat dem Medium am Ende doch noch ein paar neue Facetten abgewinnen können. Äußerst viele Spiele waren 2019 sehr sehr gut, aber kaum eines war je innovativ zu nennen.
Zwar gab es schon Titel die wenigstens teilweise in einer traditionell bäuerlichen Umgebung angesiedelt waren, das oberitalienische Anna (2012) fällt einem ein – oder das zweite „Gabriel Knight“ (1995/96), in dem man einen Amerikaner in Bayern spielte -, aber bei keinem konnte auch nur annähernd so viel über dieses Milieu (dazu)gelernt werden wie hier. Und da ich jemand bin der nunmehr auch beruflich mitunter genau damit zu tun hat, finde ich es besonders faszinierend dass sich die bäuerliche Alltagswelt in Belgien von der steirischen, so wie sie etwa bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts noch existiert hatte, vor allem in Namen und einzelnen Bezeichnungen unterscheidet. Nicht mehr.
Sorgfältig gestaltete Videospiele welche sich historischen Themen nähern wollen indem sie ein Gefühl der Betroffenheit im Publikum herstellen gibt es mittlerweile viele, sogar große Konzerne wie Ubisoft oder Bandai Namco haben welche herausgebracht (da braucht sich nun wirklich niemand etwas vormachen), aber „Brukel“ gehört eigentlich gar nicht in diese Kategorie hinein: ja, das „Spiel“ mag traumatische Erfahrungen der Großmutter des Autors (der gleichzeitig als ihr Interviewpartner und erklärender Hauptdarsteller auftritt) behandeln, aber „Brukel“ ist eher eine ganz andere Form von Ausdruck. Es möchte einfach eine gute Suspense-Geschichte erzählen, die nur vorurteilsfrei halt in der (für ein Videospiel) ungewöhnlichen Umgebung bäuerlicher Kultur mit all ihren Details angesiedelt ist. Und diese Details können vielfach sogar ignoriert werden, sodass es wie ein beliebiges anderes Grusel-Videospiel wirkt, das in einem Bauernhaus spielt.
Ich kann die Motivation von Bob De Schutter zudem gut nachvollziehen: auch mir wurden als Kind von Großeltern (reale und erfundene) Geschichten erzählt welche meine Imagination bis heute bereichert haben, den Charakter letztlich mitgeprägt, sowie in mir als Person irgendwo immer noch auch nach künstlerischer Verarbeitung schreien. Nur ernst zu nehmende waren kaum welche darunter (da greifen das große Schweigen und die Verdrängungsmechanismen für welche nicht nur Österreich bekannt ist doch zu gut), dafür viele Lächerlichkeiten und ebenfalls das eine oder andere Schauermärchen. Jedenfalls laufen die Vorwürfe welche gegen das Spiel so zweifellos bald erhoben werden wieder mal weitgehend ins Leere, etwas dass es mit billigen Effekten arbeiten würde, oder dadurch mit den Sehgewohnheiten eines typischen Videospiel-Publikums spekulieren. Die Würde aller Beteiligten wird damit nämlich zu keinem Zeitpunkt in Mitleidenschaft gezogen, auch wenn die Story vielleicht einfach nur „dumm“ ist. Menschen sind das nicht.
Leider gibt es aber auch viele ernste und tatsächliche Schattenseiten an „Brukel“, und diese sind allesamt technischer Natur: abgesehen von der einen oder anderen schönen Digitalisierung ist „Brukel“ trotz Unreal Engine 4 ausgesprochen hässlich. Die Beleuchtung beeindruckt auf den ersten Blick, funktioniert aber nicht wirklich. Wenn selbst das bereits angesprochene „Anna“, das ursprünglich auf einer frühen Version der Unity-Engine basiert, wesentlich besser aussieht – ganz zu schweigen von der Steuerung: zwar werden PS- und Xbox-Symbole unterstützt, aber diese Tastenbelegung nutzt die Tasten kaum. Alles scheint auf die (imaginäre) rechte Maustaste hin ausgelegt zu sein. Hinzu kommt, dass die Anzeige nicht skaliert (ich spiele in 5K-Auflösung und das größte Fadenkreuz ist immer noch viel zu klein) – immerhin betrifft es nicht den Begleittext zur Sprachausgabe von Bie Verlinden, der belgischen „Großmutter“ des Spiels. Wenn ich allerdings daran denke, dass der Autor Videospiel-Professor in Amerika sein soll und das Game wenigstens teilweise offenbar universitär finanziert wurde, frage ich mich schon was dort eigentlich unterrichtet wird. Nicht böse verstehen, aber technisch ist das doch aufrichtig gemeinte Werk vor allem mit jenen exploitativen Trash-Elaboraten zu vergleichen, welche eher Jugendliche hier regelmäßig fabrizieren und über die sich dann die Presse turnusmäßig empört (Stichwort „Qualitätsstandards“). Diese (technische) Seite des Spiels ist es, welche mit dem Inhalt irgendwie nicht so ganz zusammenpasst, unvereinbar ist. Leider.‘

Das letzte Jahr der Zehnerjahre hat formal begonnen und es wird auf alle Fälle ein spannendes werden: vor allem Microsoft, aber auch Sony, dürften beeindruckende Hardware abliefern. Es besteht zwar die große Gefahr, dass sich gerade Sony am durchschlagenden Erfolg der PS4 (selbst unter eingefleischten PC-Usern) ausruht, aber so sehr wie ich meine PS3-Konsolen immer noch schätze und die beiden PS4 verabscheue kann es mit der PS5 eigentlich nur wieder bergauf gehen, besser werden. Bei Microsoft besteht zwar eine ähnliche „Gefahr“, aber auch diese kann in erster Linie positiv als Chance begriffen werden: die Xbox One X ist eine so gute Konsole, sie bräuchte eigentlich nur noch viel stärker sein – also genau das was Microsoft beabsichtigt, scheinbar plant. Xbox-Konsolen habe ich in dieser Generation in der Nachbetrachtung sogar eine zu viel gekauft, gut wäre deshalb wirklich es würden gleich zu Beginn „bessere“ (und teurere) Geräte angeboten werden können (das heißt auch jenseits der seit dem ursprünglichen PS3-Debakel „angemessenen“ 500 Euro-Preismauer). Dafür erwarte ich auf der Software-Seite das große Jahr der (persönlichen) Enttäuschungen: nur drei Beispiele – zunächst wäre da etwa das neue „Final Fantasy VII“. Halte ich den Teil ohnehin schon für maßlos überschätzt (und meine ich dass er die Behandlung der letzten zwei Jahrzehnte – den Film usw. – im Vergleich zu anderen Teilen überhaupt nicht verdient hätte) und würde ich  „Final Fantasy XV“ von den großen, ausufernden Videospielen insgesamt mit Abstand auf den ersten Platz hieven wollen (wäre 2016 nicht auch „Firewatch“, siehe unten, erschienen, durchaus auch als „Spiel des Jahres“ in Betracht ziehen), so kann mich dieses Remake fast nur enttäuschen. Beinahe ebenso wie „Resident Evil 3“, das ich beim grünen Mann zwar schon vorbestellt habe, aber hinter dem offenkundig ein anderes Team als letztes Jahr beim zweiten Teil steht, und das sich (Multiplayer-Komponente inklusive) bei einem billigen Schnellschuss immer darauf herausreden kann dass ja schon das Original ein eher oberflächliches Action-Flickwerk gewesen sei. Dann schließlich, der „Elefant im Raum“, „das“ Spieleprojekt dieses Jahrzehnts: nein, nicht „Star Citizen“, sondern „Cyberpunk 2077“: das Gameplay das da letztes Jahr endlich gezeigt wurde hat mir, gelinde gesagt, überhaupt nicht gefallen. Das Lösungsbuch habe ich zwar schon länger vorbestellt, aber sicherheitshalber auch nur dieses – ich informiere mich lieber vorab bevor ich einen weiteren Titel selbst überhaupt aufnehme. Bei den kleineren und wirklich preisverdächtigen Titeln ist es dafür wie jedes Jahr so, dass die Informationen sehr spärlich sind: nur bei gezielter Suche – siehe „Brukel“ – einzelne Artikel zum Vorschein bringen, die Videospielpresse und das Marketing der „Indies“ funktioniert noch immer leider nicht anders, so ist im Vorfeld etwa über „In The Valley of Gods“ weiterhin so gut wie nichts bekannt. Man kann den Titel zwar schon länger auf dem Radar haben, so wie ich voriges Jahr die ganze Zeit hindurch „Disco Elysium“, genaueres darüber wissen tut man deshalb aber noch lange nicht.

Gerne teile ich jedoch auch mit, was ich kürzlich noch alles aus den vergangenen zehn Jahren zusammengesucht habe. Auszug aus dem VDVC-Forum: ‚2017 hätte ich etwa ganz klar „Last Day of June“ gewählt (ein Spiel zum Dauerbrenner-Thema Liebe), obwohl mir persönlich auch „Nier – Automata“ sehr gut gefiel, und gefällt. 2019 gab es wirklich viel: das „Resident Evil 2“-Remake und „Sekiro“, das beste Spiel von From Software, haben mich beide sehr beeindruckt. Wählen würde ich aber „Disco Elysium“ und „The Untitled Goose Game“. Wollte eigentlich „Death Stranding“ nennen, aber mittlerweile habe ich dort auch (zu viele) Fehler erkannt. Von den anderen Preisverleihungen letztes Jahr: sehr einverstanden war ich mit den Game Awards 2019, sogar mit sämtlichen dort Nominierten. Richtig schlimm fand ich dafür die Steam Awards.
2018 fand ich war ein überaus schlechtes Jahr für Videospiele, dafür fand ich das letzte, also 2019, fast so gut wie 2007. Wählen würde ich „Detroit – Become Human“, auch weil es zugleich meine größte (positive) Videospiel-Überraschung (dicht gefolgt von „Devil May Cry 5“ letztes Jahr) gewesen ist, und ich es für das mit Abstand beste Quantic Dream-Spiel halte.
2017 eben „Last Day of June“. Gut gefallen hat mir auch „Torment – Tides of Numenera“, ein sehr anstrengendes und literarisch anspruchsvolles Spiel.
2016: „Firewatch“. Zum besten Spiel der Zehnerjahre würde ich insgesamt ebenfalls „Firewatch“ küren.
2015 hätte ich in der Nachbetrachtung „Three Fourths Home“ gewählt, das ich aber erst viel später auf der One für mich entdeckte.
2014 in Ermangelung von Alternativen wohl wieder einen größeren Titel: „Dragon Age – Inquisition“, ein Spiel zu dem ich – einmal begonnen – immer wieder äußerst gerne zurückkehre. Stellvertretend für andere wie Fallout ab „Fallout 2“, Baldur’s Gate 1+2, den „The Witcher“-Spielen oder „The Elder Scrolls“ (inklusive Online), aber bei „Inquistion“ fällt mir die Rückkehr jedes Mal deutlich leichter. Bei „Mass Effect – Andromeda“ ebenso, was aber ja prinzipiell dasselbe Spiel wie „Inquisition“ ist (nur im Weltraum und noch unbeliebter).
2013 „BioShock – Infinite“, das einzige Jahr in dem ich guten Gewissens ein großes und (einst) populäres Spiel nennen könnte.
2012 „Dear Esther“: ich kann es fast auswendig und hab es überall gespielt. Zweifellos einer meiner ewigen Favoriten.
2011 „L.A. Noire“ – das immer noch einzige Rockstar-Spiel das ich wirklich mag. Und von den größeren neben „BioShock“ eines der ganz wenigen wo ich von den Anforderungen her keinerlei Bedenken habe: die Darstellung des historischen Nachkriegs-LA halte ich als Videospielwelt für absolut unerreicht. Da können sogar viele großartige amerikanische Filme noch etwas lernen – von „Chinatown“ (1974) bis „Once Upon a Time… In Hollywood“ (2019). Und finde es immer noch mehr als schade, dass „Whore of the Orient“ nicht realisiert werden konnte.
2010 „Cart Life“.

Nachtrag: das beste Spiel der Nullerjahre war für mich neuerdings übrigens „428“ (2008) von Spike Chunsoft, das ich jetzt – wo ich älter und erfahrener geworden bin – auch lesen und verstehen kann, sowie ich jedem der Ähnlichkeiten zu FMV, auch von Atlus ein „Persona“ oder „Catherine“ schätzt, nur wärmstens ans Herz legen darf.‘

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