Disney+ ist (endlich) da!

Heute startete Disney+ in Europa. Der (Streaming-)Dienst, welcher hierzulande die erste ernstzunehmende Konkurrenz für Netflix und Amazon Prime Video darstellt (in Österreich beide seit 2014 erhältlich), kostet monatlich zwar weniger als die Hälfte von Netflix (4K-Produkt mit HDR), weist dafür naturgemäß aber auch nur einen Bruchteil von dessen Vielfalt im Angebot auf. Dennoch vermag das Gebotene durchaus zu beeindrucken.

Die erste Woche gibt’s gratis. Nur beim Vertragsabschluss sollte dabei trotz aller Euphorie vielleicht doch ein klein wenig Vorsicht angebracht sein… Der Konzern bietet zwar PayPal als Option an, will die Daten dafür aber scheinbar unbedingt „innerhalb der Unternehmensfamilie“ teilen – was auch immer das genau heißen soll: nur mit Kreditkarte ging es bei mir jedenfalls auch ohne diese explizit gemachte Teilung.

Zu den inhaltlichen Highlights des Dienstes zählen zweifellos die erste „Star Wars“-Realfilm-Serie „The Mandalorian“ von Jon Favreau mit Gina Carano und Werner Herzog, oder eine National Geographic Reality-Show mit Jeff Goldblum. Alle Marvel Studios-Filme (von „Iron Man“ bis „Avengers – Endgame“) sind in Dolby Vision zu sichten, aber das neueste Material von Disney darf sich trotzdem niemand erwarten: so zwar den ersten „Maleficent“ (sogar in Dolby Vision), aber nicht den zweiten. Dafür sind auch alle Filmmusicals in Dolby Vision da, oder das eine oder andere ältere „Meisterwerk“ – was mich als alten Sierra-Fan besonders erfreut hat: „The Black Cauldron“ (1985, „Taran und der Zauberkessel“). Einige Filme wie dieser, vor allem die Musikfilme aus der Nachkriegszeit (in welcher der Konzern auf Sparflamme kochen musste, Disney-Historiker kennen sich aus), sind selbst nach Beseitigung des Disney-Vault hierzulande nur auf DVD erschienen, werden und wurden recht zögerlich erst nach und nach in HD-Formaten veröffentlicht: gerade für diese relativ seltenen Werke stellt Disney+ mit seinen Standards (mehr dazu gleich im Text) einen enormen technischen Boost dar. Die Präsentationen in deutscher Sprache entsprechen dabei übrigens durch die Bank der von Netflix her gewohnt hohen Qualität, sind also relativ professionell gehalten: ein paar Fehler dürfen sich zum Start wohl einschleichen.

Allerdings sollte selbst mit der Probewoche noch ein paar Monate zugewartet werden: obwohl die Wartezeit auf diese Abonnement-Dienstleistung für heutige, globalisierte Verhältnisse schon ungewöhnlich lang gewesen ist, sind vom Aushängeschild „The Mandalorian“ nur die ersten beiden (!) Folgen vorhanden – Bingen Fehlanzeige: die erste Staffel ist natürlich längst durch, aber so werden längerfristige Verträge abgeschlossen…

Am besten eignet sich Disney+ deshalb bei (vorhandenem) Nachholbedarf: für abendfüllende Unterhaltung, aber vor allem im Kurzfilmbereich. Hier könnte die Auswahl an Cartoons zwar (noch) größer sein, doch auch so ist das Angebot in diesem Bereich beachtlich: es reicht von den Silly Symphonies der frühen Dreißiger bis zu den Pixar-Shorts dieses Jahrtausends.

Technisch setzt Disney wie beschrieben auf Dolby Vision. Lediglich die „X-Men“-Filme von der Centfox liegen in 4K nur mit HDR-10 vor. Es scheinen vielfältige Kooperationen zu bestehen, etwa mit LG, so begrüßte mich mein primäres Fernsehgerät heute Morgen gleich mit dem Hinweis auf die neue App: Dolby Vision wird dort nur in 30hz ausgegeben (und nicht in 60hz wie – leider – immer mehr üblich), das heißt funktioniert auch mit meinem C6, den letzten 3D-OLED. Dafür stürzt die App regelmäßig ab, braucht für einen so alten Fernseher offenbar viel zu viel Speicher.

Die Wunschliste ist dabei begrenzt und war bei mir obendrein fehlerhaft: den halben Tag verbrachte ich heute damit sie zu füllen – immer alles doppelt kontrollierend. Auf anderen Geräten könnte das zwar besser sein, auf eine Installation der App verzichtete ich vorerst jedoch lieber: mein bevorzugter Samsung-Player, oder meine heißgeliebten Xbox One S und X-Konsolen, können alle drei kein Dolby Vision (in 30hz), und die App-Steuerung auf meinem 4K-Player von Sony, den ich mir extra für Dolby Vision zugelegt hatte, ist so schlecht, der hätte das Ergebnis gleich verfälscht.

Auf Jugendschutz (nach deutschen Maßstäben) scheint der Konzern ebenfalls weitgehend zu verzichten: so gibt es die üblichen Warnungen vor Darstellungen von Tabakwaren, den einen oder anderen kulturellen Hinweis bei (harmloseren) älteren Cartoons, aber Freigaben ab 16 Jahren sind hier in Österreich schon rar gesät: das höchste der Gefühle scheint das deutsche FSK-12 zu sein, abzulesen an der Existenz von „Wolverine“ (2009). Das lässt sich vielleicht auch am besten an weiterem Centfox-Content erkennen: so sind die Simpsons verfügbar, aber keine „Akte X“. Ob Material aus dem Giftschrank irgendwann mal hinzugenommen werden wird bleibt derweil völlig offen bis „ist komplett aussichtslos“ – allen voran natürlich der beinahe schon „kriminalistische“ Fall von „Song of the South“ (1946, „Onkel Remus‘ Wunderland“) – die Debatte um den Umgang mit diesem kulturellen Erbe kochte zum US-Launch Ende letzten Jahres zwar wieder hoch, wird seitdem aber nicht mehr weitergeführt.

Doch auch obskure Sachen sind (so oder so bereits jetzt) zu finden: als Vorläufer von „The Sound of Music“ etwa „Almost Angels“ (1962, „Ein Gruß aus Wien“) mit Peter Weck – eine Geschichte um die Wiener Sängerknaben. Und ausgesprochen wenig bis fast gar nichts das ich mir ansah, so wie ausnahmsweise dieser eine Film, nicht in HD. Übrigens lohnt sich die eine oder andere virtuelle Grabung: teilweise werden neuere (schlechtere) Sachen beworben, obwohl die alten auch verfügbar sind – zum Beispiel bei „DuckTales“.

Im Doku-Bereich werden die neuen Naturdokus und ein Disney-Klassiker wie „Die Wüste lebt“ geboten, aber auch durchaus interessante Hintergrundberichte wie „Imagineering Story“ (Trailer unten) wurden produziert. Nur der Musicalfreund in mir wurde zwar mit einer einzigen (Sonder-)Produktion angestachelt, bleibt aber vorerst höchst unzufrieden: lediglich eine Inszenierung (Arielle) ist verfügbar, (noch) mehr an Qualität wäre aber wohl wirklich zu viel verlangt gewesen, denn natürlich ist auch Material (Marke „Hannah Montana“) von den berühmt-berüchtigten Disney-Fernsehsendern exorbitant vorhanden – braucht aber nicht einmal ignoriert zu werden. Sollte zwischendurch doch etwas davon „erwischt“ worden sein hilft zur kulturellen Reinigung erfahrungsgemäß einfach ein kurzer, prophylaktischer Durchlauf von Kontrastprogramm wie „BB Talk“ auf YouTube.

Als erneut diskutabel erweist sich darüber hinaus das HDR von „Star Wars“ bei Disney+: bis auf „Rogue One“ sind hier jetzt sämtliche Teile mit deutschem Bild (Schriftzug, inklusive Fox-Fanfare) in Dolby Vision zu sehen. Auf Discs erscheinen sie (auch „Rogue One“, der hier nur in HD vorliegt) wenn alles gut geht Ende April. Ich habe die Filme nun schon länger vorbestellt, bin seit dem heutigen Tage verständlicherweise aber auch umso skeptischer was deren HDR-Implementierung angeht.

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