Deutscher Computerspielpreis 2020

Eigentlich hatte ich mir ja fest vorgenommen dieses Jahr nichts darüber zu schreiben. Die lediglich verlängerte, aber im Grunde genommen gleich gebliebene Wahrnehmung des Preises hat mich dennoch, einmal mehr und diesmal sogar mehr denn je, dazu bewogen: vor allem aber da dieses Jahr der Anti-Haneke „Systemsprenger“ mehrere Lolas abgeräumt hatte und der Computerspielpreis, nachdem es im letzten Jahr mit „Trüberbrook“ erstmals tatsächlich einen mehr als würdigen Preisträger gab, der Preis 2020 ganz spontan in jenen alten und ursprünglichen Zustand zurückfiel über den ich bislang wohl doch noch zu wenig schrieb – nämlich jenen seiner Kommerzialität.

Ich halte den Deutschen Computerspielpreis immer noch für eine einmalige Chance den dieses Medium auf der Welt hat, damit staatlich in einem Land öffentlich wahrnehmbar gefördert zu werden – und jedes Jahr wird diese Chance gefühlsmäßig in der einen oder anderen Form vertan, bleibt jedenfalls irgendwie ungenützt.

Dabei gab es mit „Through the Darkest of Times“ eigentlich auch heuer wieder ein „Trüberbrook“, das zwar nicht die dunklen Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts in Deutschland beschrieb – aber dafür eine andere Zeit desselben. Am Ende hat es trotzdem nur dafür gereicht als bestes „serious game“ zu gelten. Dabei war es, sehr zynisch gesprochen, auch wieder eines jener seltsamen „Familienspiele“, das nominiert gewesen ist… So wie früher schon unzählige Daedalic-Titel – warum auch immer: diese Nominierungen finde ich peinlich, zum Fremdschämen, nicht wer den Preis präsentiert oder welche Partei dort den Ton angibt. Zur Präsentation frage ich mich nur weshalb es nicht jedes Jahr gelingen kann scheinbar einigermaßen fähige Leute wie Nino Kerl und Barbara Schöneberger dazu zu bewegen, und warum überhaupt Rücksicht auf Social Media-Allüren genommen werden bräuchte. Schließlich zur Partei: die neoliberale CSU ist wenn dann ein Symptom, keine Ursache.

Wobei Fragen wie folgende dort einfach nicht gestellt werden: weshalb soll das Publikum eines Mediums gar in „jung“ oder „alt“ eingeteilt werden. Stereotype werden doch nur gefestigt wenn etwa demonstrativ Beispiele dagegen aufgestellt werden. Oder: weshalb bedarf Ernsthaftigkeit einer eigenen Kategorisierung, soll bei einer Assoziation mit dem Begriff „Spiel“ überhaupt „Spaß“ vorkommen, usw. usf. Fragen die ich seit fünfzehn Jahren stelle. Langsam aber sicher ermüdende Fragen.

Und selten habe ich zur Veröffentlichung eines neuen Spiels jedenfalls so viel dermaßen destruktive und damit absolut ungerechtfertigte „Kritik“ gehört und gelesen, wie zu „Through the Darkest of Times“.

Der Titel scheint von vielen Seiten von Start weg torpediert werden zu sollen. Den Preis für „Anno 1800“ finde ich deshalb noch schlimmer als die doppelte Auszeichnung für „Anno 1404“ vor genau zehn Jahren.

Nein, es geht dabei nicht um die Verwendung von Swastikas oder die Thematisierung des Nationalsozialismus an sich in „Through the Darkest of Times“, sondern vielmehr um dessen was Normalität und Repräsentation im Medium immer noch ausdrücken dürfen. Als Alleinstellungsmerkmal.

Das Lob welches das Spiel erfahren hat war nämlich wenn, dann im Grunde nur oberflächlich vorhanden: im Detail setzte schnell nitpicking ein. Einmal passte für das Genre Computerspiel die gewählten Sub-Genres nicht, dann ging es wieder um die Ökonomie des Spiels und die vermengte Darstellung der verschiedenen Widerstände im Staat, welche die oberflächlich gut gemachte Recherche-Arbeit zunichte machen würden etc. Ich behaupte: keinem anderen Medium das historisches Material fiktionalisiert würden auch nur annähernd ähnliche Vorwürfe gemacht werden, nur hier, weil es hier, bei einem Computerspiel, eben nicht als „normal“ erachtet wird (sich damit zu beschäftigen), weil historisierte Schablonen in keinen aktuellen „Kampf gegen rechts“ passen, gegenwärtige FeindInnenbilder aus dem politischen Alltag darauf nicht wirklich anwendbar erscheinen – da kann das Gebotene eigentlich noch so wenig anstößig sein (wie dies etwa Gewaltdarstellungen früher waren).

Es ist wie die Wiederholung diverser „progressiver“ Blogs, die ihrerseits mit ureigener Blockwart-Mentalität über die Darstellung von dies & das (wie war was, wer ist was) über diverse Bilder „archäologisch“ wachen (angefangen vom Geschichtsbild) – zusammen mit den Namen und Positionen von gerade mal ein bis zwei ausgesprochen gehässigen AutorInnen den weiterhin geringen Platz, welcher dem Medium im Feuilleton wenn dann zugestanden wird, füllen. Diese (höchstens beide, haha) Personen einen Kulturbegriff vertreten, der normierter kaum sein könnte, und deren Fremdenfeindlichkeit in jedem Fall exorbitant erscheint: nein, sie betrifft „fortschrittlich“ keine „dunklen Gestalten“ im Sinne von Philipp Roth oder Dirk van Gunsteren, sondern vielmehr den „hellen“ Nachbarn welcher AfD wählt, die Giftigkeit von Penissen und die Verwerflichkeit von Autosexualität. Alles was nicht in deren längst abgesteckte Gehege, Sozialität als HerausgeberInnen, Identität als „starken Frauen“ und „Familienvätern“ passt (worauf sie ihre jeweiligen Karrieren errichtet haben). Alles wofür sie bei Ausgrenzung und Unterdrückung mit all ihrer Tatkraft halt so zuständig sind und wofür sie so einstehen.

Ja mag sein, dass Titel wie „Trüberbrook“ und „Through the Darkest of Times“ gerade auch in derem (singulärem) Sinne schon entwickelt wurden und werden, doch die weitere Wahrnehmung des Mediums bestimmen diese Einstellungsmerkmale dennoch allemal. Öffentlich sichtbar: sie zementieren alles wofür letztlich geworben wird, bestimmen über „unsere Musik“ (Godard) auf Jam-Sessions und darüber hinaus. Jegliche „Kritik“ die legitim erscheint usw.

Kreative können zwar eigentlich gar nicht wissen was so erwünscht wäre und wie auf etwas reagiert wird, sie werden in dieser Hinsicht immer „Fehler“ machen, aber sie werden in anderen Medien nicht dermaßen kontrolliert.

Diese mehr als sonderbare Wahrnehmung des Mediums, trotz „Videospiele für alle“ und Kulturk(r)ampf gegen Klischees, betrifft andere Medien nicht: wenn es so wenige Leute gibt, die – Gesetz dem Fall – immer noch der „Meinung“ sind einer Öffentlichkeit das Medium und ihr Publikum erst „erklären“ zu brauchen und diese Funktion in der Öffentlichkeit dann auch tatsächlich bereit sind entsprechend wahrzunehmen, wirklich wie „Funktionäre“ einer Obrigkeit zu agieren und als eingeweihte Hüter aufzutreten.

„Through the Darkest of Times“ ist aber nicht das einzige eigentlich politisch korrekte, um Anstand und Eindruck (Aufklärung) bemühte Spiel, das diesen Mechanismen unterlegen ist, oder anders ausgedrückt: nur „Trüberbrook“ war scheinbar harmlos genug.

Eine andere übergangene Produktion war 2019 „Leisure Suit Larry – Wet Dreams Don’t Dry“ (2018).

Für den Titel konnte dem Vernehmen nach letztes Jahr nur einmal abgestimmt werden (am 8. März 2019 für den Publikumspreis, siehe Facebook). Google Search verlinkt zwar für das Spiel auf die Homepage des Computerspielpreises, aber der Link führt ins leere. Der Titel existiert dort ganz einfach trotzdem nicht.

Zur Erinnerung: der Titel war zu wenigstens 90% politisch korrekt, rechnete in vielerlei Hinsicht sogar mit seinen älteren, „sexistischen“ Vorgängern ab und arbeitete damit auch deren Erbe in Deutschland auf, das von seiner Wahrnehmung her wiederum bis ins öffentlich-rechtliche Fernsehen der Bundesrepublik in den 1980er Jahren selbst zurückreicht.

Es wurde innerhalb Deutschlands zwar auf Sparflamme, aber dafür sehr sorgfältig entwickelt, hatte keinen großen Publisher im Rücken, einen Anfang und ein Ende, verfügte über viel deutschen Sprachwitz (ähnlich wie „Trüberbrook“), keinerlei Form zusätzlicher Monetarisierung und hätte trotzdem noch zusätzliche Arbeitsplätze sichern können. Denn zwar gab es, ähnlich wie bei dem von Anfang an finanzstark erscheinenden „Trüberbrook“ auch, einen (späteren) Konsolen-Release, aber im letzten Monat landete es für den PC dennoch als Beilage einer Zeitschrift – als sicheres Zeichen für kommerziellen Niedergang.

Genau dafür wäre der Computerspielpreis zuständig (gewesen). Doch wer oder was verhindert das?

Zunächst wohl der Eindruck einer Verlängerung von Förderungen nach dem Gießkannenprinzip: nein, ein „The Witcher“ oder „Cyberpunk 2077“ brauchen keine EU-Gelder. Genauso wenig wie Ubisoft einen Computerspielpreis nötig hätte: die beiden aus dem PC-Spielemarkt der Neunziger verbliebenen Franchises „Anno“ und „Die Siedler“ werden als traditionelle Videospiele weiterentwickelt und mit Neuauflagen bedacht, weil der Markt dafür hierzulande einfach gerade noch groß genug ist und sich die Millionen-Investitionen für den Konzern weiterhin lohnen (trotz immens gestiegener Entwicklungskosten) – obwohl das international niemand versteht. Ein kulturelles Erbe, oder eine kulturelle Eigenart, wird dadurch dennoch nicht gefördert. „Anno“ und „Die Siedler“ dann gefördert werden, wenn dafür irgendwann einmal (vielleicht auch in nicht allzu ferner Zukunft) kein kommerzielles Interesse mehr bestünde.

Das beste Medium kann zu keinem Zeitpunkt und in keiner Situation auf der Welt das populärste oder kommerziell erfolgreichste sein. Nein, „Sea of Solitude“ hätte auch nicht gewinnen dürfen: dieser dritte der drei nominierten Titel wurde nämlich schon von Electronic Arts gefördert. Dazu zwei unterschiedliche Beispiele aus dem deutschsprachigen Ausland: das Schweizer „FAR – Lone Sails“ wäre ein perfekter Kandidat gewesen, aber die beiden zumindest teilweise in Österreich entwickelten „Ori“-Spiele dafür auch wieder nicht, da dort jeweils Microsoft dahinter steht. Computerspiele funktionieren anders als Filme: Netflix kann ein „Systemsprenger“ jederzeit aufnehmen, im Nachhinein (quasi als kommerzielle Belohnung), bei Computerspielen geht das nicht. Distribution und Entwicklung sind dort untrennbar miteinander verbunden.

Woher also das fehlende Bewusstsein? Ich denke es beginnt bereits in der Beurteilung, darin was vorgeblich ein „gutes“ Spiel ausmacht. Wer etwa ein „Shovel Knight“, allein wegen dessen Mechanik, dafür hält, hat sich aus meiner Sicht schon dafür disqualifiziert. Zunächst geht es in jedem Medium darum worum es geht, wovon es handelt, wie es sich anhört und wie es aussieht – sich anfühlt. Nicht unbedingt um seinen Inhalt, oder seine Erzählweise, aber welche Botschaft es transportiert. Und jedes, wirklich jedes Spiel transportiert eine – ob freiwillig oder nicht, intentional oder unabsichtlich.

Ungeachtet der finanziellen Aussicht als Produkt, oder dessen Ranking auf einer jeweiligen Beliebtheitsskala: genauso wie ein „Call of Duty“ jenen gewissen Leuten, welche den einzigen vorhanden Diskurs über das Medium bestimmen und alles andere konsequent verhindern, immer und immer wieder nur als „Schießbude“ gelten kann, werden auch alle anderen Ausdrucksformen des Mediums entsprechend eingeteilt. Mit Zuständigkeiten versehen: so sind unsägliche Floskeln und Begriffe wie „Spielspaß“ und „serious games“ überhaupt erst entstanden. Wohltätigkeit assoziieren sie nicht mit „Call of Duty Endowment“, „America’s Army“ war für sie auch kein „serious game“, sondern beides mit ganz bestimmten Werten verbunden – Haltungen die sie teilen, oder eben nicht. Dies sei ihnen auch unbenommen, fatal werden diese politischen Ansichten nur dann wenn sie in ein wissenschaftliches Kleid verpackt werden und normiert als „Kultur“ verkauft: für diese Leute mag es etwa selbstverständlich sein, wenn sie den amtierenden US-Präsidenten als „Behinderten“ (keine Imitation) auf ihren „sozialen“ Kanälen „teilen“ oder kommentieren, für (den US-Präsidenten und) mich ist es das nicht. Für sie gehört das zu ihrem Lebensgefühl offenbar dazu, ist das eindeutig eine Form des Wohlgefühls, für andere wie mich schlichter Hass und grandiose Menschenverachtung. Ihre Unterteilung der Welt in Mächtige und Ohnmächtige ist nicht egalitär – ihre eigene vorgeblich egalitäre Gesinnung dafür lediglich Pose und ihr Universalismus daher im Grunde auch keinen Pfifferling wert. Geschweige denn die dazugehörige, humanistische Monstranz: ihre Welt dafür vielmehr eine der „sozialen“ Trennungen, der Unterscheidung zwischen Akzeptanz und Ablehnung. Im Primat der Politik.

Diese Politisierung schränkt letztlich zusätzlich ein: wenn alles unter einer bestimmten politischen Brille betrachtet wird, nach Gesichtspunkten die andere Sichtweisen ausschließen. Andere, ältere Medien, Medien mit mehr Tradition als Videospiele, einer längeren Geschichte der Konfrontation und Auseinandersetzungen unter verschiedenen politischen Systemen (ich denke da, abgesehen vom westlichen Liberalismus, an die von mir hoch geschätzten DEFA-Filme und manch sowjetisches Kino), mögen damit auch mehr Erfahrung haben und dafür weniger empfänglich sein. Insofern geht es auch um Resilienz, dass sich einzelne Firmen bei ihren nächsten Projekten (sofern sie sich denn in der Lage sehen diese unter jenen beschriebenen Umständen überhaupt realisieren zu können) nicht auf diese Wahrnehmung stützen: den Sermon und das ganze Social Media-Gequatsche eher nicht zu beachten und unbeirrt ihr ursprünglich geplantes Ding durchzuziehen, nicht etwa noch Marketing-Kampagnen darauf aufbauen (wie es große Videospiel-Konzerne leider ebenfalls schon vorgemacht haben) welches abwechselnd arrogante und überhebliche „Geschwurbel“ die linksbürgerlich Tonangebenden gerade gering schätzen, nicht „nachvollziehen“ können oder zu „hinterfragen“ pflegen. Zugegeben: große Hoffnungen hege ich diesbezüglich leider nicht mehr.

Der ökonomische Druck scheint vielfach zu groß zu sein (siehe „Senran Kagura 7“), im Zweifelsfall (wenn trotzdem noch entwickelt wird) ganze Kontinente (wie den vereinigten Westen) trotz Globalisierung eher gemieden zu werden.

Diese Nischen sind global betrachtet jedoch sowieso verloren. Für wen auch immer und wer auch immer um sie (nicht) trauert: worum es für den staatlich geförderten Medienpreis in einem einzelnen Markt ginge wäre stattdessen immer eine Alternative zu den Möglichkeiten der Konzernlandschaft (und des restlichen Marketings) zu eröffnen, nicht diese nur mit zu fördern. Die Generosität welche Firmen als PR-Tool nutzen: das kann einfach keine Aufgabe eines Staates, kein Sinn eines Gemeinwesens sein – wäre nicht nur, sondern ist im Falle des Deutschen Computerspielpreises leider nichts als Verschwendung von Ressourcen und damit höchst überflüssig.

Die Starken werden schon genug gefeiert. Immer und überall. Das braucht es nun wirklich nicht auch noch an dieser Stelle. Dieses unsägliche Primat kann überwunden werden: Zeit den Schwachen endlich zum verdienten Siegeszug zu verhelfen.

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