Vor neuem Hays-Code?

Zu Wales Interactive auf Steam (nicht öffentlich): ‚Ich bin ja ein großer Fan von Wales Interactive und verfüge über alle ihre (Film-)Spiele: „Dont‘ Knock Twice“ spielte ich sogar dreimal komplett durch. Auf der Xbox, für PSVR und für die Switch.
Dennoch erstaunt es mich sehr, dass sie das zumindest soweit entwickeln konnten: inhaltlich erinnert es mich an „Cam“ (2018) von Daniel Goldhaber (minus dem ganzen Sex). Und den hat sogar Netflix aufgenommen.
Einen Film in dem die Protagonistin etwa wahllos Videospiele für ihren Bruder zusammenkauft – eine der für mich als Videospieler unerträglichsten Szenen die ich je gesehen habe. Ernsthaft.
Als Exploitation würde ich das trotzdem nicht bezeichnen, sondern ganz klar als Kolportage: bereits seit „Watch Dogs“ (2014) dürfte bekannt sein, dass der Stil in der heutigen Zeit höchst unerwünscht wäre wenn es auf Kosten von Gruppen geht welche es der moralischen Mehrheit zu folge zu beschützen gelte.

Dafür feiern etwa Kolportagen gegen Rechte jeglicher Art fröhliche Urständ‘, vor allem im Dokumentarfilm-Bereich. Aber dass das zurückgezogen wurde könnte vor allem auch am geplanten Konsolen-Release liegen (siehe „Super Seducer“). Entwickelt wurde es von FMV Future, den Machern ihres Erstlings „The Bunker“, also die haben schon verschiedene Studios unter ihren Fittichen – mit ganz unterschiedlichen Ausrichtungen und eigenen Ästhetiken: erst kürzlich legte ich mir hier auf Steam übrigens „Poe & Munro“ zu. Das war bis jetzt der erste Titel aus ihrem Umfeld welcher nicht von ihnen veröffentlicht wurde und nicht für Konsolen erschien. Das könnte auch einen inhaltlichen Grund gehabt haben, von dem die Öffentlichkeit nur nichts mitbekommen hat: ganz abschreiben für einen (etwaig verspäteten) Steam-Release würde ich das jedenfalls noch nicht.‘

Ein neuer Produktionscode für Medien müsste sich demnach etwa einer Prüfung unterziehen, ob sich jemand nicht „offended“ fühlt – bezüglich der Person und deren Erfahrungen im Leben. Es wäre nicht nur völlig uferlos, sondern eine noch nicht dagewesene inhaltliche Gratwanderung der moralischen Gewalt des vermeintlichen „Fortschritts“: wobei der Blick auf Netflix hier so oder so weiterhin bemerkenswert erscheint, das heißt die Hypokrisie dieser Plattform allein (und ihrer Publikumsmagneten).

Bezüglich jener Italienerin etwa, deren Familie Opfer der Mafia wurde und welche vor einigen Jahren einen „Kreuzzug“ (sic!) gegen Inhalte startete, die sie als Verherrlichung des organisierten Verbrechens betrachtete, wäre in einer solchen Zukunft die Norm und keine Ausnahme mehr: eine Bigotterie die im momentanen Kampf „gegen“ Bigotterie freilich noch völlig unvorstellbar ist. True Crime über Drogenkartelle korrespondiert mit der Verharmlosung von Drogen jeglicher Art über den Zeitgeist wunderbar, und auf wundersame Weise ist ebenfalls die Psychologisierung physischer Gewalt, die Wahrnehmung von deren „impact“, längst nicht gleich: es gäbe keinen „Tiger King“ würden Auftragsmörder ähnlich verachtet werden wie Vergewaltiger. Wären Menschenverachtung und Fremdenfeindlichkeit annähernd gleich: würde jemand von weit weg einen auch nur entfernt vergleichbaren Opferstatus „zugesprochen“ (!) bekommen wie eine AfD-wählende Nachbarschaft, die „gute Deutsche“ naturgemäß meiden sollen, und die „Opferrolle“ nicht nur (angeblich wie vorgeblich) „suchen“ würden. Wäre Toleranz und Nächstenliebe tatsächlich präsent, oder, zynisch gesprochen: wäre wenigstens Haß(rede) gleich Hass(rede). Und nicht nur die „Akzeptanz“ der eigenen (!) Werte. Die Grenzen des Egalitarismus: Opfer sind nicht gleich Opfer und TäterInnen scheinbar sowieso nicht.

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