Zu „Deadly Premonition 2“

Replik: ‚Sehe ich grundsätzlich auch so. Nur kann ich nicht nachvollziehen, weshalb sich das Verhalten des Charakters überhaupt zu eigen gemacht wird – ich kann darin nur einen kommerziellen Zwang im Verhältnis zur Öffentlichkeit (also in der public relation) sehen, der jedenfalls nicht für den Autor spricht.

Ich sehe dabei die Spiele eindeutig in der Tradition von André Breton stehend. Und da geht es gerade darum über das Gefängnis der Identität hinaus zu gelangen, die Grenzen der Repräsentation zu sprengen – hinter sich zu lassen. Auch politische Grenzen: Inhalte können dort, in dieser Tradition, beides sein – „links“ und „rechts“. Liberal und autoritär, progressiv und reaktionär.
Regelrecht absurd anzunehmen, dass sich in dieser Tradition jemand „angemessen“, „sozial gerecht“, verhält. Das ist einfach nicht vorgesehen, aber passt nunmal offensichtlich nicht (mehr) in „unsere“ Zeit.

Genau dort verorte ich das Dilemma: kreative Freiheit wird in dieser Situation der ständigen Rücksichtnahme auf die Gefühle (Bedürfnisse) anderer zunehmend unmöglich. Im Mitgefühl, in der Empathie – sachlich also im „dafür sein“ für etwas oder jemandem (wie in der Umweltbewegung oder dem Antirassismus) -, genauso wie im politischen Kampf „gegen“ einen (strukturellen) Missstand.
Es ist dabei keineswegs inklusiv, oder ein Kennzeichen von Diversität, eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe zu „feiern“. Das zeigt sich etwa im Gegenteil, also am zunehmenden Mangel an Feindbildern: es sind darüber nur wenige akzeptable „Gegner“ in Videospielen übrig geblieben, etwa „Nazis“.

Ganz allgemein (das heißt abgesehen von Grenzüberschreitungen wie bei Sex und Gewalt): bei „Cowboys gegen Indianer“ geht selbst der Typus des „edlen Wilden“ (Karl May) schon lange nicht mehr, Kriminalgeschichten ebenso aufpassen dass sie keine Stereotype bedienen usw. Frauen müssen in passiven Rollen vermieden werden, „Stärke“ stets mit Gruppenidentitäten korrespondieren etc.
Wenn nun selbst vormals relativ abstrakte Begriffe wie „urbane Gewalt“ bereits als überaus belastet erscheinen: ich hatte mir zuletzt etwa überlegt wie ein zukünftiges GTA in so einer Situation noch „Satire“ mit einzelnen gesellschaftlichen Gruppen machen könnte (etwa in Florida) – ohne zu einem Ergebnis zu gelangen, und zwar nicht wegen Trump (weil die „Realität“ angeblich die „Satire“ überholt hätte) sondern weil gewisse Dinge einfach nicht mehr angesprochen werden dürfen.

Nur „Videospiele für alle“ herzustellen zu wollen bleibt dabei so oder so eine Illusion, da niemandem wirklich bewusst sein kann welche Gefühle jemand (!) verletzen kann. Es kann gar niemanden bewusst sein, deshalb bin ich eher dafür Inhalte mit dem Gedanken an niemanden (als Vorbild) zu produzieren: den(n) niemand halte ich jedenfalls für das bessere Ideal.
Wobei ich den Realismus in diesem Medium sowieso für einen Irrtum halte: so kann selbst in regellastigen Spielen wie „FIFA“ jemand durch dauerndes Foulspiel durchaus Erfolg haben. Auch das wäre Gewalt, eine Grenzüberschreitung, unfair und dennoch zielführend. Der Multiplayer von Spielen ist häufig (leider) sogar voll davon.
Ich rede vielleicht zugegebenermaßen (zu) leicht, weil ich an den sozialen Medien gewissermaßen von vornherein nicht teilgenommen habe und ich Leute deren „Agenden“ mir nicht gefallen dort sehr schnell blockiere, ich keinerlei Bereitschaft zeige mich mit denen (sozial) persönlich auszutauschen, aber die momentane Entwicklung kann aus meiner Sicht nur zu einer enormen kulturellen Verarmung führen. Da bin ich in der Tat äußerst (kultur)pessimistisch.

Nachtrag: beispielhaft die Bemerkung, dass sich jemand beim Spielen der Titel des Autors nicht mehr „wohl fühlt“. Sicher existieren auch Wohlfühl-Spiele, aber solche (in dieser Tradition) würde ich keinesfalls dazuzählen.
Ich möchte mich nicht wohlfühlen, wenn ich ein solches Videospiel rezipiere. Ganz und gar nicht. Und das hat nicht einmal nur inhaltliche Gründe, sondern betrifft wenigstens teilweise auch die Technik (wie die Steuerung).
Also Videospiele immer „gleich“ zu bewerten erachte ich dabei als wesentlicher Bestandteil des Problems, dieses überaus schwierigen Umgangs mit der „Norm“.‘

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