„Microsoft Flight Simulator“, Teil 1

Das Videospiel des Jahres 2020 wird mit einiger Begründung nicht „Cyberpunk 2077“ (oder „The Last of Us, Part II“) werden, sondern der „Microsoft Flight Simulator“ sein. Weniger inhaltlich versteht sich, als vielmehr technisch und ideell – was in der Covid-gebeutelten realen Welt vorübergehend vielfach erschwert wurde, ermöglicht die Virtualität ganz einfach: die Schönheit unserer Welt zu erkunden und Begeisterung für die vielfältige Natur oder Zivilisation darauf zu entwickeln.

Eine Feier des Planeten Erde (und beiläufige Mahnung seiner Zerbrechlichkeit)

Fotogrammetrie kannte ich bislang vor allem aus der VR: hier wird mit der Technik aus einfachen Luftbildern, und damit der Realität, eine Videospielwelt generiert. Orientiert wird sich dabei in erster Linie an Dächern: historische Gebäude oder Kirchtürme so zwar nicht unbedingt erkannt, mehr als beeindruckend ist das Ergebnis aber allemal. Verzeihlich: unser Carport wird (wegen seinem roten Dach) als eigenes Haus erkannt, dafür werden Schwimmbäder auf Privatgrundstücken absolut vorbildlich umgewandelt. Für Schwierigkeiten sorgen dabei lediglich Bäume und Schatten: Straßenverläufe verschwinden dann schonmal – sei es in Wäldern oder bei urbanen Unterbrechungen durch schattige Gebiete.

In jedem Fall handelt es sich bei dieser Technik um einen Meilenstein in der virtuellen Erddarstellung – vor allem im Vergleich zum herkömmlichen sogenannten AutoGen-Verfahren, das Strukturen eher errät. Ob es handgemachte Nachbauten besser ersetzen kann bleibt dennoch fraglich. Im Idealfall müsste eben immer noch ständig nachjustiert werden:

Das Venedig des Andras Kozma, hier in der FS2004-Version von Lago, wusste Anfang der Nullerjahre bei einer kleinen Gruppe Eingeweihter für große Aufregung zu sorgen. Im letzten Flugsimulator funktioniert die Software nicht wirklich, weshalb ich auf einem Computer den FS9 wieder installiert habe: später kamen Städte wie jene des Zweiten Weltkriegs aus herkömmlichen Flugspielen à la „Blazing Angels“ in der 360/PS3-Generation zwar industriemäßig teilweise dicht ran, das friedfertige Unternehmen des Ungarn blieb aber wohl einzigartig und …
… braucht sich selbst heutzutage gegen die „künstliche Intelligenz+“ nicht verstecken: „+“ deshalb, weil Venedig im neuen „Flight Simulator“ 2020 als Stadt (einfache Landmarke) gekennzeichnet ist und darum davon auszugehen, dass bei einzelnen Gebäuden und Plätzen von Haus aus offensichtlich nachgebessert wurde.

Doch allein besondere Orte wie die ehemalige Benediktinerabtei Mont-Saint-Michel werden darüber hinaus extra mit Stern gekennzeichnet und dürften (ähnlich den wenigen Flughäfen) allesamt neu gebaut worden sein.

Für London existiert bereits jetzt ein kostenpflichtiges Paket zusätzlicher Sehenswürdigkeiten Dritter. Microsoft plant offenbar den neuen Flugsimulator über eine Beteiligung an Mikrotransaktionen mit zu finanzieren: für die alten Flugsimulatoren entstand vor zwanzig Jahren eine eigene Industrie mit speziellen Zulieferfirmen für HobbyistInnen. In den letzten Jahren migrierte diese zu „Prepar3D“, einer Weiterentwicklung der Microsoft-Software durch den Flugzeughersteller Lockheed Martin (ja, einem bösen Rüstungskonzern), bevor einzelne Firmen im Vorfeld bekanntgaben zu Microsoft zurückzukehren (den neuen Flugsimulator zu unterstützen und damit wieder potentiell Anschluss an den Massenmarkt finden zu können) – alles was im Shop von Microsoft jetzt digital erworben wird ist indirekt mit einer altmodischen Punktwährung zu bezahlen (welche an die alten Microsoft Points erinnert, aber Dritthersteller so bereits unterstützt). F2P lässt grüßen: in-app/game (soviel zur Bosheit von Microsoft).

Die Produkte werden dabei nicht als herkömmliche Add-ons verkauft und nicht einmal die erwähnten, dafür nötigen Credits sind im Microsoft Store sichtbar (können so gar nicht direkt erworben werden). Viel hat diese Verschleierungstaktik jedoch nicht geholfen, denn die Bewertungen für den Simulator und seine drei verschiedenen Ausgaben selbst (zwischen 70 und 120 Euro, Upgrades bis 100 Euro) sind derzeit ziemlich katastrophal. Sogar die Kronen Zeitung verschickt aktuell Push-Nachrichten über den dazugehörigen Unmut… Da hilft es anscheinend auch nicht, dass der Titel im Rahmen der Beta-Version des Xbox Game Pass für 4 Euro monatlich (1 Euro im erfahrungsgemäß wiederholbaren ersten Monat) gespielt werden kann. Wer von diesem Zugang nichts weiß verliert bei der teuersten Ausgabe in der Tat über 15 Euro.

Zusätzlich fragwürdig: obwohl der Innsbrucker Flughafen der einzige nachgebaute des deutschsprachigen Raumes in der Standard-Version ist, bietet eine Firma im Spiel-Geschäft für 20 Euro zusätzlich eine eigene, besonders aufwändige Variante an. Ehre wem Ehre gebührt: ein einziges zusätzliches Flugzeug (eine eher unscheinbare Cessna) gibt es ebenfalls. Kostenpunkt 30 Euro – ein für die Flugsimulator-Industrie zwar durchaus „normales“ Preisniveau, aber für das dortige Publikum zweifellos kaum zu ertragen. Boulevard und Mainstream halt ^^

Dafür vorteilhaft: Microsoft selbst hätte wohl keine DVD-Version auf den Markt gebracht, die nicht nur recht ansehnlich ist, sondern noch dazu ein hoffentlich sinnvolles Grunddaten-Paket für die Ewigkeit mitliefert. Doch das übernahm zum Release auch eine andere Firma: das Flugsimulator-Traditionsunternehmen Aerosoft. Und derlei Kooperationen werden hoffentlich weiter vielfältig ausfallen.

Der Elefant im Raum: die vier Jahreszeiten

Als es vor fünfzehn Jahren für die beiden Vorgänger „Flight Simulator 2004 – Das Jahrhundert der Luftfahrt“ (der FS2004 auch bekannt als FS9, erschienen 2003 nach dem 20-jährigen Jubiläum der Reihe) und „Microsoft Flight Simulator X“ (2006) von Drittherstellern erstmals detaillierte Satelliten- und Luftbilder gab, brauchte es das damals noch neue NTFS-Dateisystem damit diese in allen vier Jahreszeiten korrekt dargestellt werden konnten: „Microsoft Flight Simulator“ lässt es nun dahingehend zwar im August schneien, doch als totale Fiktion. Alles be- und verdeckend:

Zunächst beeindruckend, aber im Grunde genommen billigste Effekthascherei: Schneewetter legt über alles eine dicke Decke. Der Boden bleibt zwar vorhanden, doch Bilder darunter werden dadurch irrelevant. Über dem Flugzeug ist vor allem links noch einer der bei dieser Witterung dann häufig auftretenden Regenbögen erkennbar

Also Jahreszeiten existieren im Grunde genommen gar nicht.

Nahe Knittelfeld im Murtal, unweit des Fliegerhorst Hinterstoisser (Zeltweg), kommt im vorhandenen Kartenmaterial eine Winteraufnahme zum Einsatz. Hier das Ergebnis:

„Microsoft Flight Simulator“ verlässt sich mit der neuen Technik 2020 ganz auf sein zugegebenermaßen äußerst beeindruckendes Tageszeiten- und Wettermodell. Vor allem der Sonnenstand wird jahreszeitlich berücksichtigt, aber höchstens Foliage vielleicht nuanciert, das heißt der „Bing“-Boden bleibt – wenigstens aus der Ferne – ansonsten stets derselbe, außer es soll schneien: hier überlappt am rechten Rand das Ende der Startbahn von Zeltweg ein besonders dichtes Schneebild im Hochsommer, während es in über 13.000 Fuß links wieder „grünt“

Damit fangen die Probleme allerdings erst an:

Das Ende der Welt im Flugsimulator 2020: vor der Planung eines Sichtfluges besser bing.com/maps überprüfen!

Ich lebe zum Glück in einer Gegend die vom Bildmaterial her sehr gut erschlossen ist: unweit von hier sieht es dafür schon ganz anders aus. Nach dem Leopoldsteiner See nahe Eisenerz hört die ästhetisch wertvolle Weltdarstellung Richtung Hieflau einfach auf. Es stellt sich dann eine Situation dar in der eine Umwandlung mit den trüben Daten als Grundlage entweder nicht mehr erfolgt, oder nur wenig Sinn ergibt:

Kein schöner Land? Die dichten Wälder im Vordergrund und der majestätische Leopoldsteinersee kümmern sich nicht darum was um sie herum alles vorgeht. Der Erzberg (links oben beim Kompass noch im Bild) hat in keinem Flugsimulator je besser ausgehen, jede einzelne Serpentine ist komplett nachvollziehbar, doch hinter dem See (rechts als Schneise im Wald) besteht der Eindruck von Verwüstung – einer regelrecht kontaminierten Landschaft

Wer sich jetzt fragt ob Google (Maps) nicht bessere Bilder zur Verfügung stünden: ich habe echt noch keine entdeckt! Vielleicht gelingt es Google in der Endfassung (für die KonsumentInnen) an manchen Stellen Schwächen besser zu kaschieren als Microsoft, Microsoft scheint eher dazu zu tendieren Filter wie den grünen oben darüber zu legen (was für den Flugsimulator natürlich fatal ist), doch das gelieferte Grundmaterial wirkt häufig ähnlich schlecht.

Darüber hinaus bestehen offenbar wiederum in Korrespondenz mit den (Luft-)Bildern leider auch topographische Probleme im Mesh: in einer meiner Lieblings-Sichtflugdestinationen von einst, Haines im Süden von Alaska, weisen Berge massive Löcher auf, während der Boden teilweise undefinierbar erscheint.

Grundsätzlich gilt: Industrieländer sind wesentlich besser erschlossen. Das Nord-Süd-Gefälle vermag dabei durchaus zu erschüttern: ein Kurztrip nach Afrika brachte etwa das Ergebnis, dass ich am Victoriasee nach Start im ugandischen Entebbe mit meinem Jet trotz höchster Realismus-Einstellungen mitten in der Savanne ohne jede Schwierigkeit landen konnte, weil einfach nichts dort war das mich dabei gestört hätte. Das wäre mir zwischen den Villen am Wörthersee garantiert nicht gelungen… Mit dem Jumbo, von Tokio-Haneda her kommend, sind am Fuji dafür sogar einzelne Gaststätten auszumachen – an kein (absichtliches) Landemanöver auch nur zu denken.

Es hindert zwar nichts daran die ganze Welt zu erforschen, doch die Qualität dieser könnte unterschiedlicher nicht sein – genauso wie die Lebensbedingungen darauf: das macht „Microsoft Flight Simulator“ zu einem absolut großartigen, aber unfreiwillig auch überaus nachdenklich stimmenden Produkt.

Im zweiten Teil meiner Reportage zum neuen Flugsimulator werde ich mich trotz meiner Enttäuschung über die Ungereimtheiten in Haines, Alaska, um einen Vergleich mit Sichtflug-Gebieten bemühen, die ich als Nachbau bislang vor allem ohne jegliche Bilddaten kannte – wie über Holger Sandmanns „Misty Fjords“-Designs und die „Austria Professional“-Reihe (vor „HD“-Zeiten) von Flugwerk. Darüber hinaus werde ich Norddeutschland mit „VFR Germany“ von Aerosoft, sowie Denver, Colorado, den Nordwesten der USA und New York mit älteren MegaCity- und MegaScenery-Ausgaben von PC Aviator vergleichen sowie neu sichten und bewerten. Mögen die Reisen mit dem „Microsoft Flight Simulator“ erst beginnen und wenn möglich noch länger als die vorerst angedachten zehn Jahre dauern: egal ob VR, Raytracing, Konsolenversion oder sonstige Verbesserungen – als Plattform kann sich der Simulator immer noch nur weiterentwickeln. Gratulation allen daran Beteiligten!

21. August. Comment: ‚As I understand it, the technology of blackshark.ai is also used to create objects out of the data provided by the flat Bing images. It really depends on their quality.

Therefore I wouldn’t call this autogen: I could find my house very easily without living in such a city. In my town the artificial intelligence gets most things right in my opinion, except for the height of buildings. Another big complaint is the complete abscence of churches throughout all of the work it has done where I live. And in a nearby industrial area it couldn’t figure out the nature of some special structures.

Regarding the „real“ photogrammetry areas, which are few and far between, I also suggest they corrected at least some landmarks in some cities by hand, as good as something like San Marco Square in Venice is looking. Maybe they are using a different set of data than what is shown to the public, but the photogrammetry of Microsoft tends to be very distorted (compared to Google).‘

Über pyri

PYRI / / (Pyri) / —— pyri. Steiermark/styria
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