Offener Brief: nein, genau so geht es nicht!

An die Redaktion der „PC Games“!

Bitte, ich beziehe mich hier auf den Text „Liebe in Videospielen: Wenn es Boom macht“ in „PC Games 09/2020“ (78ff.) von Maci Naeem Cheema.

Zunächst möchte ich festhalten, dass ein Artikel zum Thema Liebe wirklich nur davon handeln könnte und sich nicht positiv zwar auch über Liebe, aber vornehmlich „kritisch“ ausschließlich negativ über Sexualität äußern bräuchte welche nicht dem vorgestellten Ideal der Liebe folgt – nicht in die angedachte Dialektik der Liebe passt. Um binäre Geschlechtermodelle, Ideen über „Männer“ und „Frauen“ zur Konstruktion eines patriarchal geprägten Sexismus, oder Heteronormativität, geht es dabei nicht einmal ansatzweise.

Liebe braucht einerseits mit Sexualität nichts zu tun haben, das heißt nicht nur in einem christlichen oder platonischen Sinn, sondern andererseits auch Sexualität nicht mit Liebe korrespondieren: Sexualität kann ebenfalls instinktorientiert begriffen werden, das heißt auf die Befriedigung eines Sexualtriebs verweisen oder abzielen und keineswegs mit Liebesbeziehungen zusammenfallen.

Der Artikel geht jedoch vom Gegenteil aus, er glorifiziert das eine (Liebe) und diffamiert alles andere: der Text konstruiert Liebe ideologisch als eigene Form der Sexualmoral politisch, suggeriert und unterstellt damit, dass jemand der kein Interesse daran (an Liebe) hätte kein erfülltes Sexualleben (ohne Romantik) führen könne. Positive Sexualleben könnten demnach auch nicht selbst bestimmt im Sinne von autosexuell sein, sondern seien immer auf ein liebendes Gegenüber sozial praktisch angewiesen. Alles andere wird in Richtung fragwürdiger Ersatzhandlungen, repräsentativer Falschdarstellungen, „Übersexualisierung“ und Missbrauch gerückt. Anders lässt sich diese Verbindung zwischen Liebe und Sexualität zur Herstellung einer sozialen Liebesutopie nicht erklären.

„Liebe“ wird so zu einem Faktor emotionaler Intelligenz, zu einem Kennzeichen von Empathie – alles andere beinhart ausgegrenzt und verächtlich gemacht.

Als Mensch mit Behinderung und sicher nicht jemand der sich unter diesen Umständen als „Mann“ identifiziert, werte ich den gesamten Text deshalb persönlich als Verleumdung, denunziatorisch, zutiefst menschenverachtend und fremdenfeindlich im wahrsten Sinne des Wortes, da er eine idealisierte Gesellschaft konstruiert in der jede Person erst über ausreichend Glück und Bestätigung im Leben zu verfügen bräuchte um überhaupt mitreden zu können. Das ist das Gegenteil von Teilhabe: der Artikel stellt ein neues Normdenken dar das zwar queere Identitäten inkludiert und sich deshalb für wunderbar inklusiv hält, aber in seiner Beschreibung der Eigenschaften von „Liebe“ gleichzeitig nicht nur die Exklusion sämtlicher anderer Interessen für selbstverständlich hält, sondern deren Verächtlichmachung darüber hinaus regelrecht forciert – sogar für die vordringlichste gesellschaftliche Aufgabe zu halten scheint.

Wer dem nicht zustimmen würde existiert nicht einmal, sollte sich offenbar in Acht nehmen. Auf repressive Maßnahmen wie durch Sony vorbereitet sein. Als öffentlicher Mensch verstehe ich das als Drohgebärde: das ist nichts anderes als Einschüchterung und sexuelle Verfolgung. Das hats nicht mit Diversität zu tun, sondern ist schlagartige Diskriminierung wenn in dieser Welt ohne Objekte der Begierde das begehrende Subjekt damit an den Rand der Gesellschaft gedrängt wird.

Eine Position welche nunmehr quer durch die gesamte Medienlandschaft vorstellig gemacht wird und längst nicht nur Videospiele betrifft, sondern Videospiele sollen sich dem Zwang dazu gefälligst auch unterordnen und als neueres Medium noch dazu eine Vorbildfunktion einnehmen (zusätzliche Verantwortung tragen) – überaus zynisch gesprochen diesbezüglich eine besondere „Sensibilität“ für diese neuen Formen der Ausgrenzung entwickeln.

Moralische Gewalt

In der Bildunterschrift zu einem der beliebtesten Feindbilder in dieser Hinsicht, der „Dead or Alive“-Franchise, heißt es, dass „sexuelle Figuren funktionieren“ könnten solange sie keine traditionellen Geschlechterrollen transportieren würden.

Aus welcher Sicht und für wen? Die Folge ist, dass in heutigen Videospielen praktisch ausschließlich jene Ehestandsbewegungen funktionierender Körper, die Titel wie „The Witcher III“ oder „The Last of Us, Part II“ vorstellig machen, Akzeptanz finden – Begehren und Verführung moralisch kriminalisiert werden: wer ein erfülltes Leben in diesem Neuen Biedermeier, dieser neuen Bürgerlichkeit der Bilder, will, lebt dieses Leben schon (in den eigenen vier Wänden) – wie auch immer ein Kennenlernen, eine Annäherung auf diese Weise politisch eigentlich noch stattfinden soll (sofern dies eben gar erwünscht wäre).

„Männer“ stellen sich selbst als fürsorgliche „Familienväter“ dar (weshalb gibt es eigentlich keine „Familienmütter“?), Frauenbilder gelten nur dann als „stark“ wenn sie bereits keine „Hausfrauen“ mehr darstellen usw.

Die Darstellung von „Super Seducer – How to Talk to Girls“ (2018) kann für diesen Umgang mit unliebsamer (oder auch nur eingebildeter) Sexualität als exemplarisch gelten: in keiner Weise legt das Ratespiel Übergriffe nahe und es behauptet auch keine Gültigkeit für den sozialen Umgang mit realen Mitmenschen. Es ist vielmehr ein triviales und ja, im Ansatz vielleicht sogar verklemmtes Gedankenspiel mit Multiple-Choice Frage-Möglichkeiten, die zur Auswahl stehen. Die diffamierende Darstellung in dem Artikel sollte deshalb in jedem Fall zivil- und strafrechtlich relevant sein und nicht mehr unter die Pressefreiheit fallen – nicht nur aus Sicht Kreativer, sondern auch von öffentlichen RezipientInnen wie mir, deren Image dadurch massiv in Mitleidenschaft gezogen wird.

Die wenigen sexualisierten Darstellungen in dem Titel reichen über einen handelsüblichen Unterwäsche-Katalog nicht hinaus, weshalb die so vorgestellte Ideologie – nicht nur klischeehaft sondern in letzter Konsequenz wirklich – bis weit in die 1950er Jahre zurückwerfen kann. Ich kenne die Bücher des Autors zwar nicht, aber der Tonfall der beiden bislang veröffentlichten Spiele ist in jedem Fall eher humoristisch als er jenem eines Lebensratgebers entsprechen würde. Genauso wenig wie die „Anno“-Spiele tatsächlich Historizität beinhalten, befindet sich in „Super Seducer“ keine „Realität“ sondern Unterhaltung (!) die nicht ernst genommen werden braucht. Kein Wunder also, dass der Titel im Text mit „billigem“ sexuellen Ausdruck assoziiert wird, weil sexuelle Interessen ohne das skizzierte Ideal der Liebe nicht gebilligt werden, dafür eben keinerlei Empathie, Verständnis oder Toleranz vorhanden sind.

Gelebte Intoleranz

So als ob es diese Interessen nicht geben würde, obwohl sie fester Bestandteil der menschlichen Erfahrung sind – genauso himmelschreiender Unsinn, Bigotterie und Heuchelei wie die Implikationen von Heterosexualität gleich selbst zu leugnen (aus der Welt schaffen zu wollen), nur weil auch noch andere Formen von Sexualität, wie Asexualität, im öffentlichen Raum präsent sein sollten: asexuelle Belästigung. Zucht und Ordnung.

Die Betroffenheit des Autors von „Super Seducer“ über die Wahrnehmung seines Werks, welcher dieser im zweiten Teil (also „Super Seducer 2“) zum Ausdruck brachte, dafür ernst zu nehmen, denn nichts an dieser Wahrnehmung ist rational nachvollziehbar sondern alles einfach zurückzuweisen – so nachdenklich sie stimmen mag: also, woher kommt dieser Hass gegen sexuelle oder vermeintlich sexuelle Darstellungen, diese Angst vor diesen Darstellungen, wenn es vorgeblich doch um „Liebe“ gehen soll?

Hinzu kommt, dass Titel wie „Dream Daddy – A Dad Dating Simulator“ (2017) bezeichnender Weise ständig als positive Gegenbeispiele dafür herangezogen werden, doch „Dream Daddy“ ist kein Videospiel über einen homosexuellen Vater – eigentlich überhaupt kein Spiel über Homosexualität –, sondern vielmehr Ausdruck jener asexuellen Belästigung und neuen Bürgerlichkeit: der Mann in dem Spiel wird komplett auf seine bürgerliche Eigenschaft als Vater reduziert, ob queer oder nicht, und dem Kind in absolut perfider Weise noch dazu eine Form von „Mitspracherecht“ in seiner Liebesbeziehung eingeräumt. Die komplette Verbürgerlichung, Funktionalisierung und Institutionalisierung von Sexualität die eigentlich längst keine mehr ist, nur noch romantisierte Elternschaft.

Besonders problematisch wird es zudem aus pädagogischer Sicht, dann nämlich wenn ein junger und sexuell noch nicht gefestigter Mensch sich fragt: bin ich denn etwa ein schlechter Mensch, wenn ich bestimmte Darstellungen attraktiv finde welche in diesem Text offenkundig abgelehnt werden? Die Parteinahme und „Handreichung“ einer Zurückhaltung des Gillete-Werbespots von Anfangs 2019 (We Believe – The Best Men Can Be) den aktuell Colgate variiert: ein Gefängnis der normierten sexuellen Unterdrückung, Kriminalisierung und Pathologisierung sexueller Impulse, sowie letztlich ein militanter Angriff auf die Zivilisation an sich – in der sexuelle Freiheit und Freizügigkeit zunehmend zu bedrohten Gütern und Privilegien werden. Früher war zwar längst nicht alles besser und gab es tatsächlich viele auch durchaus sexistische Videospiele, aber zumindest die „PC Games“ war einmal ein doch eher prononciert unpolitisches Games-Magazin und sah sich nicht für die breitenwirksame Aufbereitung der Orthodoxie dogmatischer Theorieorgane zu menschenverachtenden Begriffen wie jenem der „giftigen Männlichkeit“ zuständig. Wo sind diese Zeiten bloß hin?

Jürgen Mayer

Steiermark, Österreich

Mit Abstand mein Lieblings-Videospiel zum Liebesthema.
Aus dem Jahre 2017 (für PlayStation 4 und Microsoft Windows), 2018 für Nintendo Switch

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