Neuer Leserbrief an „M! Games“

Teilhabe und Miteinander

Als ehemaliger Abonnent wollte ich Euch nach fünf Jahren Pause wieder eine Chance geben und begann durch Zufall in diesem Sommer erneut Euer Heft zu lesen. Der Grund weshalb ich damit nun nach nur drei Nummern jedoch schon wieder aufhören werde war leider keine Überraschung für mich, sondern die halbe Seite welche Ihr in der heute erschienen Ausgabe (M! Games 325, Seite 91) „Kandagawa Jet Girls“ widmet. Die nächsten Monat zu erwartende Kurz-Tirade gegen „Onechanbara Origin“ werde ich mir so gleich lieber ersparen.

Ich kann zwar sicher nicht erwarten, dass über diese überaus einseitig negativen Ideen zum Subjekt-Objekt-Verhältnis zwischen (Darstellungen von) Menschen und (anthropomorphen) Figuren in sexueller Hinsicht einmal nachgedacht wird (welche der heutige Zeitgeist so mit sich bringt), aber darf zumindest darauf hinweisen, dass auf dieser Welt auch noch andere Vorstellungen von Erotik existieren als sie die Gewalt der Körper aus den Ehestandsbewegungen der Mainstream-Spiele wie demnächst zweifellos „Cyberpunk 2077“ nahelegen. Es ist weder inklusiv, noch besonders reflektiert oder zeugt von großer Fortschrittlichkeit, Repräsentationen auf unliebsame Körperbilder und Zuschreibungen von „verkappten Spannern“ zu reduzieren, sondern schlicht das glatte Gegenteil dessen: ausgrenzend und verletzend.

Ich als Rezipient bin mit meinen 40 Jahren auch sicher nicht „pubertär“, unreif oder sonst irgendetwas in dieselbe Richtung – geschweige denn dass das was bei diesen Wahrnehmungen als Vorurteil immer mitschwingt zutreffen würde, das heißt dass sich das Publikum unbedingt als „männlich“ identifiziert. Ich kann diese Ideen jedenfalls weder verstehen noch auch nur ansatzweise nachvollziehen, sondern sie nur zurückweisen.

Als Mensch mit Behinderung betrachte ich dieses ständige Insinuieren auf eine zurückgebliebene Persönlichkeitsstruktur im Publikum (oder minderbemittelte Körper) dabei vielmehr als zusätzliche Form der Diskriminierung: ich finde die Äußerungen von Herrn Steppberger einmal mehr dermaßen beleidigend, dass ich meine sie sollten wenigstens hier in Österreich (als Verhetzung) strafrechtlich relevant sein. Ansonsten frage ich mich wer Menschen wie mich so eigentlich schützt: nein, es ist nicht nur „Meinung“, sind nicht nur Ressentiments. Hier findet eine Aufstachelung zum diffamierenden Hass und zur Denunziation statt, die ich in der Folge womöglich augenblicklich fast mechanisch am eigenen Leib erleben darf – wenn am PSN, auf Steam oder auf sonst einer Plattform auf meine Präsenz von anderen Usern „entsprechend“ reagiert wird. Vorsichtig formuliert.

Regelmäßig lassen sich nunmehr, öffentlich leicht überprüfbar, auf Steam oder Twitch Kommentare von einfachen Usern finden die fordern dass Anime-Titel oder Personen die Anime repräsentieren dort „weg“ gehörten, vor allem wenn sie auch nur ansatzweise sexuell wirken häufig mit (Sexual-)Verbrechen in Zusammenhang bringen. Mein Vorteil mag sein, dass ich auch noch gänzlich anderes spiele (von PES bis „Panzer Corps“) und deshalb nicht die volle Breitseite davon abbekomme.

Und ja, es sind nun wirklich sehr viele Gründe denkbar sich in der einen oder anderen Form mit einem Videospiel und dessen Inhalten auseinanderzusetzen – und nicht alle dürften naheliegend sein. Ebenso verhält es sich mit den Lebensentwürfen der Menschen, die eben nicht alle (trotz der Losung „Videospiele für alle“) an bürgerlichen Zweierbeziehungen interessiert sind, die aber gleichzeitig auch keinen asexuellen Kampf gegen „(Über-)Sexualisierungen“ unterstützen. Sogar jüngere Menschen werden sich deshalb sozial nicht selbstverständlich in von der Videospielpresse idealisierten Titeln wie „Florence“ (2018) wiederfinden – so nicht repräsentiert werden und ihrerseits Gefahr laufen von ihren Mitmenschen verfolgt und verächtlich gemacht zu werden. Eine vielfältige Welt wird so weder abgebildet noch hergestellt, sondern vielmehr bedroht und eingeschüchtert.

Ist Euch das der Beifall der Mehrheit den Ihr dafür erntet, die große Zustimmung welche Ihr für Euer Verhalten findet, wirklich wert?

Oder wie wäre es zur Abwechslung mal in der Rezension zu einem x-beliebigen Shooter zu suggerieren, dessen Zielpublikum würde aus „verkappten Mördern“ bestehen?

Ich bin mir zwar sicher, dass bei diesem „Bewusstsein“ kein Umdenken in dieser Sache erfolgen wird, hoffe aber dafür auf (und bitte um) ein wenig Zurückhaltung im Umgang mit Vorwürfen, Eindrücken und Zuschreibungen.

Wir teilen zwar sicher nicht dieselben Werte, dasselbe Weltbild und dieselbe Weltanschauung, aber Zurückhaltung bei Be- und Verurteilungen sollte doch eine Option sein, die auf geteiltes Interesse stößt – der mögliche Vorgang eines respektvollen Umgangs.

Jürgen Mayer Steiermark, Österreich

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